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Was ist so verkehrt daran, einer Maschine ein Lächeln zu schenken? 

Humanismus

Sei gegrüßt, kleiner Roboter

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Kluge Tiere und Maschinen nehmen unser Menschenbild in die Zange. Aber ist das überhaupt so schlimm? 

Bei Markus Lanz stellte die Regisseurin Isa Willinger kürzlich ihren Film „Hi, Ai“ vor. Sie zeigt darin Humanroboter im Einsatz. Zum Beispiel eine mit sekundären Geschlechtsmerkmalen reichlich versehene Roboterfrau, die sich angeregt mit ihrem „Herrn“ unterhält. Sie bedankt sich höflich für Komplimente, die er ihr macht und sie nennt ihn intelligent und einfühlsam. Mehr als man in vielen langjährigen Beziehungen noch erwarten kann.

In einer anderen Szene aus Isa Willingers Film sieht man, wie zwei Frauen den mit riesigen Augen ausgestatteten Kindroboter anstrahlen, der sich mit ihnen über Hausarbeit unterhält und mit dem sie zusammen ein Kinderlied singen. Markus Lanz findet, die Damen sollten so allenfalls ihren Enkel anlächeln, nicht aber einen Roboter.

Mir fiel meine Lieblingstante ein, die, sie war wohl Ende siebzig und lang schon Witwe, mir erklärt hatte, sie habe sich jetzt einen Teddy gekauft. Mit ihm in den Armen könne sie endlich wieder gut schlafen. Isa Willinger meinte zu Lanz’ ostentativem Unbehagen angesichts so vieler Gefühle einem Automaten gegenüber: „Man darf nicht vergessen, die Dame ist in einer ganz anderen Tradition aufgewachsen. Der Shintoismus unterscheidet nicht so scharf zwischen belebter und unbelebter Natur. Dinge sind nicht etwas grundsätzlich anderes als Menschen.“ Aber genau darauf kommt es doch an, antwortet der europäische Humanismus: Wir müssen unterscheiden zwischen Dingen und Menschen. Der Mensch darf nie nur Mittel, er muss immer auch Zweck sein. Dinge dagegen sind stets Mittel für etwas. Sie haben keine Persönlichkeit, die sie ununterscheidbar macht.

Wir stecken so tief im Humanismus, den wir doch ständig verraten, dass Moral für uns darin besteht, Menschen nicht zu behandeln wie Dinge. Auf die Idee, den Humanismus auf die Dinge auszudehnen, Dinge pfleglich wie Menschen zu behandeln, kommen wir nicht. Unsere Moral lebt davon, dass es unsere Moral ist. Sie handelt davon, wie Menschen miteinander umgehen.

Die Japanerin, die das Lächeln des Roboters erwidert, fällt nicht nur herein auf ihn und die Werbestrategen der ihn verkaufenden Firma, sie verrät auch ihr Menschsein, wenn sie sich auf eine Stufe stellt mit einem Ding. So kann man das jedenfalls sehen, wenn man die Situation durch die Brille der Tradition eines europäischen Humanismus betrachtet.

In dieser Tradition spielt eine gewichtige Rolle, dass der Mensch in deren Schöpfungsgeschichte eine so herausgehobene Position hat. Hinzu kommt, dass er ausdrücklich den Auftrag bekam, sich „die Erde untertan“ zu machen. Es ist nicht nur – wie Sophokles sagte –nichts ungeheurer als der Mensch. Er soll es auch sein. „Search and destroy“, das sind nicht nur militärische Taktiken. Es ist seine Daseinsform. Angst und Schrecken zu verbreiten, ist seine Mission.

Der Blick auf andere Gesellschaften und ihre Geschichte lässt übrigens nicht den Gedanken aufkommen, dort ginge es humaner zu. Die Zerstörungsorgien japanischer Horrorfilme unterscheiden sich kaum von denen ihrer Kollegen. Der Shintoismus scheint sich nicht in allen Genres pazifizierend auszuwirken.

Der kulturhistorische Blick wird gerne überbewertet. Man tut so, als erkläre die Vergangenheit die Gegenwart. Isa Willinger tat das nicht, sie erinnerte nur daran, dass die Japanerin möglicherweise dank eines Aspektes ihrer Tradition anders auf den Roboter sehen könnte, als Mario Lanz, ein Mann aus den katholischen Alpen, es tut.

Wir Kinder einer Konsumgesellschaft sind daran gewöhnt, dass uns alles sofort zur Verfügung steht und das in riesigen Mengen. Das entwertet den einzelnen Gegenstand. Er hat keine Chance mehr. Geht er entzwei, reparieren wir ihn nicht, sondern ersetzen ihn durch seinen Klon. Das ist einfacher und oft billiger. Je mehr Dinge wir haben, desto unvertrauter werden sie uns. Ich werde regelmäßig gefragt, ob ich meine Bücher auch alle gelesen habe. Nein, habe ich natürlich nicht. Ich lese aber auch so viele, dass ich vergesse, was in ihnen steht. Noch der verblüffendste Gedanke wird schnell ersetzt durch den nächsten. Das gilt für fast alle anderen Lebensbereiche.

Wer heute „Pflege“ sagt, denkt oft nur noch an alte Menschen. Wer aber betreibt noch Schuh- oder Kleiderpflege? Eine Freundin von mir besaß ein uraltes und sieches Radio, das nur noch einen einzigen Sender empfangen konnte. Sie lehnte meinen Vorschlag, es zu ersetzen, kategorisch ab. „Ich mag es“, war ihre Antwort, und sie liebte es so, wie es war: alt und gebrechlich.

Ich hatte keine Ahnung, was Liebe ist. Liebe war für mich sexuelle Begierde, vielleicht noch die Fürsorge von Eltern für Kinder. Schon Hunde- und Katzenliebhaber waren mir ein Rätsel. Und die samstäglichen Stunden, die viele Männer ihren Autos an Zuwendung zukommen ließen, reizten mich zu abfälligen Bemerkungen über die wenigen Minuten, die sie sich für das Liebesleben mit der Gemahlin nahmen. Polymorph-pervers sei das Liebesleben in einer frühen Lebensphase, hatte ich gelernt. Wo es das blieb, war etwas schiefgelaufen. Meine Ahnungslosigkeit war rührend. Meine Neugierde fast auf dem Nullpunkt. Inzwischen wissen wir es alle: „Normal“ ist nicht normal. Die Bundesbahn sucht auf großen Plakaten „Lokführer (w/m/d)“.

Die Liebe zu Maschinen ist ein altes literarisches Motiv. Ovid schildert, wie der Bildhauer Pygmalion sich in die von ihm geschaffene Statue verliebt. Die Hauptfigur von Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ verliebt sich in Olimpia, eine Holzpuppe. Die Automaten verändern das Menschenbild. Man konnte den Menschen als eine besonders geschickt gebaute Maschine betrachten. „L’Homme Machine“ des französischen Aufklärers Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) erschien 1748, gefolgt von dem heute weniger bekannten Band „L’Homme plante“. Im selben Jahr kam übrigens noch „L’Homme plus que Machine“. Friedrich der Große nannte ihn seinen „Hofatheisten“.

La Mettries Zweifrontenangriff auf den Menschen war eine harmlose Veranstaltung im Vergleich zu dem, wie weit uns die wissenschaftliche Forschung heute aus unserer früheren „Stellung im Kosmos“ hinauskatapultiert hat. Der Bereich des spezifisch Menschlichen hat sich radikal verengt. Inzwischen wissen wir, dass der Mensch im Wesentlichen aus Sauerstoff und Wasserstoff besteht. 2,15 Prozent Stickstoff stecken in uns und 0,06 Prozent Eisen. Man geht davon aus, dass 90 Prozent aller Atome im Weltall Wasserstoffatome sind. Der Mensch ist das Produkt eines Mischungsverhältnisses. Pflanzen, Tiere, Steine, alles, das wir kennen, setzt sich aus denselben Grundstoffen zusammen. Der Mensch hat nichts Apartes für sich.

Homo sapiens nannte der Mensch sich selbst, solange er dumm war. Der Mensch ist etwas sehr Besonderes, aber auch Äpfel und Tintenfische, Delphine und Seeanemonen sind es. Dass wir erst in den letzten Jahrzehnten begonnen haben zu begreifen, wie diese Lebewesen als Individuen, als Gesellschaften und mit ihrer Umgebung kommunizieren, wirft nicht gerade ein glorioses Licht auf unsere Intelligenz. Von Hundebesitzern ist zu hören, dass sie, je besser sie ihr Tier begreifen, sich immer unklarer werden, wer wen hält. Evolutionsbiologisch gesehen scheint tatsächlich der Hund von der Domestizierung deutlich mehr profitiert zu haben als das „Herrchen“.

Von der anderen Seite her betrachtet sieht die Lage ähnlich aus. Maschinen und Automaten übernehmen immer mehr bislang für spezifisch menschlich gehaltene Leistungen. Logisches Denken – lange eine wesentliche Domäne des Menschen – können die Maschinen besser. Sie sind deutlich exakter, um ein vielfaches schneller. Nun hat man die emotionale Intelligenz entdeckt. Das wird nicht die letzte Bastion sein, hinter der sich der Mensch verschanzt.

Die Frage nach Herr und Knecht ist die alte Frage. Sie führt in die Irre. Die Jahrhunderte, die wir in unseren Träumen riefen „Ich bin der König der Welt“ fuhren wir von einer in die nächste Katastrophe. Und bis heute leben wir in Abhängigkeitsverhältnissen, von denen wir keine Ahnung haben. Wir wissen fast nichts über unser Innenleben und haben kaum etwas in Erfahrung gebracht über die Zusammenhänge in denen wir leben.

Und jetzt schaffen wir nicht nur Dinge, die es bisher nicht gab. Wir schaffen Dinge, die Dinge schaffen, die es nicht gab, die wiederum usw. Es ist unmöglich, dabei den Überblick zu behalten. Wir werden lernen müssen, mit weniger auszukommen. Denn wir wissen: Die vielen Dinge machen krank. Stattdessen müssen wir begreifen, dass wir sie ernst nehmen müssen. Die Japanerin, die ihren Roboter ebenso freundlich begrüßt wie ihren Enkel, ist auf dem richtigen Weg.

Kinotermine unter www.hiai-film.de

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