Ausstellung

Mit Hubert Fichte in Salvador de Bahia

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Liebe und Ethnologie. Die koloniale Dialektik der Empfindlichkeit - eine Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Es raucht, zirpt und rattert, und bald nach Betreten der Ausstellung verlocken bereitgelegte Kopfhörer dazu, den Gehörsinn ein wenig konzentrierter einzusetzen. Sie liefern die Tonspur zu einem Film in Endlosschleife. Talking Heads, nachdenkliche Künstler, lange Pausen, einmal fällt der Name Pasolini. Kontext und Verstehen, will diese schroff ausgrenzende Einladung zum weit verzweigten Themenfeld Liebe und Ethnologie wohl sagen, sind grundsätzlich flüchtiger Natur. Also weiter zu den Bildern, denn diese Ausstellung auf den Spuren des Hamburger Schriftstellers Hubert Fichte operiert natürlich auch mit visuellem Überschuss.

Das wohl bekannteste Porträt Fichtes zeigt den 1935 in Perleberg geborenen, 1986 in Hamburg gestorbenen Schriftsteller und Ethnografen sitzend als seltsam verpupptes Mann-Frau-Wesen. Ruht er aus? Thront er? Hört er jemandem zu? Die Erscheinung entführt in eine ferne Vorstellungswelt, in die es Fichte bald zog, nachdem er 1968 mit seinem Roman „Die Palette“ über einen Hamburger Szene-Treffpunkt bekannt geworden war. Intellektuelle Rastlosigkeit war sein Programm. 1971 studierte er die afrobrasilianischen Religionen in Salvador da Bahia, reiste nach Argentinien zu Jorge Luis Borges und nach Chile zu Salvador Allende. Es folgten Aufenthalte in Haiti, Reisen nach Tansania, Äthiopien, Trinidad und in die Dominikanische Republik. Am Ende dieser Exkursionen sollte seine gut zwei Dutzend Bände umfassende „Geschichte der Empfindlichkeit“ stehen, die der an Aids erkrankte Fichte jedoch nicht mehr abschließen konnte.

Man darf sich vom Bilderreichtum der Ausstellung im Haus der Kulturen nicht täuschen lassen. Es geht um Text, sehr viel Text. Und letztlich ist die Schau nur ein Verweis auf andere Ausstellungen, die in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut zuvor in Lissabon, Salvador de Bahia, Rio de Janeiro, Santiago de Chile, Dakar und New York erarbeitet worden sind. So sind Bilder einer Performance des chilenischen Künstlers, Performers und Schriftstellers und schwulen Aktivisten Pedro Lemebel zu sehen, der in Santiago als eine Art Parallelfigur zu Hubert Fichte angesehen wurde. Assoziationen, Querverweise, Analogien. Während die Ausstellung eine Leitidee verweigert, erhält man als beflissener Leser von Hinweistafeln immerhin eine zweite Chance, doch noch mit einer linearen Erzählung nach Hause zu gehen.

„Verschwulung der Welt“

Aber Ausstellungsmacher wollen natürlich mehr. Der Auseinandersetzung mit Fichte lag der Gedanke eines Re-Imports zugrunde. „Lassen sich die ethnologischen Beobachtungen und Empfindungen eines deutschen Schriftstellers zu afro-diasporischen Kulturen restituieren?“ lautet eine an aktuellen Diskursen orientierte Frage, in denen Worte wie „postkolonial“ und „Dekolonisierung“ zu Schlüsselbegriffen geworden sind. Fichte hat sein Thema nicht nur theoretisch erschlossen, sondern mit allen Sinnen und nicht zuletzt auch mit sexuellem Begehren erspürt. „Welche Möglichkeiten“, so fragen die Kuratoren Anselm Franke und Diedrich Diederichsen, „eröffnet und an welche Grenzen stößt der Einsatz von Selbstreflexion und schwuler Sexualität als Forschungswerkzeuge?“ Fichte sprach provokativ von einer „Verschwulung der Welt“.

Was es mit all dem auf sich haben könnte, erfährt man viel plausibler als in der Ausstellung aus einem literarischen Text. Im Roman „Lookalikes“ von 2003 wandelte Thomas Meinecke ebenfalls auf Fichtes Pfaden. Meinecke lässt darin die Literaturwissenschaftlerin Wiebke Kannengießer auftreten, die in Salvador de Bahia einen Text Fichtes mit der sich ihr darstellenden Wirklichkeit abgeglichen hat. Und während die quasi-wissenschaftliche Position Fichtes im Haus der Kulturen heroisiert und durch Assoziationsketten verklärt wird, wirft Kannengießer zumindest Fragen zur postmodernen Selbstinszenierung einer bisexuellen Figur des Weder-Noch auf. Fichtes Exotismus habe, so legt sie nahe, etwas seltsam Prahlerisches gehabt.

Haus der Kulturen der Welt,Berlin:

bis 6. Januar.

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