Frank Castorf

Ignorant und auch noch stolz darauf

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Frank Castorf lehnt sich im „Spiegel“-Interview weit aus dem Fenster.

Frank Castorf, 68 Jahre alt und lange unumschränkt gefeierter Intendant der Berliner Volksbühne, hatte dieser Tage einmal wieder einen großen Auftritt. Der „Spiegel“ bat zum Interview, und bekam zum Dank die gewiss klickträchtige Zeile: „Ich möchte mir von Frau Merkel nicht sagen lassen, dass ich mir die Hände waschen muss.“ Es geht, natürlich, um die Corona-Krise und den Umgang damit. Das Interview ist auch sonst sehr traurig.

Castorf fühlt sich von Virologen und Politikern gegängelt. Und so erklärt er nun, US-Präsident Donald Trump sei immerhin „der gewählte Repräsentant des amerikanischen Volkes“, werde jedoch „lächerlich gemacht, zum Idioten erklärt, weil er in der Krise anders handelt als die Deutschen“. Auch sonst sind die Thesen des Ost-Berliners hanebüchen. So beklagt er, dass Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit und Glaubensfreiheit heute „so gut wie verboten“ seien, und konstatiert, dass er sich „noch nie so beengt gefühlt habe“. Damit werden die Corona-bedingten Einschränkungen im Jahr 2020 dramatisiert, während die grundsätzliche Aufhebung der Meinungsfreiheit in der DDR vor 1989 bagatellisiert wird.

Verdrehungen und Affekte

Die Deutschen, so Castorf, seien 1945 von „Russland und Amerika“ befreit worden. Nun fingen die gleichen Deutschen an, „aufgehetzt durch ihre Regierung, nicht bloß sich selbst dauernd gegenseitig zu erziehen, sondern die ganze Welt“. Tatsächlich hat die sowjetische Besatzungsmacht bald nach der Befreiung Ostdeutschlands vom Nationalsozialismus dort eine zweite Diktatur errichten lassen. Ferner erweckt Castorf den Eindruck, als sei die deutsche Corona-Politik besonders restriktiv. Die Wahrheit ist, dass die Einschränkungen etwa in Frankreich, Italien und Spanien weit restriktiver sind.

Nahezu alles, was Castorf im „Spiegel“ sagt, ist in seinen Verdrehungen und Affekten so AfD- und Pegida-mäßig zurechtgebogen, dass es nicht wundert, warum sich Verschwörungstheoretiker seit einigen Wochen regelmäßig vor eben jener Volksbühne gegen die Corona-Politik versammeln, in der Castorf so lange der Chef war. Er selbst ruft denn auch zum „republikanischen Widerstand“ auf.

Man müsste das alles nicht so ernst nehmen, wenn Castorf allein wäre. Doch dem ist nicht so. Er präsentiert sich vielmehr als ein Intellektueller neuen Typs. Dieser Typ durchringt die Komplexität der Welt nicht mehr, sondern ignoriert sie systematisch. Und: Er ist stolz darauf.

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