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Hat bald die Mütze in Stuttgart auf: Armin Petras.

Maxim-Gorki-Theater

Intendant Armin Petras geht

Nach Schwaben: Ende der Saison verlässt Armin Petras das Maxim-Gorki-Theater und wechselt ans Staatstheater Stuttgart. Seine Intendanz war vor allem ein energetisches Wunder mit vielen Glücksmomenten. Eine Bilanz

Von Ulrich Seidler

Nach Schwaben: Ende der Saison verlässt Armin Petras das Maxim-Gorki-Theater und wechselt ans Staatstheater Stuttgart. Seine Intendanz war vor allem ein energetisches Wunder mit vielen Glücksmomenten. Eine Bilanz

Am 24. Oktober will Armin Petras als neuer Intendant das Stuttgarter Schauspielhaus eröffnen. Noch ist das Haus nicht fertig, seine Sanierung, für die ein Jahr eingeplant war, zieht sich nun schon über drei Jahre hin. Nun, da können wir von hier aus nichts machen außer hoffen. Aber dass Petras noch keine Wohnung gefunden hat in seiner neuen Arbeitsheimat, dem wird sich wohl abhelfen lassen. Wo doch so viele Schwaben nach Berlin ziehen. Es muss nichts Großes sein. Eine Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnung in Radelnähe zum Theater wäre gut, gern mit einem Frühstückslokal in der Nachbarschaft. Bitte nur ernst gemeinte Zuschriften an das Maxim-Gorki-Theater.

Niemand glaube ihm, dass er sich auf Stuttgart freue, sagt Petras, dessen Vertrag am Gorki eigentlich bis 2016 verlängert war. Vor anderthalb Jahren aber nahm er überraschend das Angebot aus Stuttgart an. Gute Gründe liegen auf der Hand: Das Ensemble dort ist anderthalb mal so groß, die finanzielle Ausstattung vergleichsweise auskömmlich; das Theater hat einen anderen, bürgerlich verankerten Stellenwert in der Stadt, wohingegen das Gorki immer wieder als Verschiebemasse in Sparmodellen herhalten musste. Und man muss sich in Stuttgart mit weniger Konkurrenten als in Berlin die Aufmerksamkeit des Publikums und des Feuilletons teilen.

Vielleicht kann sogar mal so etwas wie Muße einkehren. Petras wird gar nicht mehr wissen, was das sein soll nach dem Gewirbel, das in den letzten sieben Spielzeiten durch das Gorki-Theater fegte. Über zweihundert Inszenierungen in sieben Jahren – wobei die vielen kleinen, kurz probierten Werkstatt- und Spektakelprojekte nicht mitgezählt sind. 86 Premieren auf der großen Bühne ? das ist, wenn man die Sommerpausen abzieht, im Schnitt mehr als eine große Produktion pro Monat.

„Als Vorbild bin ich einfach nicht gesund“

Wenn man die Premierenchronik in „Offene Rechnungen“, dem bei Theater der Zeit erschienenen Buch zur Petras-Intendanz, durchblättert, merkt man auch, wie viel man schon wieder fast vergessen hätte. Ähnlich wie bei dem Gorki-Ensemble ist es mit dem Repertoire: Es gibt weder Stars noch Sternstunden. Petras sucht auch nicht danach. Er ist zuerst inhaltlich an einer Sache interessiert. Für die Form fehlt ihm manchmal die Geduld. Diesem Umstand verdankt sich die Lebendigkeit und Echtheit seiner Inszenierungen. Manchmal kippte es ins Wurschtige ? vermutlich dann, wenn Petras gedanklich schon wieder woanders war.

Noch ein paar Zahlen aus dem Sieben-Jahre-Dauersprint: Ungefähr 3?000 Vorstellungen wurden von knapp 600.000 Zuschauern besucht, zahlreiche Gastspiele des Ensembles nicht mitgezählt. Die durchschnittliche Auslastung lag bei absolut zufriedenstellenden 78 Prozent. Sieben Millionen Euro wurden eingenommen. Die Zuwendungen stiegen zwar von 8,3 Millionen Euro (2006) auf 9,6 Millionen (2012) an, aber diese Steigerung brachte keinerlei Entspannung für den Produktionsetat, denn das aufgestockte Geld ging vollständig für die Tariferhöhungen drauf. Trotz der hohen Premierenschlagzahl versuchte Petras bereits ab der zweiten Spielzeit durch eine Koproduktionsoffensive die Unterfinanzierung seines Hauses zu flicken. „Das ging auf die Knochen des Ensembles“, sagt Petras. „Da sind die Leute dreimal pro Woche nach der Probe auf Gastspielreise nach Leipzig, Dresden oder Hamburg gefahren, spät in der Nacht nach Hause gekommen, um am nächsten Tag weiter zu probieren.“

Wenn Petras nun Bilanz zieht, ist das ? neben seinem gebremsten Enthusiasmus bei den Repräsentationspflichten und der Lobbyarbeit ? vielleicht sein schwacher Punkt. Diese permanente Limit-Nähe ist riskant, zumal sich der Workaholic Petras selbst als Maßstab hat: „Als Vorbild bin ich einfach nicht gesund.“ Gelindert hat er diese energetische Dauerüberforderung mit seiner Begabung, ein Team zu motivieren. Die gute Laune und eine brummende Schaffenswut kann man an dem Haus greifen ? zwischendurch auch die Erschöpfung. Und immer kam wieder was Neues!

Glücksmomente und Enttäuschungen

Dramatiker-Nachwuchs sollte gepflegt werden, es gab sogar Hausautoren. Das Theater sollte sich der Stadt und ihren Institutionen öffnen; es gab Zusammenarbeiten und Expertenreihen mit dem Deutschen Historischen Museum, mit den Schauspielschulen, mit dem Rütli-Campus, mit der Charité, mit den Festspielen. Es gab groß angelegte Feldforschungs- und Spielreisen nach Krakau und Wittenberge. Es gab elf Spektakel, und ein zwölftes, mit „Fünf Tage im Juni“ nach dem Roman von Stefan Heym über die Ereignisse von 1953 betitelt, wird vom 12. bis 16. Juni die Petras-Ära abschließen. Geplant sind noch einmal 17 Inszenierungen und ein Musik-Programm auf den Bühnen des Hauses, im Garten und in der Nachbarschaft. Da kriegt man schon einen Tinnitus, wenn man sich das Programm nur durchliest.

Es war eine tiefe Kränkung, als Kulturstaatssekretär André Schmitz die Bitte um eine Zuwendungserhöhung um 400.000 Euro mit der Bemerkung abschmetterte, dass es doch bisher auch so gegangen sei. Sah Schmitz denn nicht, dass die Künstler ? lauter Musterexemplare der Selbstausbeutung, wie sie sich flexibler, einsatzbereiter, aufopferungsvoller kein Firmenchef wünschen kann ? auf dem Zahnfleisch krochen? Dass es an die Substanz ging?

Petras schloss in seiner Not das Gorki-Studio und beraubte sich so nicht nur einer Nebenspielstätte, sondern eines Ausprobier- und eines Begegnungsraums, der für diese Art Hals-über-Kopf-Theater eigentlich unabdingbar ist.

Petras sagt zwar, dass es Enttäuschungen gegeben habe in den sieben Jahren ? Weggänge und Flops ? dass aber seinem Eindruck nach das Haus jederzeit funktioniert habe. Die Kritik nahm all diesen Schaffenskraft wohlwollend, aber auch skeptisch zur Kenntnis: Wo viel ist, ist auch viel Mist. Dass es auch massenhaft Glücksmomente gab, daran gewöhnt man sich schnell. Petras ist eben nicht der Typ, der sich künstlich rar macht. Was er wert ist, wird man nun merken. Nach dem Schlussspektakel kehrt erst einmal Ruhe ein. Die neue Intendantin ? Shermin Langhoff vom Ballhaus Naunynstraße ? hatte wenig Vorbereitungszeit und öffnet das Haus unüberstürzt erst Mitte November.

Fünf Tage im Juni. Abschiedsspektakel vom 12. bis 16. Juni, Gorki-Theater, www.gorki.de, Tel.: 20.22.11.15

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