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Im Schatten der Männer

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Von: Ingeborg Ruthe

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Porträt Wassily und Nina Kandinskys von 1927.
Porträt Wassily und Nina Kandinskys von 1927. © VG Bild-kunst

Das Berliner Bröhan-Museum erinnert an Lucia Moholy, die mit ihren Fotografien das Bauhaus-Image mitprägte.

Als Lucia Moholy mit ihrer Fotografie in den späten 20er Jahren längst zur Avantgarde gehörte, kämpfte das Medium noch darum, als eigenständige und keineswegs nur zweckdienliche, also „angewandte“ Kunstform wahrgenommen zu werden. Ohnehin tat sich der Kunstbetrieb auch noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg schwer damit, die Fotografie als künstlerische Disziplin anzuerkennen. Und wenn, dann waren erst mal die Männer der Zunft an der Reihe, künstlerischen Ruhm einzuheimsen.

Die Fotos der 1894 in Prag geborenen, 1989 in der Schweiz gestorbenen Lucia Moholy steckten lange Zeit in der Schublade der Zweckdienlichkeit. Heute endlich sind sie gefragt in den Museen der Welt. Ihre Motive des Bauhauses in Weimar, dann in Dessau, der Roßlauer Meisterhäuser, der Werkstätten, Ateliers, der Lehr-Räume und des überaus geselligen Lebens nämlich prägten das Image der legendären und von den Nazis verbotenen Kunstschule nachhaltig.

Das Bröhan-Museum breitet erstmals in einer Berliner Retrospektive das Gesamtwerk der Künstlerin aus, die im Schatten ihres ersten Ehemannes stand: László Moholy-Nagy. Ehe sie sich der Fotografie zuwandte, arbeitete sie als Lektorin in namhaften Verlagen, schrieb expressive Gedichte unter dem (männlichen) Pseudonym Ulrich Steffen. Als Frau des ungarischen Meisterfotografen und Bauhaus-Meisters leistete sie wichtige Arbeit für die Institution und deren Künstler.

Dass sie nicht nur einen essenziellen Anteil am Schaffenskosmos ihres Gatten hatte, sondern auch eine eigenständige Künstlerinnenpersönlichkeit war, beleuchtet die Ausstellung „Lucia Moholy: Das Bild der Moderne“ in 100 Fotos aus ihrer Zeit in Weimar, Dessau und Berlin. In dieser Dichte sind ihre Arbeiten im Licht der Kunstgeschichte erfahrbar. So wird ihr Ansatz deutlich als revolutionär, denn Fotografie und Malerei waren für sie gleichwertig, und ihre Sach- und Architekturaufnahmen sind faszinierende konstruktivistische Werke.

Während László Moholy-Nagy Experimente mit der kameralosen Fotografie, den von ihm so benannten „Fotogrammen“, machte, als Fotopublizist auftrat und mit „Malerei, Photographie, Film“ 1925 ein Manifest des Neuen Sehens veröffentlichte, war sie – die stillschweigende Mitautorin – weiterhin im Hintergrund, obwohl sie einen großen Anteil hatte. Jahrzehnte später schrieb sie in einem Erinnerungsbuch von einer „symbiotischen Arbeitsgemeinschaft“.

Dennoch blieb sie die „Frau des Meisters“. Es war dann insbesondere ihre Fotografie, die wesentlich dazu beitrug, dass die künstlerischen Ideen, die Ästhetik, die gesellschaftsbezogenen – Kunst & Leben – Inhalte der Hochschule an die Öffentlichkeit gelangten. 1928 ging László Moholy-Nagy nach Berlin, gründete sein eigenes Atelier, die Ehe zerbrach.

Danach lebte Lucia Moholy mit Theodor Neubauer, einem Reichstagsabgeordneten der KPD, später Widerstandskämpfer gegen das Hitlerregime, zusammen. Noch bis 1931 verdiente sie ihren Lebensunterhalt mit Fotounterricht an Johannes Ittens privater Kunstschule in Berlin. Als Hitler 1933 an die Macht kam, wuchs die Angst, sie hatte jüdische Wurzeln. Eilig floh sie via Paris nach London, ernährte sich als Fotografin und Dozentin für Fotografie und mit wissenschaftlichen Dokumentationen.

Nach Kriegsende ging sie zurück nach Prag, engagierte sich im Auftrag der Uno im Nahen und Mittleren Osten. 1958 war sie eine Zeit lang in Berlin, ehe sie 1959 ins schweizerische Zollikon übersiedelte. Dort schrieb sie für Kunstmagazine. Als man im Westen, insbesondere in der Schweizer Kunstszene durch den Gestalter und Architekten Max Bill die Ideen des Bauhauses wiederentdeckte, veröffentlichte sie aus intimster Kennerschaft heraus eher Gropius-kritische Artikel. Es war ihrer Karriere nicht förderlich.

Im Bröhan-Museum erzählt nun ein Ausstellungsraum vom großen Widerspruch, der heute auch in Filmen und Literatur über das Bauhaus deutlich wird: Die geniale Männlichkeit des Bauhauses schätzte zwar die weibliche Kreativität, wollte sie allerdings dienstbar halten – und verwies allzu fordernden fraulichen Ehrgeiz in die Weberei oder die Keramikwerkstatt. Lucia Moholys Fotos waren allerdings so gut, dass Direktor Walter Gropius ihr nach ihrem Weggang die Negative nicht zurückgeben wollte, sie aber auch nicht entlohnte oder ihr auch nur Anerkennung zollte. Es gab Streit, das belegt die Schau in einer unterhaltsamen Konstellation. Lucia Moholy musste sich in den 50er Jahren sogar einen Teil ihrer Originale von dem in den USA lebenden Gropius vor Gericht erstreiten. Aber sie gewann.

Bröhan-Museum, Berlin: bis 22. Januar. broehan-museum.de

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