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Im Intranetsumpf

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Von: Kathrin Passig

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Viele Menschen  bekommen  beim Thema  Digitalisierung schlechte Laune.
Viele Menschen bekommen beim Thema Digitalisierung schlechte Laune. © PantherMedia / Andriy Popov

Interne Netze von Firmen und Organisationen sind oft unbrauchbarer als irgendeine Gratis-App. Woran liegt das?

In der Pandemiezeit machte ich zum ersten Mal in meinem Leben Bekanntschaft mit dem Intranet einer Organisation. Es war das erste Intranet in meinem Berufsleben, bei dem es nicht mehr genügte, aus dem Sicherheitsabstand der freien Mitarbeiterin seine Existenz zur Kenntnis zu nehmen. Ich musste hinein, und zwar jeden Tag wieder. Was darin geschah, möchte ich aus Freundschaft zu der sympathischen Organisation nicht beschreiben und darf es wahrscheinlich auch gar nicht. Aber ich beginne zu verstehen, warum viele Menschen beim Thema Digitalisierung schlechte Laune bekommen. Eventuell hat sich mir das nur nie erschlossen, weil ich nie mit einem Intranet zu tun hatte.

Natürlich hatte ich davon gehört, dass für Unternehmen entwickelte Software manchmal nicht ganz so angenehm zu benutzen ist wie die für den freien Markt. Ich kenne Leute mit richtigen Berufen und ich weiß, wie sie in ihrer Freizeit über die unternehmensinternen Prozesse und Werkzeuge sprechen. „Vielleicht ist alles ein bisschen langsamer“, dachte ich, „oder es sieht halt nicht so schön aus wie draußen.“ Ich hatte noch nicht in den Abgrund geblickt und möchte mich nachträglich bei allen entschuldigen, deren Abneigung gegen Digitalisierung in Unternehmen ich für bloßen Konservatismus gehalten habe.

Wie kommt es, dass jede von 17-Jährigen in ihrer Freizeit zusammengebastelte Gratis-App einfacher zu benutzen ist und besser funktioniert als das teure Unternehmens-Intranet? Dafür gibt es – natürlich, und leider – mehrere Gründe. Zum Teil sind es dieselben wie bei allen schlechten digitalen Werkzeugen: Anstatt iterativ aus einem kleinen funktionierenden Produkt allmählich ein größeres und besseres zu machen, wird ein großes System hingestellt, das dann für immer so bleiben muss. Diejenigen, die das Intranet entwickeln, benutzen es entweder nicht selbst (bei Beauftragung einer externen Firma) oder betreiben Softwareentwicklung eher nebenberuflich (bei In-house-Entwicklungen). Dazu kommen zwei Intranet-spezifische Probleme: Draußen im richtigen Internet gibt es auch viel schlimme Unbenutzbarkeit, aber fast immer kann man dann stattdessen zum weniger schlimmen Angebot der Konkurrenz wechseln. Das Intranet ist konkurrenzlos und unterliegt keinem Druck zur Weiterentwicklung. Der wichtigste Unterschied wahrscheinlich: Wer eine App für den freien Markt entwickelt, kann sich aussuchen, ob die App eine leichte oder eine komplizierte Aufgabe lösen soll. Im Intranet müssen auch die komplizierten Unternehmensprozesse irgendwie abgebildet werden, meistens schlecht.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © downloads.normanposselt.com/copyright.pdf

Sogar die Berichterstattung über das Thema Intranet ist schlecht. Vor Beginn meiner Recherche für diese Kolumne war ich davon ausgegangen, dass es sicher irgendwo Spezialkulturen gibt, die sich mit nichts anderem befassen als mit der Erforschung von Intranet-Unbrauchbarkeit. Aber diejenigen, die interessante Beiträge über Technikthemen schreiben, arbeiten offenbar entweder gar nicht in Unternehmen oder falls doch, dann in solchen mit erträglichem Intranet. Letztere existieren allerdings gar nicht – das sagt zumindest die Usability-Expertin Laura Klein: „Das Intranet war in allen Unternehmen ein Problem, die mich je angestellt oder beauftragt haben. Aus irgendeinem Grund entwickelt sich die überwiegende Mehrheit zu riesigen, umständlichen, veralteten, unbrauchbaren Linkfarmen mit schlecht funktionierender Suche. Ich höre davon, dass es Ausnahmen gibt, aber gesehen habe ich das nie. Selbst in kleinen Unternehmen ist das Intranet groß und schrecklich.“ Vielleicht gibt es also noch einen dritten Grund für das Fehlen von Intranet-Forschungstexten, und er lautet: Während man in dem jeweiligen Intranetsumpf drinsteckt, will oder darf man nichts Nachteiliges über die aktuelle Einkommensquelle sagen, und danach ist es dann egal. Deshalb arbeiten alle, die über das Thema schreiben, ihrerseits in Unternehmen, die den anderen Unternehmen ein besseres Intranet verkaufen wollen. In den resultierenden Texten steht deshalb immer dasselbe: „Jedes Intranet ist furchtbar, aber wenn Sie uns viel Geld geben, könnten wir Ihres reparieren.“

Ein kleiner Trost: Für die Nutzung des Intranets wird Schmerzensgeld ausbezahlt. Das ist bei anderer Software nicht so, sie kostet oft sogar Geld. „Wenn du für ein Produkt nicht bezahlst, dann bist du nicht die Kundschaft, sondern das Produkt“, mit dieser Aussage wurden Gratisangebote im Internet seit 2010 oft kritisiert. (Der Vorwurf ist viel älter, er taucht zum ersten Mal 1973 in einem Video mit dem Titel „Television Delivers People“ auf und bezieht sich erst mal dreißig Jahre lang aufs Privatfernsehen.) Ich möchte nach meiner Intranet-Erfahrung ergänzen: Wenn du für die Nutzung eines Produkts bezahlt wirst, bist du nicht die Kundschaft, sondern das Opfer.

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