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Die Goldhalle im Hessischen Rundfunk.

hr2-Umbau

„Gegenwärtig werden die jüngeren Zielgruppen diskriminiert“

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    Pitt v. Bebenburg
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Hörfunkdirektor Heinz-Dieter Sommer erklärt in der FR den geplanten hr2-Umbau aus seiner Sicht, und warum der hr auf veränderte Nutzungsgewohnheiten reagieren muss.

Herr Sommer, der Hessische Rundfunk will den Sender hr2 zu einer Klassikwelle machen und die Wortbeiträge drastisch reduzieren. Wofür soll ich meine Rundfunkgebühren bezahlen, wenn Sie mir ein Programm wie hr2 wegnehmen?
Wir wollen Ihnen nicht ein Programm wegnehmen, sondern wir verändern ein Programm. Wir wollen die aktuelle Kulturberichterstattung dahin bringen, wo gerade jüngere Menschen diese Berichterstattung erwarten.

Nämlich wohin?
Ins Netz. Wir haben darüber mit kulturinteressierten Hörerinnen und Hörern gesprochen. Der überwiegende Teil will die Inhalte jederzeit zeitsouverän nutzbar haben und auch in anderen Formen als bisher.

Das heißt aber: Sie verlieren möglicherweise Hörerinnen und Hörer, die seit Jahren und Jahrzehnten ihr gewohntes Programm auf hr2 hören.
Sie können bei keiner Programmreform ausschließen, dass sie Menschen verlieren. Wir haben aber die Hoffnung, dass die Menschen mitgehen – so wie damals, als wir die Sendung „Der Tag“ von hr1 auf hr2 verlegt haben. Vor allem haben wir die Hoffnung, dass es uns gelingt, deutlich jüngere Menschen zu erreichen. Wir erreichen die jüngeren Menschen nicht über hr2, sondern müssen uns an ihren Nutzungsgewohnheiten orientieren: Es geht um Menschen, die über ein Smartphone Radio hören oder über Alexa oder über hessenschau.de unsere Angebote nutzen. Wir wissen, dass wir mit dem Angebot, das wir bisher haben, vorwiegend Ältere erreichen.

hr2 wird keine reine Abspielstation klassischer Musik

Finden Sie das richtig, den älteren Leuten zu sagen: Wenn Ihr nicht mitgehen wollt, dann habt Ihr ein Problem? Das ist diskriminierend!
Das sehe ich nicht so. Gegenwärtig könnte man eher sagen, dass jüngere Zielgruppen diskriminiert sind, weil wir für sie beim Thema Kultur zu wenige Angebote haben. Diese Frage betrifft nicht das Radio allein, sondern unser Gesamtangebot, also Fernsehen, Radio und Online. Das kommt mir in der Diskussion zu kurz, die sich nur auf hr2 konzentriert. Wir können nicht mehr wie früher etwas draufsatteln und lassen alles andere, wie es ist. Diese Zeiten sind vorbei. Wir müssen heute umschichten.

Aus Kostengründen? Ja, auch aus Kostengründ e n. Was genau haben Sie mit hr2 vor?
Wir wissen überhaupt noch nicht, wie wir hr2 genau formatieren werden. hr2 wird jedenfalls keine reine Abspielstation klassischer Musik, wie es der von uns vielleicht ein bisschen unbedacht benutzte Begriff „Klassikwelle“ suggeriert. Der Begriff heißt für uns, dass wir das gegenwärtige Mischangebot musikalischer Art aufgeben zugunsten eines primär klassisch ausgerichteten Musikformats. Das heißt nicht, dass dieses Programmangebot ohne Wort daher kommen wird oder ohne längere Sendungen.

Heinz-Dieter Sommer, Hörfunkdirektor HR

Aber mit weniger Wort?
Wie gesagt: Das wissen wir noch nicht. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir haben bis vor fünf Jahren die Bildungssendungen und das Funkkolleg in hr2 gehabt. Dann haben wir gesagt: Wir wollen mit diesen Inhalten – Bildung, Wissen, Funkkolleg – mehr Hörerinnen und Hörer erreichen. Wir haben das Funkkolleg und die „Wissenswert“-Sendungen zu hr-info verschoben. Ergebnis: Wir erreichen mit der Verlagerung einer Sendung von einem Programm ins andere viel mehr Leute. Genau dasselbe überlegen wir uns jetzt für die Kulturberichterstattung. Vorstellbar ist: Sie bekommen eine neue CD im Radio vorgestellt. Die ausführliche Rezension und das Interview mit dem Dirigenten stehen im Netz. Also ganz deutlich: Wir planen nicht weniger Kulturberichterstattung aus Hessen, sondern mehr. Und wir glauben, dass wir durch die Bedienung anderer Ausspielmöglichkeiten mehr Kulturinteressierte erreichen.

Bleibt hr2 „der Tag“ genau an dieser Stelle?

Viele unserer Leserinnen und Leser fragen sich aber: Was wird aus renommierten Formaten wie „Doppelkopf“ oder „Der Tag“, was wird aus Jazz, Folk und Chanson?
Die vielen Zuschriften sind für uns Ausdruck einer hohen Identifikation und Zustimmung von Menschen zu unserem Programm. Das ist eine großartige Anerkennung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es ist interessant zu sehen, welche Formate immer wieder genannt werden. Dazu gehören „Doppelkopf“ und „Der Tag“. Musikfarben werden deutlich weniger genannt. Das sind für uns Hinweise, die bei der Gestaltung unglaublich weiterhelfen. Wir müssen uns fragen: Machen wir den „Tag“ weiter an genau dieser Stelle? Machen wir den „Tag“ vielleicht zu einer anderen Sendezeit in hr-info, wo er jetzt schon in der Wiederholung läuft? Kann es für Online andere Aufbereitungsformen geben?

Lesen Sie hier unsere Kolumne zum Thema: Ist der HR schuld an der Volksverdummung - oder waren die Leute vorher schon bescheuert?

Wie geht es mit den Kooperationen im Kulturbereich weiter, wo Sie sich engagieren – gerade wenn es jetzt ums Geld geht?
Unser Transformationsprozess bezieht sich nur auf die aktuelle Kulturberichterstattung. Wir gehen davon aus, dass wir die Veranstaltungen fortführen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir beispielsweise eine Veranstaltung wie „Literaturland Hessen“ in Frage stellen. Aber um ein „Literaturland Hessen“ zu machen, braucht es nicht zwingend einen Sender wie hr2. Sie können es auch völlig anders machen. Ein Beispiel: Wir haben früher die Freitagabend-Konzerte unseres Sinfonieorchesters auf hr2 übertragen. Damit erreichen Sie in einer Kulturwelle wie hr2, wenn es hoch kommt, 10 000 Menschen. Seit wir mit dem hr-Sinfonieorchester einen eigenen Youtube-Kanal haben und unsere Konzerte dort live streamen, werden manche Konzerte mehr als fünf Millionen Mal abgerufen. 

Die Entscheidung ist gefallen

Was heißt das konkret für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Werden die alle umgeschult oder entlassen, um 20-Jährige einzustellen, die den Ton der jüngeren Zuhörerschaft zu treffen? Wollen Sie am Personal sparen?
Noch einmal: Es ist kein Sparprogramm, sondern ein Transformationsprojekt.

Das wird ja gerne so bezeichnet, wenn es darum geht, Leute freizusetzen.
Nein, glauben Sie mir, das ist nicht Sinn der Sache. Dass der Hessische Rundfunk generell sparen muss, steht außer Frage. Aber darum geht es hier nicht. An dieser Stelle sind Sorgen nicht berechtigt.

Diskussion in der Deutschen Nationalbibliothek: Geplante HR2-Reform treibt die Menschen auf die Barrikaden

Wann soll die Umstellung kommen?
Wir planen im Moment, dass wir im Frühjahr nächsten Jahres starten. Die Beratung in unseren Gremien steht noch an. Wir haben nur eine grundsätzliche Richtungsentscheidung für eine Ausweitung unserer Kulturberichterstattung getroffen.

Aber diese Entscheidung ist gefallen?
Die Entscheidung ist gefallen zugunsten einer Kulturberichterstattung, die auf veränderte Nutzungsgewohnheiten reagiert. Ich sehe keinerlei Grund, daran etwas zu ändern.

Interview: Bascha Mika und Pitt von Bebenburg

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