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Eine Piefke wird Österreich-Schelte nur ungern zugestanden - das war schon dem Drama „König Ottokars Glück und Ende“ von Franz Grillparzer, dessen Denkmal im Wiener Volksgarten steht, zu entnehmen.

Österreich

Die Ibiza-Videos: So sind wir nicht

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Die Bedeutung des Ibiza-Videos für Deutschland.

Dass die Republik Österreich ihre türkis-blaue Koalition los geworden ist, hat einen faden Beigeschmack: Weil sie nicht abgewählt, sondern über eine Intrige gefallen ist, die auch noch durch deutsche Presseveröffentlichungen ruchbar wurde. Aus dem Ausland lässt man sich an der Donau bekanntlich ungern belehren. Daniel Kehlmann, immerhin Halbösterreicher, hatte zuvor Georg Kreisler bestätigt, der 2009 vor der Rückkehr des Faschismus warnte: „Er war klarsichtiger als wir anderen. Denn der Ernstfall ist eingetreten.“ Dass einem „Piefke“ Österreich-Schelte ungern zugestanden wird, reicht weit in die Geschichte zurück.

Zum Beispiel zu Franz Grillparzer im Vormärz. „Es ist ein gutes Land“ lautet die zu Tode zitierte Zeile in „König Ottokars Glück und Ende“, seinem ursprünglich gegen Napoleon gerichteten und in der Zensurschublade versenkten Drama, das 1825 im Burgtheater uraufgeführt wurde und seither immer wieder zur patriotischen Erbauung aufgeführt wurde. Da waren deutliche Seufzer zu vernehmen, wenn die Nebenfigur Ottokar von Horneck diese Verse deklamierte: „Drum ist der Österreicher froh und frank/Trägt seinen Fehl, trägt offen seine Freuden/Beneidet nicht, läßt lieber sich beneiden!/Und was er tut, ist frohen Muts getan/ ‘s ist möglich, daß in Sachsen und beim Rhein/ Es Leute gibt, die mehr in Büchern lasen/ Allein, was not tut und was Gott gefällt/Der klare Blick, der offne, richt’ge Sinn/ Da tritt der Österreicher hin vor jeden/ Denkt sich sein Teil und läßt die andern reden!“

Die AfD hat eine neue Nibelungentreue zu Österreich ausgerufen

Oder applaudiert mal. In einem „SD-Bericht“ vom Februar 1940 berichtete die Gestapo, an dieser Stelle, „wo der Unterschied zwischen dem reichsdeutschen und österreichischen Geistesleben gezeichnet wird“, sei es zu ostentativem Beifall gegen Reichs-Deutschland gekommen. Zur Wiederöffnung des Burgtheaters 1955 wurde die Aufführung des Grillparzer-Stücks an Stelle von Goethes „Egmont“ als patriotische Pflicht reklamiert, nun gegen Bundes-Deutschland. Wie nun – großdeutsch oder klein-österreichisch?

Die FPÖ hat in den fünfziger Jahren das Erbe des NS-Sammelbeckens „Verband der Unabhängigen“ (VdU) angetreten und konnte sich über Jahrzehnte auch nicht entscheiden zwischen dem deutschnationalen Anschlussdenken der Burschenschaften, deren identitärem Milieu die Freiheitlichen eng verbunden sind, und dem Chauvi-Republikanismus des „Österreich zuerst!“, dem der späte Haider und HC Strache frönten.

In jüngeren Inszenierungen wurde König Ottokar gründlich entschlackt. In der jüngsten, sehr gelungenen Aufführung am Bregenzer Landestheater unter der Regie von Johannes Lepper soll der martialische Showdown zwischen dem bösen „östlichen“ Möchtegern-Kaiser Ottokar und dem echten „westlichen“ Kaiser Rudolf von Habsburg aus dem 13. Jahrhundert den Blick aufs heutige Europa öffnen. Der patriotische Schmu, den Ältere in der Schule auswendig lernen mussten, wird von einem Zirkuschor rezitiert und durch die Europahymne abgewürgt. (Es soll nach der Premiere Abo-Kündigungen und Unmutsäußerungen gegen die deutsche Intendantin Stephanie Gräve gegeben haben.)

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„O gutes Land! O Vaterland! Inmitten/Dem Kind Italien und dem Manne Deutschland/ liegst du, der wangenrote Jüngling, da/ Erhalte Gott dir deinen Jugendsinn/Und mache gut, was andere verdarben.“ So geht es bei Grillparzer weiter. Ein Mitglied der deutschen Bundesregierung steckte mir vor Jahren, der aufstrebende Herr Kurz, dieser wangenrote Jüngling, sei „eine ziemlich taube Nuss“. Hernach ließ man sich von seiner Cleverness blenden und empfahl die von ihm verkörperte Personalisierung des Konservatismus den lahmenden Volksparteien als Jungbrunnen.

Die AfD hat nach dem Ibiza-Video, „jetzt erst recht!“, eine neue Nibelungentreue zu Österreich ausgerufen und steht zur blauen Schwester. Sie wird die kleine Schlappe auswetzen, denn es gibt keinen Ibiza-Effekt: Der besoffene Strache bekam am 26. Mai 44 000 „Vorzugsstimmen“, dass er in Brüssel ab jetzt direkt mit Oligarchen verhandeln kann.

Die AfD hat ein ähnlich präpotentes und halbseidenes Personal, genauso schlecht geführte Bücher und sie stünde nicht minder an, sich den Staat zur Beute zu machen, sobald sie zum Beispiel in Sachsen einen Fuß in die Tür bekommt. Und genau wie die Freiheitlichen bekämpft sie die öffentlich-rechtlichen Medien und will sich den Verfassungsschutz gefügig machen.

„So sind wir nicht. So ist Österreich nicht. Das müssen wir uns jetzt beweisen“, beteuerte Bundespräsident Alexander van der Bellen nach Ansicht des Video-Sittenbilds. Die Deutschen haben sich ebenfalls zu beweisen, dass sie nicht so sein wollen wie der „gärige Haufen“ (Gauland) namens AfD. Nach deren jüngsten Erfolgen in den ostdeutschen Ländern erscheint allerdings fraglich, wie lange Politiker der Union der schwarz-blauen Versuchung noch widerstehen werden, mit der es Österreich zu seinem maximalen Schaden schon zweimal probiert hat.

Der Autor

Claus Leggewie ist Ludwig Börne- Professor an der Universität Gießen. Für Herbst ist sein neues Buch angekündigt, „Jetzt! Protest – Opposition – Widerstand“, das bei Kiepenheuer & Witsch herauskommt.

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