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Bukarest am 10. August 2018.

Protest in Rumänien

"Ihr Unglückseligen!"

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Am 10. August 2018 demonstrierten Zehntausende in Bukarest gegen Rumäniens Regierung. Die Proteste endeten blutig. Haben Provokateure für eine blutige Bilanz gesorgt?

An diesem 10. August 2018, dem Tag des Protests gegen die Regierung, zu dem die Auslandsrumänen aufgerufen haben, ist der Amtssitz der Premierministerin auf der Piata Victoriei noch immer von der riesigen Trikolore verhüllt. Anlässlich einer Massenkundgebung, die vor einigen Wochen von Seiten der Regierungsparteien organisiert wurde, hatte man das Gebäude mit ihr verhängt. Aber auch die Regierungsgegner, die heute den Platz bevölkern, schwenken rumänische Fahnen, freilich auch die von EU und USA, weil sie sich ein westlich orientiertes, rechtsstaatliches Rumänien wünschen.

Heute sind es etwa 100.000 Demonstranten, an der Regierungsveranstaltung nahmen circa 180 .000 Menschen teil. Allerdings hatte die sich sozialdemokratisch nennende Partei (PSD), in Wahrheit ein reaktionäres, aus den Kommunisten hervorgegangenes Sammelbecken korrupter Seilschaften, ihre Unterstützer mit Bussen aus dem ganzen Land herankarren lassen. Von Journalisten befragt, hatten die Teilnehmer nur selten zu sagen vermocht, wofür oder wogegen sie eigentlich demonstrieren, und peinlicherweise verließen viele von ihnen noch während der Rede des mehrfach verurteilten Parteichefs Liviu Dragnea bereits wieder den Platz.

An diesem 10. August haben sich die Demonstranten via Facebook verständigt und sind aus eigenem Antrieb, teils von weit her, erschienen. Bezahlt wurden sie nicht, auch wenn das die Propagandasender der Regierung – außer dem Staatsfernsehen die Kanäle zweier verurteilter beziehungsweise im Ausland flüchtiger Oligarchen – beharrlich behaupten. Und vielleicht glauben die es sogar selber, denn eine zivilgesellschaftliche Bewegung, der es ums Gemeinwohl und nicht ums Eigeninteresse geht, können sich diese Leute – korrupte Politiker und käufliche Journalisten – gar nicht vorstellen.

Ausgelassene Stimmung vor dem Museum

Mir wurde jedenfalls nichts dafür bezahlt, als ich am 10. August gegen 19 Uhr aus der U-Bahn-Station auf den dicht gefüllten Platz trete, zusammen mit meiner rumänischen Frau und einem befreundeten Ehepaar. Wir schieben uns bis zur Giraffenstatue vor dem Grigore-Antipa-Museum, um weitere Freunde zu treffen, was uns bei der dichten Menge kaum gelingt. Keiner von ihnen, die Verlagsmitarbeiter, Übersetzer (aus dem Deutschen), Chemiker, Atomphysiker oder Romanautoren sind, wurde von irgendjemandem dafür bezahlt, auf der Piata Victoriei Parolen wie: „Demisia! Rücktritt!“ oder „Hoti! Diebe!“ zu skandieren.

Die Stimmung vor dem Museum ist zu diesem Zeitpunkt eher ausgelassen, auf keinen Fall aggressiv. Das ändert sich gegen 21 Uhr, als meine Frau und ich uns in einer Grünanlage zwischen dem Boulevard Aviatorilor und der Chaussee Kiseleff gleich neben dem Platz aufhalten. Plötzlich reiten etwa zehn Gendarmen auf Pferden in die Menge hinein, eines droht, in Panik zu geraten, es folgen drei weitere Beamte mit Maulkörbe tragenden Hunden, schließlich bleiben alle stehen. Das ist pure Provokation, am bisherigen Volksfestcharakter mit Tröten und Sprechchören hat sich nichts geändert. Plötzlich explodieren Tränengasgranaten. Man hört zwei Schläge, kurz darauf rennen Menschen auf uns zu, die sich die Hand vor den Mund halten. „Ihr Unglückseligen“, schreit eine Frau.

Rund zehn Tage später wird Parteichef Dragnea über die Demonstration vom 10. August sagen, es habe sich dabei um einen paramilitärischen Staatsstreichversuch gehandelt. „Paramilitärisch“ kommen mir die Menschen in T-Shirts und kurzen Hosen, weder vermummt noch irgendwie bewaffnet, nicht gerade vor. Bei den Dutzenden von Demonstrationen in den vergangenen anderthalb Jahren kam es nie zur Gewalt. „Autonome“ Gruppen sind der rumänischen Zivilgesellschaft fremd. Auch die beiden großen Demos, die auf die Ereignisse des 10. August folgen, bleiben ja friedlich.

Warum also kommt es heute zu über 450 Verletzten? Sicher, gewaltbereite Ultras scheint es in der Nähe der Absperrungen gegeben zu haben. Wie und warum tauchen sie, die üblichen Hooligans, plötzlich zwischen friedlichen Demonstranten auf? Warum werden sie nicht von der Gendarmerie isoliert, wie man es bei Fußballspielen macht? Es ist nicht abwegig, an Provokateure und ein lange vorbereitetes Szenario zu denken. Schon am Donnerstagabend hatte Parteichef Liviu Dragnea Ausschreitungen ja so gut wie sicher erwartet. Warum wurden beispielsweise die Kennnummern von Gendarmen mit Isolierband verdeckt?

Im Sinne eines freien und einigen Europas

Meine Frau und ich verlassen die Grünfläche gegen 21.30 Uhr, um im nahegelegenen Club des Bauernmuseums noch andere Freunde zu treffen. Wir halten uns dort etwa anderthalb Stunden auf. In der Zwischenzeit knallt es draußen gehörig, aber ich kann mir noch immer nicht vorstellen, dass die Staatsgewalt ernst macht. Später erfahren wir, dass die Präfektin um 23.11 Uhr den Befehl erteilt hat, die Piata Victoriei zu räumen. Da stehen wir gerade an der Ecke zum Boulevard Mihalache, auf dem uns Tausende von Menschen entgegenrennen. Wir müssen eigentlich in die Richtung, aus der sie kommen, um nach Hause zu gehen, und beraten uns laut gegen den anschwellenden Lärm. Eine junge Frau mit Mundschutz warnt uns im Vorbeilaufen: „Geht auf keinen Fall dahin. Va bat! Sie schlagen euch!“ Mittlerweile ist die Luft auf dem Platz auch so tränengasgeschwängert, dass sie uns noch im Abstand von 500 Metern zum Heulen bringt. Hustend laufen wir los und machen einen riesigen Umweg durch nächtliche Viertel, um die Piata Victoriei zu umrunden.

Tränengas und zusammengeknüppelte Menschen

Später die vielen Aufnahmen: Frauen, denen Tränengas direkt ins Gesicht gesprüht wird; Männer mit von Geschossen verursachten Löchern in den Beinen; andere, die mit erhobenen Armen dastehen, und trotzdem zusammengeknüppelt werden. Die regierungsnahen Sender melden in der Nacht, eine Gendarmin sei am Rückenmark verletzt worden und kämpfe ums Überleben. Fake News, wie sich 48 Stunden später herausstellt. In den Folgetagen ist niemand verantwortlich, gibt es keine Rücktritte und teilt der Chef der Gendarmerie auf einer Pressekonferenz mit, sein Land zu lieben und an Gott zu glauben; Fragen sind nicht zugelassen. Dafür gehen über 600 Klagen bei der Staatsanwaltschaft ein …

Nun mag man sich fragen, warum an diesem 10. August ein deutscher Staatsbürger in Bukarest auf die Straße geht? Ich will mich nicht der billigen Rhetorik des Gendarmeriechefs bedienen, der auf wehrlose Mitbürger einschlagen lässt und behauptet, Rumänien zu lieben – mag mir das Land auch zu Herzen gehen. Ich halte es mit Gustav Heinemann, der meinte, er liebe kein Land, er liebe seine Frau. Aber meine ist Rumänin, und es mir nicht gleichgültig, was aus ihrem Land wird. Und ich bin Europäer. Die rumänische Zivilgesellschaft bei ihren Protesten für den Rechtsstaat zu unterstützen, ist auch im Sinne eines freien und einigen Europas.

P. S.: Es sollte das Interesse aller europafreundlichen Kräfte in Deutschland sein. Schlimm genug, dass CDU/CSU im Brüsseler Parlament mit dem selbsterklärt illiberalen Victor Orban verbündet sind. Aber dass sich eine Europapartei wie die SPD in Brüssel nicht schleunigst von Dragneas Truppe lossagt, ist nicht nur unverständlich – es ist eine Schande!

Jan Koneffke, Jahrgang 1960, ist Lyriker, Romancier und Publizist und lebt in Wien, Bukarest und dem Karpatenort Maneciu. Seine jüngster Gedichtband „Als sei es dein“ (Das Wunderhorn, 2018), enthält eine Reihe von Gedichten über seine rumänischen Erfahrungen.

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