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Grynszpan nach seiner Verhaftung.

Herschel Grynszpan

"Ich muss protestieren"

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Das Schicksal des Attentäters Herschel Grynszpan seit November 1938.

„Meine lieben Eltern, Ich konnte nicht anders tun, soll G’tt mir verzeihen, das Herz blutet mir, wenn ich von eurer Tragödie und 12.000 anderer Juden hören muss. Ich muss protestieren, dass die ganze Welt meinen Protest erhört, und das werde ich tun, entschuldigt mir. Hermann“. Mit dieser nach seiner Verhaftung bei ihm gefundenen Karte erklärte Hermann Grünspann (Herschel Grynszpan), der 1935 und 1936 in Frankfurt die rabbinische Lehranstalt Jeschiwa besuchte, das Motiv für seine tödlichen Schüsse am 7. November 1938 auf einen Mitarbeiter der deutschen Nazi-Botschaft in Paris, Ernst vom Rath. 

Einige Tage vorher hatte der in Paris wohnende 17-Jährige von der Deportation seiner Familie aus Hannover erfahren – sie wurden gemeinsam mit über zehntausend jüdischen Menschen nach Polen abgeschoben. Er protestierte mit seiner Tat wie zwei Jahre vorher David Frankfurter, der in der Schweiz einen Nazi-Funktionär erschossen hatte, um die Welt aufzurütteln.

Nach Grynszpans Verhaftung schrieb G. Zerapha in der französischen Zeitschrift „Das jüdische Gewissen“: „Frankfurter und Grynszpan sind Helden und Märtyrer des Kampfes gegen den Antisemitismus.“ Seitenweise zitieren die Nazis nach den November-Pogromen und dem staatlichem Terror gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland und Österreich in einem 1939 erschienenen „Gelbbuch“ im Ton der Empörung über das angebliche „Weltjudentum“ die großartigen Solidaritätserklärungen mit Herschel Grynszpan aus der ganzen Welt. 

Grynszpan wurde Mitte 1940 an Nazi-Deutschland ausgeliefert

Grynszpan blieb zunächst in französischer Haft, der Einmarsch der Nazis in Paris beendete das Verfahren vor einem französischen Gericht. Nach kurzer Zeit, Mitte 1940, wurde er an Nazi-Deutschland ausgeliefert. Zeugen sahen ihn im KZ Sachsenhausen noch 1942, wie Norbert Wollheim den Eltern nach 1945 unter Hinweis auf zwei namentlich bekannte Personen übermittelte. 

Das Vorhaben der Nazis, Grynszpan einen öffentlichen Prozess zu machen, wurde von diesem schon in Paris unterlaufen. Im Goebbelschen Tagebuch vom 24. Januar 1942 lässt sich nachlesen, dass aus Angst vor Grynszpans Enthüllungsankündigung über den Kontakt des SA-Mannes Ernst vom Rath mit Strichjungen die Idee einer öffentlichen Aburteilung fallen gelassen wurde. 

Als wäre es etwas Neues, meldet Focus online, „Die Welt“ und die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ am 8. November 2018 die unhaltbare uralte Spekulation, Herschel Grynszpan sei nicht ermordet worden, sondern habe die Nazis überlebt – was seriöse Historiker seit Jahrzehnten als haltlos verworfen haben. 

Die von der Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Goethe-Universität ausgewerteten Akten des niedersächsischen Staatsarchiv zeigen, dass die Behauptung 1952 von einem Alt-Nazi aus dem NS-Geheimdienst mit dem Namen Graf von Soltikow aufgebracht wurde, dann 1957 von einem Historiker namens Heiber, der sich an den Nazi-Publikationen über Herschel Grynszpan orientierte, weiterverbreitet wurde, dann 1960 im „Spiegel“ und in vielen anderen Zeitungen als reale Möglichkeit weiter kolportiert wurde. Ein Mitarbeiter von „Focus“ stellte dann 2016 ein angebliches Foto von Grynszpan aus Bamberg 1946 vor, und heizte so erneut diese absurde Debatte an. 

Bürokratische Kälte im Entschädigunsgverfahren Grynszpan 

Fakt ist, dass im Rahmen der Entschädigungsverfahren, das der Vater von Herschel Grynszpan seit 1953 veranlasst hatte, 1960 amtlich ein Totenschein für seinen Sohn auf das Datum 8. Mai 1945 ausgestellt wurde. Diese Erklärung wurde angezweifelt und daher erst im Januar 1961 endgültig rechtskräftig. Mit gewisser Verzweiflung und tiefer Verletzung hat der Vater am 6. Oktober 1957 eidesstattlich erklärt, dass es absurd sei, von einem Überleben seines Sohns auszugehen. Immer wieder belebt ein Teil der bundesdeutschen Presse das Märchen vom überlebenden Herschel Grynszpan. 

Die Akten zu den Entschädigungsverfahren zeigen das ganze Elend der Situation nach 1945, wie über Jahre, ja Jahrzehnte Menschen wie der Vater von Herschel Grynszpan im Rahmen ihres Entschädigungsverfahrens die widerlichsten Dinge haben anhören müssen. Ein Beispiel: Am 21. November 1958 wird der Antrag auf Entschädigung für Schaden durch Auswanderungskosten abgelehnt, da für die Ausweisung nach Polen keine Kosten entstanden seien. Es heißt: „Der Antragsteller wurde mit seiner Familie im Oktober 1938 als Jude polnischer Nationalität nach Polen ausgewiesen. Diese Ausweisung erfolgte, wie amtsbekannt ist, in Sammeltransporten, für die den Betroffenen, ähnlich wie bei einer Deportation, keine besonderen Aufwendungen erwachsen sind.“ Er sei doch nach Polen transportiert worden, so wörtlich, „ohne hier für etwas bezahlen zu müssen“. Mit dieser zynischen Bemerkung wurde das Problem umgangen, dass es um die Kosten der Auswanderung nach Israel ging. Inhumane bürokratische Kälte pur. 

Der Autor, Jg. 1952, war Leiter der Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Goethe-Universität.

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