Holocaust

„Ihr werdet weitermachen“

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Der 93-jährige Holocaustforscher Yehuda Bauer besucht das Centrum Judaicum in Berlin.

Als Yehuda Bauer auf einen Stock gestützt die Stufen zum Podium emporsteigt, ein wenig gebeugt, sieht man vor sich, was man schon weiß: Dies wird das letzte Mal sein, dass man den Historiker in Berlin erleben kann. Der große Saal im Centrum Judaicum ist voll besetzt, ebenso wie der Raum, in den das Gespräch per Video übertragen wird, viele sind vergeblich gekommen. Es gibt keine Plätze mehr.

Yehuda Bauer ist 93 Jahre alt, er lebt in einem Altersheim in Jerusalem, und er hat fast sein ganzes Leben der Erforschung des Holocaust gewidmet. Von 1996 bis 2000 leitete er das International Centre for Holocaust Studies in Yad Vashem, heute ist er dort wissenschaftlicher Berater. 1998 sprach er im Deutschen Bundestag zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, dessen Vizepräsidentin Petra Pau ist am Mittwochabend für das Grußwort zuständig.

Mit einem „no ja“ leitet Yehuda Bauer manchen seiner Sätze ein. Das klingt liebenswert und besagt auch, dass nun etwas folgen wird, mit dem er sich schon ausführlich beschäftigt hat. Deutsch ist die Muttersprache des in Prag Geborenen. Die Eltern, Zionisten, bereiteten schon Anfang der dreißiger Jahre die Emigration nach Palästina vor. Dass sie die Visa erhielten, als die Deutschen 1939 in die Tschechoslowakei einmarschierten, war Zufall. Yehuda Bauer empfand sich nicht als Flüchtling. Aber seine Autorität, sein Charisma beruhen nicht nur auf seinem Renommee als Wissenschaftler, sondern auch darauf, dass er aus dieser Zeit, aus dieser Welt kommt. Eine seiner Großmütter wurde von den Nazis ermordet.

Yehuda Bauer streift viel Themen an diesem Abend. Er spricht über den Antisemitismus, den er für die Haupttriebfeder des Holocaust hält, er kritisiert die neue Politik der Erinnerung in Polen, mit der die Mitverantwortlichkeit an den Nazi-Verbrechen abgestritten werden soll, er redet über die menschliche Natur, die es so schwer mache, Gräueltaten zu verhindern. In der Hinsicht sei der Holocaust auch nicht einzigartig. „Das würde ja bedeuten, er könne sich nicht wiederholen.“

Aber zuerst bittet ihn Anja Siegemund, die Direktorin des Centrum Judaicums, die das Gespräch zusammen mit der Leiterin des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung Stefanie Schüler-Springorum moderiert, von seiner Zeit im Kibbuz zu berichten. Er habe dort doch Karl Marx gelesen, als Cowboy. „13 Stunden am Tag auf einem Pferd auf einer Steppe im nördlichen Negev – es war schrecklich langweilig.“ Es ist nicht das einzige Mal, dass an diesem Abend gelacht wird. Yehuda Bauer baute damals ein Gestell, das es ihm erlaubte, im Sattel sitzend „Das Kapital“ zu lesen. Schließlich erwirkte er einen Studientag und bald verließ er den Kibbuz für die Wissenschaft.

Dem Holocaust wandte er sich erst aufgrund einer Begegnung mit Abba Kowner zu, einstiger Anführer einer Partisanengruppe in Litauen, später Schriftsteller. Was das bedeutendste Ereignis in der Geschichte der Juden sei, habe der ihn gefragt. „Der Holocaust.“ – „Und warum befasst du dich nicht damit?“ – „Ich habe Angst.“ Das sei eine gute Voraussetzung, so Kowner.

Es war dies die Zeit, als sich in Israel viele Überlebende mit dem Holocaust beschäftigten, was den deutschen Historiker Martin Broszat dazu bewog, ihnen die Fähigkeit zu einer wissenschaftlichen Historiegraphie abzusprechen, da sie durch die Erinnerung behindert wären. Der Historiker Saul Friedländer widersprach ihm. „Ich war natürlich auf Sauls Seite“ , sagt Yehuda Bauer.

Es war dies auch die Zeit, in der man als Holocaustforscher noch Zeitzeugen befragte. „Ich hatte Angst vor jedem Interview.“ Das ist jetzt 60 Jahre her. Als später aus dem Publikum die Frage kam, was es für die Forschung und die Erinnerung bedeute, wenn es keine Zeitzeugen mehr gebe, reagierte Yehuda Bauer zuversichtlich. „Ich fürchte mich nicht davor.“ Zum einen gebe es die Aufzeichnungen, 350 000 bei der Shoa Foundation in Los Angeles, Zehntausende in Yad Vashem. „Wir werden weitermachen.“ – „Oder ihr werdet weitermachen.“ Der letzte Satz erinnert einen wieder daran, dass Yehuda Bauer am Ende seines Lebens steht. Leicht zu vergessen, so wach und engagiert, wie er spricht.

Thema war auch der islamische Antisemitismus. Man könne diesen nur mit Hilfe der Muslime selbst bekämpfen, müsse Allianzen mit den Gemäßigten schmieden. „Die Islamophobie muss man stoppen.“ Dafür gab es Applaus, und am Ende des Abends stehende Ovationen.

Das Centrum Judaicum bietet einen Link zur Videoaufzeichnung des Gesprächs an: www.centrumjudaicum.de

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