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Douglas Hofstadter

"Ich freue mich immer, wenn Computer scheitern"

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Der Kognitionswissenschaftler Douglas Hofstadter über die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz und was der Mensch ihr immer noch voraus hat.

Professor Hofstadter, es wird viel über Künstliche Intelligenz diskutiert. Sind die Rechner bald leistungsfähiger als unser Geist?
Im Prinzip können Rechner alles, was ein menschlicher Geist auch kann. Dass sie leistungsfähiger wären als das menschliche Denken, ist noch nicht die Gegenwart, sondern eine Perspektive der Zukunft, also noch Theorie. 

Denkt der Mensch anders als Maschinen denken?
Was die Rechner heute machen, hat fast nichts mit dem menschlichen Denken zu tun. Programme wie Google Translate übersetzen und sind manchmal imponierend, denn sie produzieren sehr, sehr schnell gute Übersetzungen. Aber sie machen auch lächerliche Fehler, unglaubliche Fehler sogar. Und das ständig.

Wie kommt das?
Google Translate ist ein Übersetzungsprogramm ohne eigene Ideen oder Bilder. Die Wörter in so einem Übersetzungsprogramm haben keinen Sinn; sie sind ganz und gar leer. Es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass Google Translate rein gar nichts versteht. Es ist natürlich auch keine Überraschung. Solche Programme sind nicht gemacht worden, um zu verstehen. Hinter den Kulissen des Rechners gibt es keine Begriffe. Die vielen Fehler sind also auch keine Überraschung.

Wird es dennoch irgendwann eine maschinelle Superintelligenz geben, die viele ja fürchten?
Als ich vor 40 Jahren angefangen habe, mich mit künstlicher Intelligenz zu beschäftigen, dachte ich – und hoffe es noch heute –, dass die maschinelle Intelligenz immer unter dem Niveau der menschlichen Intelligenz liegen würde. Deshalb hatte ich vor ihr keine Angst. Aber seit den 90er Jahren habe ich angefangen, Angst zu spüren. Vielleicht hatte ich mich geirrt, dachte ich. Die künstliche Intelligenz entwickelt sich schneller, als ich dachte, und wird in ihren Leistungen viel schneller, als ich es mir je vorgestellt hätte. Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt, dass uns die Rechner bald überlegen sind. Die Idee finde ich sehr erschreckend, und ich freue mich deshalb immer, wenn Computer scheitern. Aber im Prinzip ist es doch möglich. Die Rechner haben die Kapazität, alles nachahmen zu können, was in unserem Gehirn passiert.

Das Thema Intelligenz ist Bestandteil Ihres Forschens. Wie definieren Sie „Intelligenz“?
Nach einigen Jahren habe ich folgende Antwort darauf gefunden: Intelligenz besteht darin, dass man in einem neuen Zustand die Essenz der Sache ziemlich schnell finden kann und imstande ist, zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht wichtig ist. 

Es hört sich so an, als könne man Intelligenz nicht lehren. 
Das stimmt. Man kann aber dennoch von vielen anderen Menschen lernen — vor allem, wenn die Schule oder die Familie oder der Einfluss von Freunden sehr reich an Wissen ist. 

Kann man sagen, dass Menschen, die mehr Erfahrungen gemacht haben, anders denken als Menschen, die immer nur an einem Ort gewesen sind? Zum Beispiel in Bezug auf Rassismus.
Das Reisen vor allem in der abstrakten Welt, viel studieren, andere Sprachen lernen, erweitert den eigenen Begriffsschatz. Das macht das Denken flexibler.

Wie ist es mit Kindern und Mathematik? Warum lernen sie das Fach so mäßig bis schlecht?
Leider ist es so, dass die Lehrer sehr oft die Mathematik selber nicht verstehen. Sie verstehen die fundamentalen Begriffe nicht, Division, Multiplikation. Aber nur wenn die Lehrer gut sind, verstehen es auch die Schüler. Ich glaube, dass jedes Kind imstande ist, die Begriffe auf dem Niveau des Gymnasiums zu verstehen. Die Mathematik ist am Ende nicht so schwierig. Algebra, Geometrie, Division — für meine Tochter zum Beispiel war das ein großes Problem, weil sie keine guten Mathematiklehrer hatte. Für mich war das sehr traurig.

Sie haben herausgefunden, dass unser alltägliches Denken durch Analogien zustande kommt. 
Für die meisten Kognitionswissenschaftler ist eine Analogie eher etwas Abstraktes. Sie glauben, dass Analogien eine große Rolle nur in der Mathematik oder in der Physik spielen. Dabei spielen sie in jeder Sekunde unseres Denkens eine große Rolle. Aristoteles dachte daran, dass sich A:B wie C:D verhält. Aber wenn ich ein „A“ wiedererkenne (hier spreche ich von dem Buchstaben „A“), würden die Wissenschaftler oder Aristoteles nicht sagen, dass ich eine Analogie erkenne. Ich aber würde es ohne Zweifel behaupten. Ich habe einen sehr viel reichhaltigeren Begriff davon, was eine Analogie ist. 

Sie erklären die Analogien auch durch Fehlleistungen des Denkens, wie genau? 
Wenn ich über Analogien spreche, gebe ich immer Beispiele von Fehlern im Denken. Zum Beispiel wenn ein zweijähriges Mädchen sehr stolz sagt: „Ich habe die Banane ausgezogen!“ Man sieht, dass sie eine süße und sehr gute Analogie gemacht hat. In der Vergangenheit hat sie ihre Puppe ausgezogen und ist sie von ihrer Mutter ausgezogen worden. Sie weiß also sehr genau, was sie unter „ausziehen“ zu verstehen hat. Und wenn sie sieht, was sie selbst bei der Banane macht, erkennt sie, dass das etwas Vertrautes und Ähnliches ist. Die Auswahl jedes Wortes hängt mit einer Analogie zusammen. Die Fehler zeigen das sehr klar. Es gibt hunderte, tausende von Beispielen. Die Fehler sind keine Freud’schen Versprecher im Sinne seiner Theorie eines sexuellen Unterbewusstseins, sondern alltägliche Fehler, die uns ständig unterlaufen. Und jeder dieser Fehler kommt aus einer Analogie. Wenn man die Fehler studiert, versteht man deshalb die Sprache und das Denken.

Wie ist das bei fremden Sprachen?
Ich habe zuletzt einige Monate in China    verbracht. Ich kenne viele chinesische Zeichen, vielleicht zwischen 2000 und 3000. Wenn ich ein Buch lese, kann ich die Zeichen ziemlich schnell lesen. Wenn ich aber ein Zeichen über einem Laden oder in einer Reklame sehe, bei der man mit dem Schriftbild des Zeichens gespielt hat, bin ich viel langsamer. Vielleicht erkenne ich erst nach zwei Minuten ein Zeichen wieder, für das ich in einem Buch eine Viertelsekunde gebraucht hätte. Hier ist ein Beispiel. „Déguó“ heißt „Deutschland“ auf Chinesisch. „Dé“ bedeutet Moralität. Deutschland ist im Chinesischen also das Land der Moralität! Das Zeichen „Dé“ ist ziemlich kompliziert, deswegen benötige ich viel Zeit, um es in einem unvertrauten Schriftbild wiederzuerkennen. Ich suche also eine Korrespondenz zwischen einem Begriff, den ich in meinem Gehirn habe, und dem Zeichen, das ich auf der Reklame sehe. Diese gesuchte Korrespondenz bildet eine Analogie. Wenn man aber mit der chinesischen Sprache aufwächst, geht das viel schneller, im 20stel einer Sekunde. Dann hat man nicht den Eindruck, das laufe über eine Analogie; dennoch ist es der Fall. Meiner Meinung nach bildet man in jeder Sekunde viele Analogien, sagen wir 20 oder vielleicht mehr.

Wie viele Sprachen sprechen Sie?
Ich sage immer, dass ich „pilingual“ bin, im Gegensatz zu „bilingual“. Das ist ein kleines Wortspiel.

Und was bedeutet es? Sie spielen auf die Kreiszahl pi an, deren Bruch sich unendlich erweitern lässt, oder?
Genau. Es bedeutet, dass ich im Laufe der Zeit einen Haufen Sprachen studiert habe und dass jede Sprache sich wie ein Bruchteil in meinem Gehirn verstehen lässt. Für Englisch gebe ich zum Beispiel eine 1,0, für Französisch 0,8, für Italienisch 0,7, für Deutsch 0,4, für Schwedisch 0,3, für Spanisch 0,3, für Chinesisch 0,3 oder 0,2, für Russisch 0,1 usw. Es sind kleine Bruchteile, die zusammengenommen in der Nähe von 3,1 ergeben. Natürlich macht eine solche Zuordnung von Zahlen selbst keinen Sinn, aber wir können es ja mal versuchen. Um mich spielerisch auszudrücken, sage ich dann, dass ich „pilingual“ bin: 3,14159.

Ein Scherz, aber steckt auch Ernst dahinter?
Ich werde immer wieder gefragt: „Wie viele Sprachen sprechen Sie?“ Und ich antworte immer, dass eine Fremdsprache niemals eine ganze Zahl darstellt, sondern immer nur einen Bruchteil. Die Frage hat also keinen Sinn oder zumindest nicht den, den der Fragende im Blick hat. Es ist also schon recht ernst, wenn ich mit diesen Bruchteilen antworte. 

Ist Sprache ein gutes Werkzeug, um die Welt zu erkennen?
Das ist alles, was wir haben. Natürlich gibt es auch Kunst und Musik, aber die Sprache ist bei weitem das wichtigste, was wir haben. Sie gibt uns sie Möglichkeit, mit anderen zu kommunizieren, in anderen Gehirnen zu leben und die Erlebnisse anderer zu teilen. Durch die Sprache haben wir die Möglichkeit, neue Begriffe zu bekommen. Andere Spezies haben das nicht, und deswegen ist jedes Tier sehr begrenzt. Ein Hund kann seine Vorstellungen nicht anderen Hunden mitteilen. Und nicht anders ist es bei Affen oder Vögeln. Wir Menschen haben das Glück, Sprache zu haben — ein sehr großes Glück. 

Ist unser Denken dadurch ganz anders als bei Tieren?
Ja, es ist fundamental anders, weil wir mit anderen Menschen kommunizieren können. Außerdem hat kein Tier die Möglichkeit, seinen Begriffsschatz zu vergrößern. Ein Hund zum Beispiel könnte die Namen von seinen Spielzeugen lernen: Das ist ein Ball, das ist etwas anderes. Ein Hund kann bis zu 200 Wörter lernen, und das ist bestimmt großartig. Aber die Wörter gelten nur physikalischen Gegenständen. Sie sind nicht abstrakt, wie zum Beispiel das Wort „Fußballweltmeisterschaft“. Kein Hund könnte sich einen solchen abstrakten Begriff vorstellen. Wir Menschen aber können unseren Begriffsschatz ständig vergrößern. Das ist fantastisch, ist aber auch ein Geheimnis. Deswegen sind wir fundamental von anderen Spezies unterschieden. Wir sind ganz anders. 

Sind unsere Begriffe denn präzise in der Weltbeschreibung?
Nein, sie sind nicht präzise. Das ist das, was so wunderbar ist. Dieser Gegenstand ist ein Ball oder ist es vielleicht eher ein Kreis? Was ist denn ein Kreis? Es ist alles so flexibel. Was bedeutet ein Wort? Jedes Wort hat so viele Bedeutungen, ist so reich. Vor allem ist ein Begriff so reich, genau deshalb, weil er nicht präzise ist!

Auch wissenschaftliche Begriffe sind unpräzise?
Ja, bestimmt! Denken Sie einfach an die Frage: „Was ist Leben?“ Wann kann man sagen, dass etwas lebt? Leben auch Computer? Das ist eine Debatte, die gerade geführt wird. Selbst ein Begriff wie „Atom“ ist nicht sehr präzise. Zum Beispiel bildet ein Proton mit einem Elektron in einer Umlaufbahn ein Wasserstoffatom, aber wenn das Elektron „geraubt“ wird, dann bleibt nur das einzige Proton (ein sogenanntes Ion). Deswegen können (und müssen!) wir sagen, dass ein einziges Proton ein Atom ist! Und es kann noch schlimmer werden. Ein Antimyon hat genau dieselbe positive Ladung wie ein Proton und kann deswegen ein Elektron in einer Umlaufbahn um sich haben. So ein sonderbarer Gegenstand, obwohl er ein sehr kurzes Leben hat, benimmt sich dennoch genau wie ein normales Wasserstoffatom; von einem rein chemischen Gesichtspunkt aus ist das sonderbare Objekt ohne Zweifel ein Wasserstoffatom. Und wenn das Elektron „geraubt“ wird wie im früheren Fall, dann bleibt nur das einzige Antimyon, und deswegen können (und müssen!) wir sagen, dass ein einziges Antimyon ein Atom bildet. So zeigt sich, dass selbst ein scheinbar präziser Begriff wie „Atom“ sehr unscharf ist.

Ihr Vater war Physiker, Sie sind ebenfalls Naturwissenschaftler und haben Ihren Doktor in Physik gemacht. Wie sehr hat Sie Ihr Elternhaus geprägt?
Für mich war es faszinierend, in einem „Physikhaus“ aufzuwachsen. Ich war von Anfang an in die Physik verliebt und dann traurig, als ich mit 25 Jahren entdeckte, dass meine wirklichen Talente nicht in der Physik liegen. Deshalb habe ich nach der Doktorarbeit das Feld der Physik verlassen und mich zu den Kognitionswissenschaften zugewendet.

Basiert wissenschaftlicher Erfolg stark auf Zufall?
Auf Talent und Zufall. Es gibt sehr viele sehr intelligente Leute, die keinen Erfolg in der Wissenschaft hatten. Es fehlte ihnen leider das Glück. Aber Talent hilft natürlich. Das beste Beispiel ist Albert Einstein, dessen Genie viele große Entdeckungen machte. Für ihn war das quasi unvermeidbar. Bei mir war es ganz anders. Als ich 1974 meine Doktorarbeit in Regensburg schrieb, habe ich eine wunderbare Entdeckung gemacht. Heute spricht man in der Festkörper-Physik von dem „Hofstadterschen Schmetterling“. Das ist wunderbar! In diesen Tagen hatte ich so viel Glück. Es war nicht so, dass ich sehr intelligent gewesen wäre. Ganz im Gegenteil! Ich bin einfach die richtige Person im richtigen Augenblick in der richtigen Situation gewesen. In Regensburg arbeitete ich mit drei Professoren, die alle in Physik viel begabter waren als ich. Ich fühlte mich daher traurig und verloren. Eines Tages aber fand ich zufälligerweise im Korridor neben meinem Büro einen kleinen Computer. Ich fragte Gustav Obermaier, den Professor, der die Gruppe leitete: „Wem gehört dieser Computer?“ Gustav antwortete mir: „Er ist meiner, aber niemand benutzt ihn. Wenn du ihn nutzen willst, kannst du es freilich tun.“ Ich konnte programmieren und hatte die Idee, statt Gleichungen zu manipulieren, Zahlen mit dem Computer auszurechnen. So habe ich „meinen“ Schmetterling mit Hilfe des kleinen Computers gefunden. Keiner hätte gedacht, dass so eine Gestalt zu finden sein würde. Es war eine große Offenbarung für alle. Es kam aber nur daher, dass ich dümmer war als meine drei Professoren. Am Ende dann war die Dummheit mein Vorteil (lacht). 

Interview: Michael Hesse

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