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Wikipedia-Gründer Jimmy Wales (Archivbild).
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Wikipedia-Gründer Jimmy Wales (Archivbild).

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales

"Ich bin ein Wissensstreber"

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales spricht im FR-Interview über wahre Experten, staatliche Zensur im Internet und seine Chance, bei "Wer wird Millionär" abzusahnen.

Guten Morgen, Mr. Wales, als wir das Interview für die Cebit vereinbart haben, konnten wir noch nicht wissen, dass heute Morgen auch Barack Obama vereidigt werden würde. Sollen wir später noch mal anrufen?

Nein, wir können das Interview jetzt machen. Kein Problem.

Wir wollen mit Ihnen über Chancen und Gefahren des Internets sprechen. Es ist jetzt neun Uhr morgens bei Ihnen, seit wann sind Sie online?

Ich habe den Computer vor dem Frühstück gestartet. Für gewöhnlich checke ich zuerst meine Userpages bei Wikia und Wikipedia, dann schaue ich nach, was sich bei Facebook getan hat. Heute Morgen habe ich ein Interview weitergeleitet, meine Tochter Kira hatte neulich die Gelegenheit, mit dem ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter über die Amtseinführung von Barack Obama zu sprechen.

Was machen Sie den Rest des Tages?

Ich verfolge natürlich die Diskussionen der verschiedenen Wikipedia-Gruppen und prüfe, ob es irgendwo Probleme gibt, bei deren Lösung ich helfen sollte. Und ich schreibe für meine Blogs ... - warten Sie einen Moment. Obama wird gerade vereidigt. Wow, wir haben einen neuen Präsidenten!

Bei Ihnen läuft also der Fernseher mit wichtigen Nachrichten, während Sie am Telefon ein Interview geben, und zudem sind Sie noch online. Macht so etwas auf Dauer nicht krank?

Um Sie zu beruhigen: Wenn ich unterwegs bin, lasse ich mir meine Emails nicht aufs Telefon schicken, so wie Leute das mit ihrem iPhone oder Blackberry machen.

Haben Sie Angst, etwas zu verpassen?

Oh nein, das ist heute eine Ausnahme. Ich schaue auch so gut wie nie fern und versuche, nicht gleichzeitig online zu sein und zu telefonieren.

Wann waren Sie zuletzt mal einen ganzen Tag offline?

Das war vor ein paar Monaten in China, nachdem mir der Computer gestohlen worden war. Ich war ein paar Tage in dem Land, in der Zeit war ich offline. Keine einfache Zeit für mich, ich konnte keine Emails schreiben, hatte keinen Zugriff auf meinen Kalender. Als ich zu Hause war, hat es Wochen gedauert, um mein Leben mit Back-ups zu rekonstruieren.

Was ist aus Ihrer Sicht so faszinierend an der vernetzten Welt?

Dass Menschen überall auf der Welt direkt miteinander kommunizieren können. In den hochentwickelten Regionen der Erde wie in Amerika, Europa und Teilen Asiens ist das schon seit ein paar Jahren möglich, aber durch die technischen Vereinfachungen finden in Zukunft immer mehr Menschen auch aus den weniger entwickelten Ländern den Weg ins Internet. Es wird also möglich sein, direkt miteinander in Kontakt zu treten, Dialoge eins zu eins zu führen. Ein sehr interessanter kultureller Akt.

Mit welchen Folgen?

Die lassen sich nicht abschätzen, aber nehmen Sie doch nur den Bereich Musik. Was wird passieren, wenn Musiker aus verschiedensten Kulturen ihre Kompositionen ins Netz stellen, um sich dann mit Musikern anderer Kontinente darüber auszutauschen? Oder denken Sie an Teenager in Berlin, die Afrika nur aus Schulbüchern oder dem Fernsehen kennen und plötzlich mit Gleichaltrigen in Simbabwe Mails schreiben, ohne dass irgendwelche offiziellen Stellen das kontrollieren können.

Genau deshalb versuchen Staaten immer wieder, Internetseiten und -Foren zu sperren, um diese Öffnung nach außen zu verhindern.

Zunächst einmal ist der Zugang zu Wissen aus meiner Sicht ein menschliches Grundrecht. Ich bemerke außerdem den Trend zu mehr Offenheit - auch in China, aber nicht nur dort. Es ist unmöglich, das Internet zu zensieren. Viele Regierungen erkennen inzwischen, dass man mit der Internetzensur den Informationsfluss nicht kontrollieren kann ... - oh, Obama beginnt mit seiner Rede, die würde ich gerne hören. Rufen Sie mich in ein paar Minuten wieder an, okay?

Obama fasst sich kurz in seiner Antrittsrede, spricht nur wenige Minuten über die Stärken Amerikas, über die visionäre Gestaltungskraft und den Willen, auch in Wirtschaftskrisen schwierige Aufgaben zu meistern.

Als wir das Gespräch vorhin beendeten, hatten Sie über die weltweite Bedeutung des Netzes gesprochen und erklärt, dass der Informationsfluss von Regierungen nicht gesteuert werden kann. Wie wird denn die weltweite Vernetzung das Zusammenleben auf der Erde in Zukunft verändern?

Das kann niemand voraussagen, weil es zum ersten Mal für die Menschheit möglich ist, dass Millionen Menschen mit Millionen anderen Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen kommunizieren.

Was Kritiker des Internets schon jetzt beobachten: eine soziale Verwahrlosung. Die Menschen verbringen ihre Freizeit nur noch vor dem Computer, treffen sich nicht mehr mit Freunden und Bekannten.

Für diese Kritik bin ich wohl der falsche Ansprechpartner. Wenn es ein Problem sein sollte, dann habe ich das auch. Ehrlich gesagt, gibt es aus meiner Sicht größere soziale Probleme. Den Vorwurf, dass junge Leute zu lange vor dem Bildschirm sitzen und beispielsweise Wikipedia lesen, halte ich für übertrieben.

Es gibt die Befürchtung, dass das Internet die Menschen oberflächlich macht. Es reicht den Nutzern, zu wissen, wo sie Informationen im Netz finden, ohne das sie sich über Zusammenhänge Gedanken machen.

Ich stelle das Gegenteil fest. Wenn früher die Zeitungen über Tadschikistan berichtet haben - ich nenne das Land, weil ich darüber so gut wie gar nichts weiß -, dann musste man in die Bücherei gehen, um sich weitergehend mit diesem Staat beschäftigen zu können. Und wer hatte schon vor 40 Jahren die Zeit, zur Bücherei zu gehen, um sich dort ein Buch auszuleihen, in dem man dann stundenlang lesen musste. Heute geht das wesentlich schneller mit Wikipedia, Blogs und anderen neuen Foren. Die Menschen sind weit davon entfernt, sich nicht mehr für Wissensthemen zu interessieren, sie lesen mehr als früher, sie schreiben auch mehr als früher. Es ist Mode, darüber zu klagen, wie die Welt durch die Jugend zu Grunde geht. Für mich ist es sehr aufschlussreich, wenn ich Reden an Schulen oder Universitäten halte. Die jungen Leute sind extrem interessiert an Wikipedia und allgemein daran, mehr über die Welt zu erfahren. Das ist aus meiner Sicht ziemlich beruhigend.

Und was ist mit denen, die nur Ballerspiele machen?

Wenn wir es nicht schaffen, Schüler für Wissen zu begeistern, dann ist das unser Fehler - nicht ihrer.

Im Internet bekommt man oft nur eine grobe Zusammenfassung mit den wichtigsten Daten und Fakten, damit aber noch kein Wissen über das Leben in Tadschikistan, um Ihr Beispiel aufzunehmen.

Das stimmt. Man muss die Zusammenhänge kennen, um einen Gesamteindruck zu bekommen. Aber das ist doch auch im Internet möglich. Wenn man sich im Netz auskennt, findet man das, was man sucht. Ich bin jemand, der immer gut informiert sein will, ich bin ein Wissensstreber. Ich habe vor einiger Zeit sogar angefangen, Deutsch zu lernen, weil das die zweitwichtigste Sprache bei Wikipedia ist. Aber Deutsch ist verdammt schwierig.

Ein anderer Vorwurf: Das Internet sorge zwar für die Demokratisierung der Informations- und Meinungskultur, aber auch für ihre Amateurisierung. Weil keine Profis am Werk sind, haben die Inhalte nicht die Qualität, weil den Machern Ausbildung, Erfahrung und Zeit fehlen. Ein provokanter Buchtitel in Deutschland dazu heißt: "Die Stunde der Stümper".

Ich möchte nur über Wikipedia sprechen. Und da stellt sich zuerst die Frage: Wer ist denn ein Experte? Aus meiner Sicht ist das jemand, der weiß, worüber er schreibt, Zusammenhänge erkennt und begreift. Bei Professoren oder Leuten mit Doktortiteln und großartigen Zeugnissen allein bin ich skeptisch. Denken Sie doch an den Bereich Popmusik. Wer beobachtet die Entwicklungen um die Stars regelmäßig und genau - Professoren oder Amateure? Im Zweifel die Amateure, die sich für das Thema begeistern. Und dazu kommt, dass nicht wenige unserer Autoren tatsächlich Wissenschaftler sind, aber damit nicht hausieren gehen.

Und dann bleibt die Frage der Finanzierung. Wie sich zeigt, sind die Nutzer im Netz nur selten bereit, für die erbrachten Leistungen zu bezahlen. Wikipedia ist eine Non-Profit-Organisation. Wie lange wird das gutgehen?

Wikipedia gibt es seit acht Jahren; ich glaube, dass es uns auch in 100 Jahren noch geben wird. Als wir angefangen haben, habe ich sehr schnell gemerkt, dass die Leute enorm viel Arbeit geleistet haben und trotzdem begeistert waren. Da habe ich gedacht, das Projekt ist cool, das funktioniert.

Sie haben es schon damals für möglich gehalten, dass Menschen in aller Welt ihre Freizeit gerne damit verbringen werden, im Internet Beiträge für ein Lexikon zu schreiben, ohne dafür bezahlt zu werden?

Die entscheidende Erkenntnis war, dass die Leute Spaß daran fanden. Sie fühlten sich gut unterhalten, das hat sie motiviert. Wenn sie keinen Spaß gehabt hätten, hätten sie aufgehört.

Mr. Wales, Wikipedia hat weltweit Millionen von Einträgen. Mit diesem Wissenskapital könnten Sie eigentlich der ideale Kandidat für die Quizshow "Wer wird Millionär" sein.

Ich bin ganz gut in dieser Art von Spielen, über einen Auftritt im Fernsehen habe ich noch nie ernsthaft nachgedacht. Ich habe nur mit meinen Mitarbeitern gescherzt, dass irgendwann bei diesen Quizshows nur noch Wikipedia-Mitarbeiter gewinnen werden.

Der Journalist A. J. Jacobs hat vor Jahren ein Buch darüber geschrieben, wie sich das Leben verändern würde, wenn man die Encyclopaedia Britannica auswendig kennen würde. Er wurde zum Star auf jeder Party.

Mit mir wollen die Leute immer über Wikipedia sprechen. Sogar Al Gore kam einmal auf mich zu und fragte mich, ob wir uns nicht mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen wollten. So ist Wikia Green entstanden.

Versuchen Prominente gelegentlich, Einfluss auf die Einträge zu nehmen?

Für alle Promis, die in Google ihren Namen eingeben, gehört Wikipedia zu den Topresultaten. Wir bekommen eine Menge Emails, weil viele Leute erstaunt sind, was sie über sich lesen. Sie schauen sich ihre Biografien genauer an und beklagen sich gelegentlich, dass wir etwas vergessen oder ausgelassen haben oder etwas aktualisieren sollten. Das sind die üblichen Kommentare.

Gibt es jemanden, der sich besonders oft bei Ihnen meldet?

Da fällt mir jetzt niemand ein. Ich finde es eher lustig, dass ich manchmal Emails von Leuten bekomme, die glauben, ich hätte alle Einträge selbst geschrieben. Manchmal gibt es auch Klagen. Einer hat sich mal beschwert, dass bei einem eher unbekannten Baseball-Spieler aus den 40er Jahren die Zahl der Homeruns nicht stimmen würde.

Was haben Sie dem Mann geantwortet?

Ich wollte seine Vorstellung von meiner Arbeit nicht zerstören und habe mich mit der Begründung entschuldigt, dass ich in dieser Nacht wirklich lange gearbeitet hätte und der Fehler aus Konzentrationsmangel entstanden sei.

(Interview: Patrick Beuth, Jörg Hunke)

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