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In Dresden soll 1995 ein „sächsisches Silicon Valley“ an der Elbe entstehen. In Berlin-Adlershof wird zur gleichen Zeit „ein deutsches Silicon Valley“ geplant
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In Dresden soll 1995 ein „sächsisches Silicon Valley“ an der Elbe entstehen. In Berlin-Adlershof wird zur gleichen Zeit „ein deutsches Silicon Valley“ geplant.

Update

Im Silicon Valley

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Die Schweiz und der Technologie-Standort in Kalifornien haben vieles gemeinsam. Woran liegt das?

Die Schweiz ist überall. Allein in Deutschland gibt es einhundertvierundzwanzig Schweizen, fünf bis sechs davon liegen in Hessen: die Flörsheimer Schweiz, die Hessische Schweiz, die Hinterländer Schweiz, die Nassauische Schweiz und die Örksche Schweiz, die mit der Waldeckischen Schweiz entweder identisch ist oder auch nicht. Es scheint sich um eine Modeerscheinung aus dem 19. Jahrhundert zu handeln, jedenfalls beklagt sich Theodor Fontane 1862 in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ darüber, dass „die Schweize“ jetzt immer kleiner würden. Ich entnehme diese Informationen einer langen Liste im Wikipedia-Eintrag „Schweiz (Landschaftsbezeichnung)“, aus der man unter anderem erfahren kann, dass Neuseeland als die Schweiz des Pazifiks gilt.

Die Schweiz des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts ist das Silicon Valley. Leider gibt es noch keine praktische Wikipedia-Liste, die alle Orte verzeichnet, an denen in Deutschland in den letzten fünfunddreißig Jahren ein Silicon Valley entstehen sollte. Dem „Spiegel“-Archiv zufolge kam zum ersten Mal 1986 jemand auf die Idee, dass es ein Silicon Valley nicht nur in Kalifornien, sondern auch in Deutschland geben könnte. Der Luft- und Raumfahrtkonzern Dornier wollte am Bodenseeufer expandieren. Jürgen Resch vom Bund Naturschutz wird zitiert: „Die Erweiterung leitet ein gefährliches Kapitel am deutschen Bodenseeufer ein. Wir befürchten ein ‚Silicon Valley‘ in einer weitgehend ländlichen Region, ein Ballungsgebiet, in dem für Landwirtschaft, Tourismus und Natur immer weniger Platz bleiben wird.“ Es ist – zumindest im „Spiegel“-Archiv – das letzte Mal, dass die Entstehung eines Silicon Valley befürchtet und nicht herbeigesehnt wird.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

1991 kündigt der Leipziger Landrat Siegfried Horn an: „Wir werden das Silicon Valley des Ostens“. Er ist nicht der Einzige, der sich das für seine Region vorstellen kann. Lothar Späth will 1993 aus dem Saaletal ein „neues Silicon Valley“ machen. In Dresden soll 1995 ein „sächsisches Silicon Valley“ an der Elbe entstehen. In Berlin-Adlershof wird zur gleichen Zeit „ein deutsches Silicon Valley“ geplant, also immerhin keine Konkurrenz zum „Silicon Valley des Ostens“, obwohl Adlershof weiter östlich als Leipzig liegt. Zwischen 1997 und 2005 wird es vorübergehend still um die deutschen Silicon-Valley-Pläne, aber nachdem man sich vom Crash der New Economy erholt hat, geht es weiter: „Claus Heinrich aus dem SAP-Vorstand (…) will das Neckartal gar zum Silicon Valley Deutschlands ausbauen. ‚Wir haben leistungsfähige Universitäten und Unternehmen. Wir liegen genauso in einem Tal wie die Kalifornier und haben etwa so viele Einwohner. Warum sollte das nicht gelingen?‘“

Womöglich braucht man gar kein Tal, sondern nur eine Industriebrache, weshalb Berlin gleich drei Silicon Valleys plant: Neben Adlershof soll auch auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel „eine Art Silicon Valley für das Berlin von morgen“ entstehen, berichtet „Der Spiegel“ 2013. Dazu kommt 2018 ein „deutsches Silicon Valley“ auf dem Gelände des Siemens-Konzerns in Berlin-Spandau, womit „ein Signal für den Standort Deutschland“ gesetzt werden soll. Die Region Stuttgart-Tübingen hat seit 2016 ihre eigene, vom Land Baden-Württemberg geförderte „Cyber Valley Initiative“. Die Frankfurter Rundschau berichtete 2019 über Hessens Digitalministerin Kristina Sinemus und ihre Pläne für ein „hessisches Silicon Valley“, und der saarländische Informatiker Michael Backes hoffte 2017 „ein kleines Silicon Valley im Saarland“ etablieren zu können.

Inzwischen haben auch andere Branchen die Attraktivität eigener Silicon Valleys erkannt, so will Frankfurt am Main „das Silicon Valley des deutschen Fußballs“ werden (FR 2019), während Schleswig-Holstein „schon lange das Silicon Valley der Milchwirtschaft“ ist („Der Spiegel“ 2017).

Die Bremer Schweiz ist 30 Meter hoch und hat mit der echten Schweiz ungefähr so viel zu tun wie jedes beliebige deutsche Silicon Valley mit dem Original. Aber vielleicht ist es gar nicht so erstrebenswert, ein echtes Silicon Valley zu haben. Die Zeitschrift „Business Insider“ berichtete im Mai 2020 von einer Umfrage unter Menschen, die im Silicon Valley für Technologieunternehmen arbeiten: Zwei Drittel würden umziehen, wenn sie dauerhaft ohne Anwesenheitspflicht arbeiten könnten. Das liegt an den extrem hohen Mieten und daran, dass man dort pro Jahr etwa zwei Arbeitswochen im Stau steht. Die Vorteile des Silicon Valley bestehen in der räumlichen Nähe vieler Technologieunternehmen. Wenn diese Technologieunternehmen gerade kollektiv entdecken, dass sich Anwesenheit am selben Ort überraschend gut durch noch mehr Technologie ersetzen lässt, bleibt vom Standortvorteil gar nicht mehr so viel übrig. Die Industriebrachen und Hochschulgelände Deutschlands brauchen dann eben einen neuen Zukunftsplan für ihre Pressemitteilungen. Vielleicht passt hier und da noch eine kleine Schweiz hin.

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