"Electric Dreams"

Vom Horror der Perfektion

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"Electric Dreams" nach Philip K. Dick hätte mehr aus sich machen können. Der zehnte Teil unserer Kolumne "Nächste Folge".

Könnte es nicht sein, dass die ganze Welt, der Fragesteller und sein Bewusstsein eingeschlossen, ein bzw. sein Traum ist? Und welche Konsequenzen hätte das? Wäre dann jeder Traum ein kurzer Augenblick in die „Wirklichkeit“, ein Konzept, das auch unter derart verwirrenden Umständen weiter hoch im Kurs steht?

Träume im Zeitalter ihrer technischen Generier- und Modifizierbarkeit, personelle Identität und Intimität in der Massengesellschaft, die Notwendigkeit des Eskapismus auch aus der modernen „besten aller Welten“ – dies waren Stoffe der Kurzgeschichten und Romane Philip K. Dicks (1928-1982). Und dies ist auch der Stoff, aus dem die „Electric Dreams“ gemacht sind, die Ronald D. Moore, Michael Dinner und Bryan Cranston als ausführende Produzenten 2017 für Sony Pictures Television in Form einer zunächst zehnteiligen Episodenserie den Liebhabern anspruchsvollerer Science-Fiction zum Nachträumen anbieten. Der Titel nimmt offensichtlich Bezug auf Dicks Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ (1968), auch Buchvorlage für Ridley Scotts sowie Denis Villeneuves „Blade Runner“ (1982/2017).

Um es vorab deutlich zu sagen: Die einzelnen Folgen hinterlassen enttäuschenderweise einen zwiespältigen Eindruck. Das liegt nicht so sehr am Charakter der „Anthology Series“, eher schon an der formalen Notwendigkeit, alle Geschichten in 45 bis 50 Minuten auszuerzählen, und es liegt auch nicht an den zum Teil herausragenden Darstellerleistungen.

Vielmehr geht es um die grundsätzliche Problematik, Dicks futuristisch-dystopische (Alb-)Träume der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft der frühen fünfziger Jahre mit den Mitteln und für ein in dieser Hinsicht sehr verwöhntes Publikum des 21. Jahrhunderts narrativ und ästhetisch zu gestalten. So sehr sich die Serie auch bemüht, uns staunen zu machen vor den vertrackten Aporien der menschlichen Existenz in Cyberspace und -time – haben wir das seitdem nicht alles schon einmal (und spektakulärer) gelesen, gesehen, geträumt?

Einzelne Bildfindungen sind poetisch, die visuelle Sprache bleibt insgesamt aber konventionell, die Räume und die Inszenierung der Figuren in ihnen geraten nicht besonders innovativ. Das beginnt beim Intro zur Serie, das Motive aus dem malerischen Kosmos René Magrittes zu kurzen, verstörenden Szenen zusammenzuschneiden scheint, und erstreckt sich bis hin zur Ausstattung, die es erstaunlicherweise nicht über fliegende Automobile (!) und Holoscreens hinausgebracht hat.

Stärkere Wirkung entfalten wiederkehrende Momente von der Nostalgie einzelner Personen für ein vormodernes, naturnahes, unschuldiges Leben, das nurmehr als schwache Erinnerung präsent ist. Dies führt zu der fortschrittsskeptischen Einsicht, dass die Seele all der Rocket Men (und Women) im Sturm der technologischen Revolutionen, die ihre Ära prägen, nicht Schritt zu halten vermag. Die Verheißung, ausgesprochen in der letzten Episode „Father Thing“, „to become a more perfect version of yourself“, entpuppt sich als Horror: Wenn der Mann im Hause plötzlich freiwillig und sehr effizient den Abwasch macht – dann, Frauen und Kinder, lauft um euer Leben! Der sicherste Eskapismus – und die Sucht danach, so will uns die Serie sagen, gehört notwendig zur conditio humana – ist immer noch der in ganz persönliche Gedächtniskammern, nicht in wie auch immer geartete Parallel- oder Alternativwelten.

Schade nur, dass die Produktion nicht erzählerisch und kreativ wagemutiger war und so den Fans des Genres ein überzeugenderes Reload von Philip K. Dicks Universen geliefert hätte: „Electric Dreams“? Sicherlich. Vor allem aber, leider, auch „eclectic dreams“.

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