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Ulrich Deppendorf.

ARD-Aktuell

Holen Sie mir einen kalten Russen!

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Ein schüchterner Ulrich Deppendorf und die Pudelfrisur von Jens Riewa: Als Assistent bei der ARD-Aktuell-Redaktion.

Von 1989 bis 1992 – ich hatte gerade ein berufsperspektivisch sinnloses Geisteswissenschaftsstudium aufgenommen und war weitgehend mittellos – verdiente ich mir meinen Lebensunterhalt als Produktionsassistent bei der ARD-Aktuell-Redaktion in Hamburg-Lokstedt, von dieser wurden die „Tagesschau“ und die „Tagesthemen“ erstellt. Die Produktionsassistenten, von den Redakteuren liebevoll „Assis“ gerufen, hausten im Ticker-Raum am hinteren Ende der „Tagesschau“-Redaktion. Es gab Ticker-Assis und Sendungs-Assis. Die Ticker-Assis überwachten von morgens um 6.30 Uhr bis Sendeschluss die Agenturmeldungen; diese wurden in den Tickern unter lautem Getöse auf Endlos-fahnen gedruckt. Der Ticker-Assi musste nun das unablässig hervorquellende Papier so geschickt aus dem Ticker reißen, dass keine Meldung beschädigt wurde; dann wurden die siebenfachen Durchschläge auf dem Ticker-Assi-Tisch aufgefächert, mit einem Lineal in Einzelmeldungen zerrissen und in kunstvoll zusammengewirbelten Haufen den Redakteuren im Vorbeigehen auf den Tisch geworfen.

Der Sendungs-Assi hatte hingegen die Aufgabe, die Moderationstexte vor der Sendung unter den Redakteuren und Regisseuren zu verteilen sowie das Original dem Moderator auf den Tisch zu legen. Die Moderationstexte wurden von den Redakteuren diktiert, eine Sekretärin tippte sie mit der Schreibmaschine. Wurden – was besonders zur 20-Uhr-Ausgabe häufiger vorkam – noch während der Sendung neue Texte verfasst, hatte der Assi nicht nur aus der Redaktion in das eine Etage tiefer gelegene Studio zu sprinten, sondern musste während eines Film-Einspielers zum Sprecher huschen oder, wenn kein Einspieler mehr kam, sich leise von der Seite an ihn heranschleichen und das Manuskript von unten auf den Tisch schieben. Meist klappte das unbemerkt, manchmal auch nicht. Ich war in den drei Jahren öfter im Fernsehen zu sehen, aber immer von hinten.

Wetter auf 14 Seiten

Die Redakteure waren so, wie ich mir als Schüler professionelle Journalisten vorgestellt hatte: Sie rauchten Kette und soffen wie Löcher. In meiner ersten Schicht stapfte zur Mittagszeit ein rotgesichtiger Redakteur in den Tickerraum, legte einen Geldschein vor mich und sagte: „Holen Sie mir einen kalten Russen.“ Sogleich sprang mir indes ein erfahrener Assi zur Seite und sagte: „Nein, Herr X, Sie wissen genau, dass wir nicht für Sie in die Kantine gehen, um Wodka zu holen, das gehört nicht zu unseren Aufgaben. Auch wenn Sie es bei jedem Neuling wieder versuchen.“

Abgesehen von ihrem gelegentlich anstrengenden Alkoholismus waren die meisten Redakteure und Moderatoren sehr freundlich, mit Ausnahme von Sabine Christiansen, die ständig Fehler machte und diese dann anderen Leuten, gerne den Assis, in die Schuhe zu schieben versuchte. Von den Sprechern mochte ich besonders Franz Laake, der auch die gleiche Edelschwulenbar im Hoheluft-Viertel zu besuchen pflegte wie ich; sofort ins Herz schloss ich zudem den frisch hinzugekommenen Jens Riewa, der wegen seiner Pudelfrisur in der ersten Zeit allerdings nur als Off-Sprecher geduldet wurde.

Irgendwann damals fing auch Ulrich Deppendorf als stellvertretender „Tagesschau“-Chefredakteur an; er erweckte mit seinem schüchternen Wesen und seiner bizarren Bartmode allerdings einen derart nicht ernstzunehmenden Eindruck, dass kein Sendungs-Assi sich die Mühe machte, ihm – wie es eigentlich vorgeschrieben war – die Durchschläge der Moderationsmanuskripte vorbeizubringen. Bis sich eines Abends ein ahnungsloser Neuzugang doch einmal in Deppendorfs Büro verirrte und dem verblüfften Mann einen Durchschlag der Seite „1 zur 14“ in die Hand drückte, auf dem nichts anderes geschrieben stand als: „Und jetzt das Wetter.“

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