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Jodie Whittaker (The Doctor, M.) mit Team: Tosin Cole (l.), Bradley Walsh und Mandip Gill.

„Doctor Who“

Innen größer als außen

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Die erste Frau seit 1963: Jodie Whittaker verkörpert die 13. Regeneration der britischen Kultfigur Doctor Who.

Lieben Sie Serien? Fantasy, die sich mit realen Szenarien verschränkt? Schauspielerisches Virtuosentum und britischen Humor? Willkommen im Universum von „Doctor Who“! Und wenn Sie jetzt fragen: „Doktor wer?“, weil es Ihnen gelungen ist, die letzten 850 Folgen dieser BBC-Serie doch zu verpassen, sind Sie umso glücklicher zu schätzen: 37 Staffeln liegen vor Ihnen, mit ihnen der Weltraum, unendliche Weiten, die Gesamtheit aller Zeiten dazu – und neuerdings auch noch beide Geschlechter in allen Rollen!

Tatsächlich ist „Doctor Who“ sogar noch älter als „Raumschiff Enterprise“, auch wenn Letzteres schon ab Anfang der Siebziger in Deutschland ausgestrahlt wurde und „Doctor Who“ erst seit Ende der Achtziger. Seit 1963 läuft (mit einer Unterbrechung zwischen 1989 und 2005) die Geschichte um einen außerirdischen Zeitreisenden, den letzten Timelord vom zerstörten Planeten Gallifrey, der in jeder Folge die Erde rettet. Oder ein Stück Welt von anderswo. Sein Raumschiff, die Tardis, ein Objekt mit eigener Intelligenz, sieht aus wie eine alte Polizei-Notrufzelle, ist – legendäre Feststellung aller Personen, die sie erstmals betreten! – von innen viel größer als von außen und bietet alles, was seine Bewohner jeweils gerade brauchen.

Der Doktor reist nämlich nicht allein, sondern hat menschliche Begleiter, manchmal über viele Staffeln und auch verschiedene Doktor-Besetzungen hinweg. Dass die Figur des Timelords so angelegt ist, dass dieser „regenerieren“ kann, also ein neues Leben in einem neuen Körper bekommt, wenn seine zwei Herzen als Folge eines – von seiner Seite stets nur mit Köpfchen und einem Schallschraubenzieher ausgetragenen – Gefechts doch einmal aufhören zu schlagen, hat produktionspraktische Gründe (Wechsel des Hauptdarstellers möglich), gibt der Sache jedoch auch eine ontologische Dimension (überpersönliches Bewusstsein) und bietet einiges an Unterhaltung, weil sich jeder neue Doktor selbst erst einmal kennenlernen muss.

Großartig die erste Folge des elften Doktors Matt Smith, der im Garten der kleinen Amelie Pond bruchlandet und in ihrer Küche eine Fress- und Spuckarie aufführt, bis er endlich weiß, was ihm schmeckt: Fischstäbchen mit Vanillesoße. Oder Peter Capaldi, der zwölfte Doktor, der auf der Suche nach sich selbst im Nachthemd durch das viktorianische London irrt und schließlich an seinen buschigen Augenbrauen – „zornige Augenbrauen, die aussehen, als wollten sie ihren eigenen Augenbrauen-Staat gründen“ – erkennt, dass er Schotte sein muss. Als 13. Regeneration des Doktors ist mit Jodie Whittaker jetzt erstmals eine Frau zu sehen. Ab Oktober liefen die Folgen in der BBC, ab Januar wurden sie auch in Deutschland gestreamt, ab heute sind die DVDs zu kaufen.

Der neue Doktor hat gleich drei Begleiter

Die 1982 geborene Whittaker spielte unter anderem in Chris Chibnalls BBC-Krimi-Serie „Broadchurch“ (2013 – 2017) – übrigens neben David Tennant, dem zehnten Doctor Who, und Arthur Darvill, einem Begleiter des elften Doktors –, und als Chibnall zum neuen „Showrunner“ der „Doctor Who“-Serie wurde, brachte er sie gewissermaßen mit. Ebenso wie mehrere neue Autoren und die Idee, dem 13. Doktor gleich drei Begleiter beizugesellen. Wie bisher wechseln die Folgen zwischen irdischen Zeitreisen und intergalaktischen Situationen, sind narrativ aber dichter als viele Episoden in der Vergangenheit, die auch schon mal in die Albernheit abdrifteten oder dramaturgisch allzu sehr klapperten. Die Gruppe als solche spielt jetzt eine größere Rolle, der Doktor ist weniger exponiert, ohne deswegen alltäglich zu sein.

Erst in der zehnten Minute der ersten Folge tritt Jodie Whittaker auf. Direkt aus dem Himmel fallend, kracht sie durch das Dach eines englischen Vorortzuges, in dem sich gerade außerirdische Technologie selbstständig macht und die Reisenden bedroht, unter denen auch die zukünftigen Begleiter sind: Ryan, ein Junge mit Koordinationsstörungen, die Polizeischülerin Yasmin und Graham, der Mann von Ryans Oma. Die Frage des Geschlechterwechsels spielt dabei eine angenehm untergeordnete Rolle. „Warum nennen Sie mich Madam?“, ist der Doktor irritiert. Yasmin: „Weil Sie eine Frau sind?“ – „Bin ich das? Steht es mir? Vor einer halben Stunde war ich noch ein grauhaariger Schotte.“ Verglichen mit dem inneren Drama, das der Alterungsschub von Matt Smith zu Peter Capaldi bei der Figur und seiner Begleiterin auslöste, ist das von geradezu visionärer Coolness. Ohnehin spielt Jodie Whittaker ein eher androgynes Wesen. Koboldhaft schnell und ungerührt, geschlechterübergreifend nerdig, von fast androider Gleichgültigkeit gegenüber ihren eigenen Befindlichkeiten, mit kindlich-unverstellter Genialität und authentisch nordenglischem Dialekt, ist sie übermenschlich, ohne aufzutrumpfen.

Vor allem in der Verkörperung von Matt Smith war der Doktor ja immer ganz großes Tanztheater. Toll sein Marsch durch den Umkleideraum eines Krankenhauses, in dem er sich mit weit ausgreifender Gestik sein Kostüm zusammenstellt (Schnürstiefel, Hosenträger, Jackett und Fliege), um dann auf dem Dach des Hauses einem feindlichen Raumschiff mit ausgebreiteten Armen zuzurufen: „The doctor can see you now!“ – „Der Nächste bitte!“

Theaterhafte neue Folgen

Theaterhaft sind natürlich auch die neuen Folgen wieder. Die Gefahr ist immer genau so groß wie die Angst davor gespielt wird, egal wie playmobilhaft oder niedlich die Bedrohung auch aussehen mag. Sowieso ist die Figur des Doctor Who ja eine einzige Metapher für die Idee der Rolle an sich: ewig wandelbar, sich selbst fortschreibend – und mit ihrem Kostüm identisch. Jodie Whittakers Doktor muss erst von Yasmin (Mandip Gill) darauf aufmerksam gemacht werden, dass der Crombie-Mantel ihres Vorgängers an ihr völlig daneben aussieht, und in einem Kaufhaus wählt sie stattdessen blaue Clochardhosen mit Hosenträgern, einen blauen Pullover mit Regenbogenstreifen, Schnürboots und einen rätselhaft unpraktischen, aber formschönen Kapuzenmantel. Eine Mischung aus Tramp und Zauberer in Frühlingsfarben – das ist gut gelaunt und nach allen Seiten offen.

Diversität spielt nicht nur in der Besetzung, sondern auch in den Geschichten eine Rolle. So geht es zu Rosa Parks ins Alabama der fünfziger Jahre und ins hexenverfolgende England des 17. Jahrhunderts, und aus dem galaktischen Personal sticht als vielleicht etwas zu streberhaft der schwangere Gifftaner Yoss hervor, der bei der Geburt am liebsten Männer um sich haben will, wobei die Schwangerschaft interessanterweise nur eine Woche gedauert hat. Nichts anderes soll hier vorweggenommen werden, nur dies vielleicht noch: Auch für die zwölfte Staffel im kommenden Jahr ist Jodie Whittaker schon unter Vertrag. Und das ist durchaus gut so.

Zur Sache

Seit 1963 hat die BBC 851 Episoden produziert, wobei es nach 16-jähriger Pause 2005 mit Christopher Eccleston, David Tennant, Matt Smith, Peter Capaldi und jetzt Jodie Whittaker in der Hauptrolle weiterging. Die Folgen werden seit April nicht mehr im Abo gestreamt, sondern können online nur gekauft oder geliehen werden. Die DVD-Box der elften Staffel ist soeben bei Polyband Medien erschienen und kostet 24,99 Euro.

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