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Luise Rainer freut sich im Jahr 2011 über ihre Würdigung mit einem Goldenen Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin.
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Luise Rainer freut sich im Jahr 2011 über ihre Würdigung mit einem Goldenen Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin.

Luise Rainer ist tot

Hollywoods leiseste Rebellin

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Die Stimme der Verweigerung: Zum Tode der großen Schauspielerin und Intellektuellen Luise Rainer.

Schönheit ist vergänglich, aber Luise Rainers natürliche Anmut war immun gegen den Zahn der Zeit. Noch als die gebürtige Düsseldorferin 2011 nach Berlin kam, um einer späten Ehrung auf dem „Boulevard der Stars“ beizuwohnen, strahlten ihre großen Augen unverkennbar in dem mädchenhaften Gesicht, das gewiss faltig war, gleichwohl jugendlich. Da war sie 101 – und eine zumindest in Deutschland fast vergessene Leinwandgöttin.

Ohne Alfred Biolek, der ihr 1998 eine ganze Ausgabe seiner Talkshow gewidmet hatte, hätte man das erstaunliche Leben der jüdischen Emigrantin in ihrer alten Heimat wohl gar nicht zur Kenntnis genommen.

Der unverrenkte Star

In die Geschichte Hollywoods ging sie ein als der Star, der sich nicht verrenken wollte, der nicht käuflich war und gegen Schmeicheleien geradezu immun. Man muss nur einmal die Filmaufnahmen ansehen, die von ihrem ersten Oscar-Gewinn anno 1936 existieren. Dreimal wurde die Verleihung gefilmt, das erste Mal wirkt die Freude echt, dann posiert Rainer bloß pflichtbewusst. Lange sollte sie das nicht mehr mitmachen. Wann immer man ihr (vergeblich) Rollen anbot, die sie für banal hielt, lobte sie lieber ihre Zeit am Repertoire-Theater, wo man jeden Abend eine andere Rolle spielen konnte. „Immer lernte man da etwas Neues.“

Zwischen 1928 und 1931 hatte sie zum Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses gehört, dann holte sie Max Reinhardt ans Wiener Theater in der Josefstadt. Nach ersten deutschsprachigen Filmrollen wurde Hollywoods Studio-Mogul Louis B. Mayer 1935 auf die begabte 25-Jährige aufmerksam und lockte sie mit einem Siebenjahresvertrag. Tatsächlich wurden dann jedoch nur drei Jahre daraus, in denen sie zwei Oscars gewann (den zweiten 1937 für die Pearl-S.-Buck-Verfilmung „Die gute Erde“) – bis sie genug hatte von den Träumen, die man in Hollywood fabrizierte. Und die sich auch in den Ambitionen vieler Stars niederschlugen.

Einmal saß sie bei einem Essen neben ihrem Kollegen Robert Taylor und fragte ihn nach seinen Ambitionen. „Der sagte, er wolle sich zehn verschiedene, todschicke Anzüge kaufen. Da lag ich fast unter dem Tisch.“ Sieht man ihre wenigen Filme, wirkt sie oft förmlich wie eine Außerirdische: So natürlich ist ihr vom Impressionismus der Reinhardt-Schule geprägtes Spiel im Vergleich zum „Hollywood-Acting“.

Vielleicht ist es wahr, dass sie ihren ersten Oscar für „Der große Ziegfeld“ nur für eine einzige Szene bekam, doch die ist unvergleichlich. Als frisch geschiedene Ehefrau des Broadway-Impressarios liest sie die Zeitungsmeldung von seiner bevorstehenden Heirat mit dem Bühnenstar Billie Burke. Sie lässt sich das Telefon geben und gratuliert Ziegfeld mit unterdrückten Tränen – eine Szene, die sie, wie sie später erklärte, unter dem Eindruck von Jean Cocteaus Bühnenstück „Die geliebte Stimme“ spielte.

Wie Bertolt Brecht, dem sie half, in Los Angeles Fuß zu fassen, war sie zu gut für das meiste, was Hollywood verlangte. „Hollywood war für mich eines dieser großen Hotels mit einer Drehtür“, sagte sie. „Auf der einen Seite gingen die Menschen erhobenen Hauptes hinein, auf der anderen Seite verließen sie es mit hängenden Köpfen.“ Lediglich ein Kriegsfilm über das Schicksal der von Deutschland besetzten Tschechoslowakei lockte sie 1943 noch einmal zurück nach Hollywood, das Engagement für das konkurrierende Paramount-Studio blieb ein einmaliges Gastspiel. Dafür engagierte sie sich in der Betreuung der amerikanischen Truppen in Nordafrika und Italien.

Ein Vorbild bis heute

Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte sie in London, wo sie bis zuletzt ein luxuriöses Apartment bewohnte. Einen ihrer Oscars hatte sie beim Umzug an einen Möbelpacker verschenkt (später bestellte sie allerdings bei der Akademie Ersatz…). Vielleicht war sie zeitweilig zu kritisch mit ihren Rollen – etwa in ihrer Verachtung für Frank Borzages liebenswertes Taxifahrer-Drama „Big City“, wo sie neben Spencer Tracy brillierte. Oder als ihr Federico Fellini vergeblich eine eigens geschriebene Rolle für „La dolce vita“ antrug. So haben wir weniger von Luise Rainer gesehen, als wir gerne möchten. Aber was für ein Vorbild ist sie gerade deshalb bis heute geblieben: Als Stimme der Verweigerung gegenüber der geradezu zu einem Mantra gewordenen Verwechslung von Erfolg mit Qualität, von Ruhm mit Bedeutsamkeit.

Luise Rainer war gewiss nicht die einzige Rebellin in Hollywood, aber sie war die leiseste und dennoch konsequenteste. Welcher kritische Geist, welche große Intellektuelle verbarg sich hinter dieser mädchenhaften Anmut. Am Dienstag starb sie, 104-jährig, in London an einer Lungenentzündung.

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