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Jonas Nay spielt den gemobbten Schüler Jakob

ARD-Drama "Homevideo"

"Ich bin ein Sonnenscheintyp"

Jungschauspieler Jonas Nay hat für "Homevideo" den Deutschen Fernsehpreis gewonnen. Im FR-Interview spricht er über Cybermobbing, peinliche Drehs und harte Filme.

Von Jan Freitag

Das ARD-Drama „Homevideo“ über Cybermobbing verlangt nicht nur den Zuschauern einiges ab, sondern auch dem Hauptdarsteller. Der 21-jährige Jonas Nay, der gerade den Deutschen Fernsehpreis für die Hauptrolle des im Internet verspotteten Schülers erhielt, über Onanie vor der Kamera, die eigene Pubertät und seine Online-Erfahrungen.

Herr Nay, woran erkennt man, wenn Ihnen etwas richtig peinlich ist?

Ich werde rot.

Und wie rot wurden Sie bei der gespielten Selbstbefriedigung vorm ganzen Filmteam?

Als die Szene gedreht wurde, waren wir schon eingespielt und das Vertrauen zu Regisseur und Kameramann groß – das hat die Sache sehr erleichtert. Rot war ich, wenn überhaupt, beim ersten Lesen des Drehbuchs, aber schon da war klar, wie wichtig die Szene für den Film ist. An die Substanz gingen also eher Szenen, wo ich in extrem depressives Verhalten gerate, was mir als Typ nicht entspricht.

Welcher wäre das?

Ein lebensfroher. Trotzdem gibt es Seiten an Jakob, die ich mit ihm teile. Als Nordlicht bin ich ähnlich ruhiger Natur, und wie er musikalisch veranlagt. Außerdem konnte ich seine Unsicherheit in meiner eigenen Pubertät abrufen, diese Momente der Hilf- und Haltlosigkeit. Man muss sich für so eine Figur an Teile seiner Seele wagen, um die die Gegenwart einen Schutzwall errichtet hat.

Haben Sie Erfahrung mit Cybermobbing?

Eher ganz analoges Mobbing in seiner alten Form auf dem Schulhof, die gerade in der Pubertät besonders hart zuschlägt. Klar haben digitale Plattformen auch bei mir mit der Zeit an Bedeutung gewonnen; da habe ich gemerkt, dass bei Facebook und SchülerVZ nicht nur nette Töne erklingen. Aber die krasse Form im Film habe ich persönlich nie erlebt. Zum Glück.

Das Lübecker Johanneum, wo Sie Abitur gemacht haben, klingt ja auch vergleichsweise behütet.

Da ist was dran, meine Schule hatte eine musikalische Ausrichtung. Aber auch Jakob geht ja nicht im absoluten Brennpunkt zur Schule, sein Vater ist Polizist, die Umgebung sehr bürgerlich. Das zeigt doch: Mobbing dieser Art ist nicht nur eine Frage des sozialen Umfelds, sondern auch der Langeweile vorm PC.

Die auch Sie kennen?

Schon. Da ich immer viel Sport, viel Musik gemacht habe, war ich gut beschäftigt, also geschützt, aber ich hatte Bekannte, deren Freizeitverhalten vorm Computer zeigte, welche Gefahren in dieser Realitätsausblendung liegen, bis hin zu den harten Szenarien von „Homevideo“.

Soll das Publikum auch was lernen oder bloß unterhalten werden?

Es wäre ja traurig, wenn der Film nur Letzteres täte. Dennoch gefällt mir am Drehbuch, dass es gerade nicht den Anspruch hat, eine einzige Moral für alle zu formen, und nicht nur die Geschichte eines einzelnen Mobbingopfers erzählt, sondern vieler Leute, deren Schicksale zusammenlaufen. Der Film ist so gesehen ein Mahnmal gegen die Abgründe des Internets, aber eben auch eine Sozialstudie verschiedener Generationen im Umgang miteinander.

Und deren Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren.

Auch das. Da wäre nur eine Moral hinderlich. Alle wollen das Beste für Jakob, selbst der Direktor, der ihn von der Schule weist. Aber niemand findet das richtige Mittel, alle haben genug mit eigenen Problemen zu kämpfen. Das macht das Buch und die Charaktere so verständlich.

Wie hat ihr Umfeld auf den Film reagiert?

Das Thema an sich hat alle bestürzt. Bei meinen Eltern kam hinzu, dass sie ihren Sohn darin irgendwie auch selbst leiden gesehen haben. Mittlerweile haben wir alle aber genug Abstand, um uns über den Erfolg freuen zu können – so hart die Rolle war.

Hat Sie diese Härte als Schauspieler nochmals reifen lassen?Ich bin an der Rolle auf jeden Fall gewachsen. Die Grenzerfahrungen waren für mich neu und haben mir gezeigt, wo meine psychischen und physischen Grenzen liegen, wie groß auch für einen Sonnenscheintyp wie mich die Gefahr sein kann, den Halt zu verlieren. Ich hab viel gelernt.

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