Der Schauspieler Lars Eidinger auf einer Pressekonferenz in Cannes 2016.
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Der Schauspieler Lars Eidinger auf einer Pressekonferenz in Cannes 2016.

Lars Eidinger

"Ich bin ja keine Musikbox"

  • Arne Löffel
    vonArne Löffel
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Schauspieler Lars Eidinger über sein neu-altes Album, das Plattenauflegen und den Auftrag, das Publikum zu erziehen.

Herr Eidinger, die Geschichte Ihres Albums „I’ll Break Ya Legg“ auf !K7 ist die kuriose Geschichte einer Wiedergeburt.
Oh ja, das Album entstand ja schon im Jahr 1996. Zwei Jahre darauf ist es auch bei !K7 erschienen, aber als Ten-Inch. Das nun veröffentlichte Album hat jetzt fünf Stücke mehr, die damals nicht mehr drauf gepasst haben.

Wie ist es denn dazu gekommen, dass Sie bei !K7 veröffentlichen?
Ich habe im Keller meines Elternhauses auf einem 2000-Mark-Heimcomputer meine eigene Musik produziert. Das war damals schon instrumentaler Hip-Hop, alles auf Sample-Basis. Ich habe die Stellen auf meinen CDs und Platten gesucht, wo die Beats frei standen. Und dann habe ich sie in ihre Einzelteile zerschnitten, neu zusammengesetzt und mit anderen Samples kombiniert, so Schritt für Schritt meine Musik zusammengebaut.

Und das fanden Sie so gut, dass Sie es gleich an Labels geschickt haben?
Ich habe die Adressen von meinen Platten runtergeschrieben und die Demo auf Musikkassette an alle Labels geschickt, die ich mochte. MoWax, Ninja Tune, Warp, Compost. STUD!O K7 haben mir dann per Fax geantwortet und die Schallplatte in einer Auflage von 500 Stück gepresst.

Wie ist die Scheibe damals aufgenommen worden?
Die Resonanz der Kritiker war gar nicht so schlecht. Die „De:Bug“ hat geschrieben: „Wäre dies eine gerechte Welt, dann würde diese Platte in jedem Laden in einem Fach zwischen darkem instrumental Hip-Hop stehen, jeder DJ, der so etwas auflegt würde sie mitnehmen, weil es sich als neuer Klassiker herauskristallisieren würde.“

Und? Ist das so gekommen?
Nein. Wir leben ja nicht in einer gerechten Welt.

Dann erfährt Ihr Album nun den späten und verdienten Ruhm, indem es neu veröffentlicht wird?
Ehrlich gesagt: Das hat wohl eher etwas mit meinem Erfolg als Schauspieler zu tun. K7! Ist aufgefallen, dass sie ja ein Album von einem gewissen Eidinger im Katalog haben. Und weil ich jetzt mehr Aufmerksamkeit genieße, haben sie sich gemeldet und gesagt, dass es doch schön wäre, wenn das Album jetzt noch mal erscheinen würde.

Haben Sie denn das Album noch mal neu eingespielt, digital gemastert oder so?
Nein, das ist einfach das Album, wie es früher einmal war. Also plus die fünf Stücke.

Und das alles ist, um es für die Leser mal genauer einzuordnen, düsterer Triphop im Stile von Portishead oder Tricky. Man hört dem Album auf jeden Fall die 90er Jahre an.
Das finde ich auch. Das war für mich eine ganz besondere Zeit; wohl die Zeit, zu der ich am meisten in der Musik aufgegangen bin. Und das war immer eine spezielle Musik. „Blue Lines“ (Debütalbum von „Massive Attack“ – Anm. d. Red.) war für mich der initial shock. Und das war die Musik, die sich am meisten mit meinem Lebensgefühl gedeckt hat. „Black Steel“ von Tricky war der Soundtrack zu meiner Wehrdienstverweigerung. Damals habe ich das immer als recht undergroundigen Musikgeschmack empfunden. Im Laufe der Jahre traf ich aber immer mehr Menschen, die diese Zeit mit der gleichen Musik verbinden. Und jetzt im Zuge der Wiederauflage von „I’ll Break Ya Legg“ sind es sogar richtig viele, die sich selbst auch musikalisch darauf beziehen.

Nun sind Sie ja trotz der früh attestierten Qualität Ihres Albums in Deutschland doch eher als Schauspieler bekannt. Hat Sie die Musik dennoch immer begleitet?
Musik war immer wichtig. Ich wollte ja schon als Kind am liebsten Frontmann einer Pop-Band sein, A-ha waren meine absoluten Idole.

Und trotzdem haben Sie ein rein instrumentales Album aufgenommen. Warum? An Bühnenangst kann es ja nicht liegen…
Ich würde mich einfach schwer tun, etwas mit Gesang zu machen. Ich finde, das instrumentale Album entspricht mir mehr. Es ist anonym und trotzdem persönlich. Es eignet sich besser zum Hineinträumen und sich reinprojizieren.

Wie leben Sie sich denn heutzutage musikalisch aus? Machen Sie eigentlich immer noch Musik?
Ich habe mich immer mit Musik beschäftigt. Seit den 90er Jahren veranstalte ich Partys oder lege in Clubs auf. Also genauso lange, wie ich als Schauspieler arbeite. Aber ich verliere mich nicht mehr so sehr in der Musik wie damals, als ich da Album produziert habe. Ich habe auch gar nicht mehr so sehr die Zeit dafür.

Was spielen Sie denn so, wenn Sie hinter den Plattentellern stehen?
In den 90er Jahren habe ich sehr ambitioniert in Berliner Bars aufgelegt, aber eher im Hintergrund. Die Leute haben nicht getanzt. Mittlerweile bin ich aber zum Party-DJ verkommen. Alle drei Monate habe ich eine eigene Veranstaltung an der Schaubühne Berlin, wo ich auflege. Autistic Disco, heißt die.

Und was ist da zu hören?
Tanzbares, vor allem Hits. DAF, viel 90er Jahre Rap, aber auch Justin Timberlake. Das ist ja auch gute Musik, wenn auch als Pop verschrien. Dabei haben sich ja nur Grenzen dessen verschoben, was Pop ist. Bei der Autistic Disco versuche ich, mit dem Publikum die Grenzen des gemeinsamen Geschmacks auszuloten. Als DJ übernimmt man dabei ja manchmal einen nahezu erzieherischen Auftrag.

Als Schauspieler sind Sie ja bekanntermaßen unerbittlich, wenn man Ihnen Desinteresse entgegenbringt. Wenn jemand vorzeitig eine Vorstellung verlässt oder auf sein Handy starrt, muss er damit rechnen, von Ihnen angesprochen zu werden.
Die Menschen vergessen immer, dass ich sie auch sehen kann, wenn sie mich auf der Bühne sehen. Und das irritiert mich, wenn da einer nur auf sein Handy schaut. Und wenn jemand rausgeht, frage ich, wo er denn hin will und weise darauf hin, dass das Stück ja noch nicht zu Ende ist.

Wie ist denn das dann als DJ, wenn jemand die Tanzfläche verlässt, obwohl Sie gerade eines Ihrer Lieblingsstücke spielen? Irritiert Sie das auch?
Ja, das irritiert mich auch. Aber dann muss ich eben etwas spielen, das die Leute wieder auf die Tanzfläche zieht. Dafür ist ja ein DJ da. Viel schlimmer sind aber die, die sich was beim DJ wünschen. Das findet ja kein DJ gut. Ich bin ja keine Musikbox.

Bekommen die dann auch eine Ansage von Ihnen?
Nein, das nicht. Aber das mit den Wünschen hat ja noch eine andere Komponente. Wenn die einem dann ihre Wünsche ins Ohr schreien, dann ist das echt unangenehm und tut mir physisch weh. Also mache ich dann die Musik leise.

Leiser oder aus?
Na, aus. Dann bekommt jeder mit, dass sich einer was wünscht und vor allem auch was. Und man muss mir nicht ins Ohr schreien. Und es ist eine unorthodoxe Pause im DJ-Set. Das holt die Leute auch ran. Vor allem aber hat es eine abschreckende Wirkung.

Das Interview führte Arne Löffel.

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