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Das ist nicht das kleine Fernsehspiel: Fahri Yardim und Felix Kramer in "Dogs of Berlin".

"Dogs of Berlin"

Hoher Blutdruck in Berlin

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Die Netflix-Serie "Dogs of Berlin" erzählt von der Stadt als Ort des Verbrechens ? mit zwiespältigem Resultat.

Berlin brennt. Schwarzer Rauch steht am Horizont. Die hochgerüstete Polizei liefert sich Straßenkämpfe mit – ja, mit wem eigentlich? Das ist die Frage, die die zehnteilige Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ dem Publikum in der düsteren Ouvertüre mitgibt. Eine Stimme aus dem Off raunt, dass sich in der Stadt Dinge ereignen, die man so nicht für möglich gehalten hätte. Begonnen hatte das, was so schlimm endet, „7 Tage vorher“, wie es dieser Einstieg aus dem Stabilbaukasten der Thrillerdramaturgie will.

Die Rückblende in die Woche vor dem Knall beginnt dann schon smarter. Ein Kameraauge fliegt durch die Nacht und zoomt sich an einen Neubaublock heran, es kriecht an der Fassade hinauf bis nach ganz oben, blickt durchs offene Fenster und beobachtet ein Paar beim Sex. Als die kleine Tochter in der Tür steht und dem, was man Liebesakt nicht unbedingt nennen kann, ein Ende macht, tritt der Mann zum Rauchen auf den Balkon, ein kleines Baby auf dem Arm, er sieht Blaulicht vor dem Haus, die Kamera schwebt hinunter, trifft den Mann vor der Tür wieder, begleitet ihn zum Tatort. Alles eine Bewegung. Da steht er nun, mit dem Kind am Hals und Adiletten am Fuß: „Grimmer, LKA, was is’n hier los?“

Kurt Grimmer (Felix Kramer) ist Polizist und wird in dieser Szene auf eine so lässige Weise als Hauptfigur eingeführt, dass man sich sofort viel von ihm und dieser Serie verspricht. Ein bisschen zu viel, wie sich später zeigen wird. Aber zunächst mal hat auch sein Partner Erol Birkan (Fahri Yardim) einen schönen Auftritt. Der Ermittler tanzt halbnackt in einem Techno-Klub, wo er eine große Drogenrazzia vorbereitet, die dann spektakulär scheitert. Die beiden Kommissare, „der Kanacke und der Ostler“, bilden nicht nur den Identifikationskern dieses Films, sie sind die energetischen Pole, zwischen denen sich das Kraftfeld der Erzählung aufspannen soll. Impulsiv und korrupt der eine, beflissen und reflektiert der andere, wobei die Klischees klug unterlaufen werden. Guter Bulle, böser Bulle, aber anders als gedacht.

Tiefer Wandel in der Medienlandschaft

Fast zehn Jahre lang hat Christian Alvart als Autor und Regisseur an „Dogs of Berlin“ gearbeitet, dass die Serie jetzt vom Streamingdienst Netflix produziert wurde und nicht von der ARD, wie anfangs intendiert, hängt mit dem tiefen Wandel in der Medienlandschaft zusammen, der für neue Möglichkeiten, aber auch neue Ungewissheiten sorgt. Als ein börsennotiertes, global operierendes Unternehmen hat Netflix Zuschauer in 190 Ländern, die bedient werden wollen. Das ist hier nicht das kleine Fernsehspiel, sondern das große Spiel um Aufsehen und Prestige.

Groß angelegt ist denn auch das Tableau, das Alvart in seiner Serie für den Weltmarkt entwirft. Alles hängt mit allem zusammen und jeder mit jedem. Kurt Grimmer entflieht der Langeweile in seiner Einfamilienhaus-Kleinfamilie immer mal wieder zu seiner Jugendliebe Sabine (Anna-Maria Mühe), die mit ihren beiden Kindern als Sozialfall in „Marzahn“ lebt, wie das prekäre Milieu pauschal tituliert wird. In Marzahn hausen auch die Nazis, na klar, Grimmer war selbst mal einer, jetzt hat er dort noch seine Nazimutti und seinen Nazibruder. Sein Kollege Birkan ist an der „Kaiserwarte“ aufgewachsen, einem Gebiet, das sich aus Neukölln und dem Märkischen Viertel zusammensetzt, eine No-go-Area, die von dem Drogenclan der Brüder Tarik-Amir beherrscht wird, die aus dem Libanon kommen und serienkonform aufs Blut verfeindet sind. Puls 200 permanent und immer ein freundliches „Fick dich“. Erol Birkan, ihr Gegner seit Kindertagen, wohnt jetzt schick am Mauerpark, lebt mit einem Mann zusammen und liegt mit seinem Vater im Dauerclinch.

Beide Polizisten sind durchaus interessante Charaktere, mit Kramer und Yardim gut besetzt, das Duo hat Potenzial, wie man in der Netflix-Sprache sagt. Großartig auch Anna-Maria Mühe, die der Lebensuntüchtigkeit ihrer „Bine“ viel Traurigkeit schenkt. Keine so glückliche Wahl ist Katrin Sass, deren eiskalte Nazikommandeuse mitunter grotesk wirkt.

Überhaupt ist die rechtsradikale Szene auf eine Weise präsent, die eher an die frühen 90er Jahre erinnert, als an den bürgerlich verbrämten Nazismus der Gegenwart. Die Drogengangs und Kleindealer mit ihrer HipHop-Ästhetik liegen Alvart inszenatorisch deutlich besser als das rechtsradikale Klientel.

Drogenmafia und Wettmafia unterm Stadiondach

Was haben wir also? Deutsche und Türken, Nazis und Schwule, Hartzer und Hipster. Das ist aber längst nicht alles. Die Leiche vor dem Plattenbau wird von dem herbeigeschlurften Grimmer als prominenter Sportler identifiziert. Es handelt sich um Orkan Erdem, Deutschtürke, Weltfußballer und Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft.

Die Elf tritt im Olympiastadion gegen die Türkei an und Grimmer, der noch Wettschulden bei seinem kroatischen Anbieter Tomo Kovac (Misel Matiticevic) hat, wittert die Chance, etwas zu seinen Gunsten zu drehen. Birkan hängt weiter an den Tarik-Amir Brüdern dran, die eine neue Geschäftsidee haben: Spiele kaufen. So kommen sich Drogenmafia und Wettmafia unterm Stadiondach nahe und in der dritten Episode sind endlich die Handlungsträger der Serie in der Olympia-V.I.P.-Lounge versammelt. Die Libanesen, die Kroaten, die Polizisten. Be Berlin, wie die Hauptstadtwerbung sagt.

Das will großes Gangsterkino sein, es sieht in den choreografierten Actionszenen mitunter auch so aus, wird dann aber von Spielszenen auf dem Rasen konterkariert, die mit ihrer billigen Playstation-Optik irritieren. Da wurde am falschen Ende gespart. Den Eindruck, dass sich vieles nicht zu einem Gesamtwerk fügt, hat man im Laufe der Zeit dann noch öfter. Erzählerisch und formal driftet die Serie immer wieder ab, was wohl vor allem daran liegt, dass die Ambition der Macher, mit ihrer Geschichte die Innereien der Stadt zu durchwühlen, ein ganzes Stück größer war als die gestalterische Vision. Statt in eine epische Erzählung zu fließen, die ein triftiges und differenziertes Bild der sozialen Zusammenhänge in Berlin vermittelt, franst die Serie an den Rändern zusehends aus.

Da werden Personen eingeführt, die eigentlich gar keine Rolle spielen (der Journalist) oder sie werden gleich wieder abserviert (die Leiterin der Drogenrazzia) oder überinszeniert (die Ladendiebin). Da gibt es Kunstfiguren wie Trinity Sommer (Hannah Herzsprung als Emma Peel vom Fußballbund) neben Szenestars wie dem Rapper Haftbefehl.

Vielen Figuren in dem riesigen Ensemble fehlt es nicht nur an Ambivalenz, was sie ja erst interessant machen würde, es mangelt ihnen vor allem an einer Geschichte hinter der Geschichte, einem Leben – und auch an Witz. Ihre Auftritte behaupten viel und erzählen wenig. Die Kampfzone Berlin wird nicht in das Format einer zeitgenössischen Saga ausgeweitet, sie wird lediglich symptomatisch ausgebreitet, mal mehr, mal weniger motiviert. Drogen, Wetten, Waffen, Schutzgeld, HipHop, Profifußball. Und wenn Sendezeit übrig ist, gibt es Schläge und Tritte, dramaturgisch sinnlose Gewalt, exzessiv und brutal, wie ein Showact inszeniert.

 „Dogs of Berlin“ stellt sich die Frage, ob wir Menschen, anderes als die Hunde, eine Wahl haben. Ob wir dem Leben, das für uns vorgesehen ist, entfliehen können. Am Ende der erschöpfenden 500 Minuten kann man nur sagen: Kommt drauf an.

„Dogs of Berlin“: zehn Teile à 50 Minuten auf dem Streamingportal Netflix. 

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