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Illustrierte Träume

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Von: Daland Segler

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Ein typischer Verfall: Das Ende der Zeitschrift "Revue" nach mehr als sechzig Jahren.

Als das Fernsehen noch nicht so verbreitet war und vom Internet noch niemand zu träumen wagte, da gab es die Illustrierte. Ihr Name war Versprechen: Der Text kommt mit dem Bild. Tatsächlich kam erstmal das Titelfoto, dann Reklame (als Bild), und drinnen wechselten sich Text & Bild ab. Illustriert aber wurden weniger die Artikel als die Träume der Leserschaft. So gewannen sie Käufer, die bunten Blätter mit den schnellen Namen wie Stern, Quick oder Revue.

Als das Fernsehen in aller Leute Wohnzimmer eingezogen war, musste sich die Illustrierte mit dem Platz im Wartezimmer begnügen und diesen mit immer mehr Konkurrenten teilen, die besondere Interessen bedienten und deshalb unter dem Etikett "special interest" firmierten: Zeitschriften für Angelsport und Häkeln, Motorradfahrer, Hobbyköchinnen und Amateurfunker.

Als die Drucktechnik immer besser und die Zahl der Menschen, die durch das Fernsehen bekannt waren und also als "prominent" galten, immer größer wurde, besannen sich die Verleger darauf, dass der Mensch als solcher doch das spannendste Thema sei und machten aus der Illustrierten das "People"-Magazin. Das Wort Magazin kommt aus dem Arabischen und heißt so viel wie Lager.

Und als Lagerstätte für Prominente und solche, die sich dafür halten, haben die bunten Blätter bis heute überlebt - einige jedenfalls. Andere nicht. Jetzt ist die letzte Ausgabe der "Revue" erschienen, eine der klassischen Illustrierten, gleich nach Kriegsende gegründet und mit einer ruhmreichen, will heißen: auflagenstarken Vergangenheit in den fünfziger und sechziger Jahren, der Zeit des Wirtschaftswunders und der alten Bundesrepublik, die sich Mitte der Sechziger wandeln sollte.

Das tat die Revue auch: Sie nahm mit dem Schwung der Welle der vermeintlichen "sexuellen Befreiung" eine neue Richtung und bediente die spießbürgerlichen Sehnsüchte in Form von nackten Damen.

Nun als Neue Revue gewandet, verkaufte sie gerne das älteste Gewerbe der Welt - schließlich lautet eine journalistische Grundregel "news is olds": Was als Neues berichtet wird, muss auf Altvertrautem basieren. Dem Blatt war keine Peinlichkeit zu groß, keine Schlüpfrigkeit zu glatt - mit Erfolg: die Auflage war hoch. Das blieb sie aber nicht. In den achtziger Jahren war Hochglanz gefragt und nicht mehr das eher billige Papier, das der Bauer Verlag bedruckte. Die alten Leser widmeten sich nun der Neuen Post und der "aktuellen", die jüngeren lasen Zeitschriften für Jüngere, wo "Das erste Mal" nicht so verschwiemelt geschildert wurde und die Tipps für das richtige Outfit beim Disco-Besuch einfach zeitgemäßer waren.

Die Neue Revue war altmodisch geworden. Der Verlag bestellte in den neunziger Jahren dann einen anderen Chefredakteur. Der war sich sicher, dass der Mensch als solcher das Thema und das "People"-Magazin der letzte Schrei auf dem Markt sei. Und er beschloss, das Blatt solle nicht mehr Neue Revue heißen, weil die so alt geworden war, und so wurde sie wieder die alte Revue, und die Redaktion tat,was damals alle taten: Sie schickte die Fotografen auf Prominentenhatz und druckte die Ergebnisse als "Bildstrecken". Damit aber sah die Revue so aus wie alle anderen "People"-Magazine auch aussehen (abgesehen vom Papier).

Und so liest sich denn auch ihre Eigenbeschreibung im Internet: Die Revue ist demnach "ein modernes People-Magazin mit Glanz, Glamour und Gefühlen", das "Neues aus der Welt der Schönen und Reichen sowie Berichte über Stars, Glamour und Gefühle mit dem journalistischen Anspruch der Exklusivität zeigt".

Das mit dem Anspruch blieb dann aber doch bloß Anspruch. Denn typisch für diese Art der Zeitschriften ist eher ihre Verwechselbarkeit. Es bieten eben viele Konkurrenten auch "Tipps zu Beauty, Lifestyle und Wellness". Und selbstredend Promis: Heute Boris Becker hier mit seiner neuen Freundin (die so aussieht wie seine alte Freundin), morgen Franz Beckenbauer dort mit einem neuen Kind von einer alten Freundin.

Das wollte die "moderne Frau", die das Blatt als Zielgruppe nennt, dann doch nicht mehr lesen - pardon: mitansehen müssen.

Auf der Internet-Seite der Revue kann man unter "Abo bestellen - weitere Informationen" auch "Revue online" anklicken. Da erscheint - "das neue". Eine Zeitschrift, die "aktuelle News, spannende Hintergrundberichte, emotionale Geschichten und exklusive Interviews aus der Glamourwelt der Promis" bieten will. Auf dem Cover strahlt B-Promi Gaby Köster, denn "Sie hat einen neuen Freund gefunden".

Soviel zu "news is olds".

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