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Nur oberflächlich transparent: Die Bertelsmann-Stiftung.
Nur oberflächlich transparent: Die Bertelsmann-Stiftung. © dpa

Bertelsmann tritt für Transparenz ein. Doch wie transparent ist Bertelsmann selbst?

Von Thomas Schuler

Heute Abend feiert der Medienkonzern Bertelsmann in Berlin sein 175-jähriges Firmenjubiläum mit viel Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Es werden Reden gehalten werden, in denen die Internationalität und Transparenz des Unternehmens hervorgehoben werden. Doch wie transparent und offen ist Bertelsmann selbst? Zum Beispiel gegenüber Journalisten und ihren Fragen? Unser Autor Thomas Schuler hat vor kurzem ein Buch über die Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht und 2004 die Familiengeschichte der Bertelsmann-Eigentümer, „Die Mohns“. Hier schreibt er nun über seine Erfahrungen mit der Transparenz im Hause Bertelsmann.

Als vor einem Monat mein Buch über die Bertelsmann-Stiftung erschien, veröffentlichte die Stiftung eilig ein Interview, das sie selbst mit ihrem Vorstandsvorsitzenden Gunter Thielen geführt hatte. Thielen sagte, er habe das Buch gerade im Urlaub gelesen. „Mein erster Eindruck ist, dass es sich bei der Veröffentlichung mehr um eine historische Betrachtung des Wirkens von Reinhard Mohn und der Arbeit der Stiftung handelt. Fast das gesamte Buch bezieht sich auf Projekte, Initiativen und Ereignisse, die Jahre oder gar Jahrzehnte zurückliegen. Ich glaube, viele Darstellungen werden der heutigen Arbeit und Ausrichtung der Stiftung deshalb nicht mehr gerecht.“ Thielens Botschaft: Das Buch hat nichts Neues zu bieten.

Aber warum dann eine Stellungnahme und das eilig veröffentlichte Interview? Warum bereits Tage davor Anrufe in Redaktionen, sie möchten – falls sie über das Buch berichten – bitte die noch in Arbeit befindliche Stellungnahme beachten? Natürlich liegen einige Projekte viele Jahre zurück, wenn das Buch Geschichte und Entwicklung der Stiftung behandelt. Aber die Probleme und Interessenkonflikte, die sich ergaben, als vor zehn Jahren die Stiftung mit den Argumenten des Unternehmens die Rundfunkaufsicht reformieren wollte, sind nach wie vor aktuell. Stiftung und Unternehmen vermengen ihre Interessen bis heute, etwa wenn die Stiftung Outsourcing von Kommunalverwaltungen empfiehlt und die Konzerntochter Arvato daraus ein Geschäft machen will. Oder wenn die Stiftung sich bei Bildung und Hochschulbildung engagiert und der Unternehmenschef diesen Bereich als mögliches Wachstumsfeld benennt.

2002 feierte die Bertelsmann Stiftung ihr 25-jähriges Bestehen und vergab ihren Carl-Bertelsmann-Preis an die Organisation Transparency International, die Korruption bekämpft. Transparenz sei die Grundlage für Wettbewerb und Effizienz, betonte Thielen damals. Besonders wichtig sei Transparenz für den, der dem Gemeinwohl dienen wolle.

Nur oberflächlich transparent

Das trifft in besonderer Weise auch auf die Bertelsmann Stiftung selbst zu. Aber ist sie transparent? Oberflächlich ja. Sie veröffentlicht einen Jahresbericht und hält eine Bilanzpressekonferenz. Doch nach welchen Kriterien funktioniert die Stiftung? Wer bestimmt und kontrolliert sie? Warum hat sie die Satzung so weitreichend geändert, dass sie auf alle Ewigkeit einzig der Familie Mohn verantwortlich ist? Diese Fragen interessierten mich.

Die Stiftung hat mir auf Anfrage viele Studien und Publikationen zugänglich gemacht, das ja. Aber hat sie entscheidende Fragen zu ihrer Konstruktion und zu ihren Finanzen beantwortet? Nein, keine einzige. Sobald die Fragen Interessenkonflikte, die Kontrolle durch die Familie Mohn oder die Verwendung der Gelder betrafen, endete das Bekenntnis zur Transparenz. Die Stiftung hat ihr Archiv unter Verschluss gehalten und nicht einmal frühere Satzungen zugänglich gemacht.

Thielen klang im Interview mit sich selbst so, als hätte die Stiftung mir Tür und Tor geöffnet und ihre Mitarbeiter zu Gesprächen mit mir aufgefordert. Keineswegs. Die Mitarbeiter haben nur sehr eingeschränkt über ihre Projekte gesprochen. Ich habe viele Zitate, Fakten und Zahlen mehrfach geprüft und viele Fragen eingereicht. So habe ich am Ende mehr als 100 Fragen eingeschickt. Die Stiftung hat keine einzige beantwortet. Die Verantwortlichen an der Spitze der Stiftung waren zu keinem Gespräch bereit. An der Jahrespressekonferenz durfte ich nicht teilnehmen, weil – wie mir schriftlich mitgeteilt wurde – diese Veranstaltung Journalisten aus der Region Ostwestfalen vorbehalten sei und ich ja leider aus München sei. Nicht sehr glaubwürdig, wenn man bedenkt, dass die Projekte international und national ausgerichtet sind.

Dass die Transparenz an Grenzen stößt, sobald es ans Eingemachte geht, dass Thielen glaubt, die Fragen nach den Gehältern seien unzulässig, und dass die Politik der Bertelsmann-Stiftung das gestattet, das ist einer der Skandale, der heute Abend freilich nicht thematisiert werden wird.

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