Sarg mit Krone von Prinz August Wilhelm von Preussen (1722-1758) in der Hohenzollerngruft im Berliner Dom.

Entschädigung

Hohenzollern für Deutschland: „Ihr Mussolini war Adolf Hitler“

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Im Streit um Entschädigungen spielt die Frage nach der Haltung des Clans zu den Nazis eine große Rolle. Karina Urbach ist ihr nachgegangen.

Karina Urbach, Jahrgang 1968 und Historikerin, forscht am Institute for Advanced Study in Princeton. Von ihr erschienen bei Theiss „Hitlers heimliche Helfer. Der Adel im Dienst der Macht“ und bei C. H. Beck „Queen Victoria – Die unbeugsame Königin“.

In einem Sammelband über „Die Abdankung der Hohenzollern und das Ende Preußens“ (perspectivia.net) wird Ende August ein Aufsatz von ihr erscheinen: „Nützliche Idioten. Die Hohenzollern und Hitler“.

Das Rückgabe-Ansinnen der Hohenzollern wurde am 12. Juli bekannt. Seitdem sind die Forderungen der Dynastie auf dieser Seite mehrfach dargestellt und kommentiert worden.

Frau Urbach, Ihre Arbeiten haben nichts mit dem Prozess zu tun, den die Hohenzollern gerade anstrengen? Sie haben kein Gutachten geschrieben?
Nein. Christopher Clark, von dem u.a. das Buch „Die Schlafwandler“ stammt, hat 2014 ein Gutachten verfasst, das die Ansprüche der Hohenzollern unterstützen soll. Die Gutachten der deutschen Historiker Peter Brandt und Stephan Malinowski widersprechen den Forderungen der Hohenzollern. Keines der drei Gutachten ist bisher öffentlich.

Worum geht es?
Um Liegenschaften, die die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet hatte. Eine Rückgabe ist ausgeschlossen. Aber Georg Friedrich Prinz von Preußen, das heutige Oberhaupt der Hohenzollern, fordert eine Entschädigung von 1,2 Millionen Euro. Die steht ihm rechtlich zu, es sei denn, die Hohenzollern hätten einst dem „nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub“ geleistet.

Adolf Hitler war ihr Mussolini

Haben Sie?
Auf jeden Fall. Die Hohenzollern hatten zwei große Vorbilder – den italienischen König Viktor Emanuel III., der Mussolini mit zur Macht verhalf, und in Spanien König Alfonso XIII., der mit dem autoritären General Miguel Primo de Rivera regierte. So etwas Ähnliches strebten die Hohenzollern für Deutschland an. Ihr Mussolini war Adolf Hitler. Sie dachten, Hitler könne ein Steigbügelhalter sein, um sie wieder auf den Thron zu bringen. Also machten sie In- und Auslandspropaganda für die NSDAP. Kronprinz Wilhelm veröffentlichte zum Beispiel in der amerikanischen Presse einen Artikel in dem er „Marxisten und Juden“ vorwarf, Hitler zu untergraben und er prophezeite „die Welt wird Hitler noch dankbar sein, den Bolschewismus bekämpft zu haben“. In seinen Briefen an Lord Rothermere, den britischen Zeitungsmagnaten, beschrieb der Kronprinz detailliert seine Hilfe für Hitler: „Bei der Reichspräsidentenwahl habe ich öffentlich erklärt, dass ich für Hitler und gegen den Feldmarschall von Hindenburg votieren werde. Ich glaube, ich habe dadurch aus dem Kreis meiner Stahlhelm-Kameraden und aus dem Bereich der deutschen Nationalisten rund zwei Millionen Stimmen für Hitler gewonnen.“

Als es dann nichts wurde mit dem Thron?
Sie waren begeistert von Hitlers Eroberungskriegen. Das war in ihren Augen echte Hohenzollernpolitik. Der Kronprinz gratulierte Hitler am 26 Juni 1940 per Telegramm: „Mein Führer! Ihrer genialen Führung, der unvergleichlichen Tapferkeit unserer Truppen (…) ist es gelungen, in der unvorstellbar kurzen Zeit von knapp 5 Wochen Holland und Belgien zur Kapitulation zu zwingen, die Trümmer des englischen Expeditionscorps in das Meer zu treiben. (…) Mit dem heutigen Tage ruhen die Waffen im Westen, und der Weg ist frei für eine endgültige Abrechnung mit dem perfiden Albion. In dieser Stunde von größter historischer Bedeutung möchte ich Ihnen als alter Soldat und Deutscher voller Bewunderung die Hand drücken. Gott schütze Sie und unser deutsches Vaterland!“

Mit 59 Güterwaggons ins Exil

Karina Urbach, Jahrgang 1968 und Historikerin, forscht am Institute for Advanced Study in Princeton. Von ihr erschienen bei Theiss „Hitlers heimliche Helfer. Der Adel im Dienst der Macht“ und bei C. H. Beck „Queen Victoria – Die unbeugsame Königin“.

In einem Sammelband über „Die Abdankung der Hohenzollern und das Ende Preußens“ (perspectivia.net) wird Ende August ein Aufsatz von ihr erscheinen: „Nützliche Idioten. Die Hohenzollern und Hitler“.

Das Rückgabe-Ansinnen der Hohenzollern wurde am 12. Juli bekannt. Seitdem sind die Forderungen der Dynastie an dieser Stelle mehrfach dargestellt und kommentiert worden (13., 15., 17. und 26. Juli).

Kaiser Wilhelm zog doch nicht mit einem Köfferchen ins Exil nach Doorn?
Er hatte mit circa 59 Güterwaggons voller Schätze eindeutig Übergewicht. Meine Kollegen Jürgen Luh, Truc Vu Minh und Torsten Riotte haben darüber gearbeitet. Unsere Aufsätze werden im gleichen Band erscheinen.

Niemand hat kontrolliert, ob es sich dabei um Privateigentum des Ex-Kaisers handelte oder um Staatsbesitz?
Das Land befand sich 1918 im Chaos, da hat sich niemand die Mühe gemacht hat zu schauen, ob bestimmte Bilder oder auch Porzellan aus der kaiserlichen Privatschatulle oder aber aus der Staatskasse bezahlt worden waren.

Diese Räuberbande, die Hunderte von Jahren sich nicht nur an der eigenen Bevölkerung bereichert hatte, stellt sich jetzt hin und verlangt dafür, dass man ihr ihr Raubgut abgenommen hat, eine Entschädigung.
Das ist die Rechtslage.

Millionen Menschen haben in den vergangenen einhundert Jahren ihren Besitz verloren. Kann man von der Weltgeschichte, die bekanntlich doch selbst das Weltgericht ist, eine Entschädigung vor einem Verwaltungsgericht in Potsdam einklagen?
Da müssen Sie Juristen fragen. Ich bin Historikerin. Ich kann Ihnen aber als Beispiel die Geschichte eines engen Verwandten der Hohenzollern, des Herzog von Coburgs erzählen. Nach langen Prozessen gegen die Weimarer Republik bekam er 1925 Immobilien und Kunstschätze im Wert von 37,2 Millionen Reichsmark, nach heutigem Wert circa 139 Millionen Euro, zugesprochen. Der Zeitpunkt hätte nicht besser sein können. Hätte er das Geld vorher gehabt, wäre es in der Hyperinflation verlorengegangen. Stattdessen konnte er damit nun rechtsradikale Terrororganisationen und später Adolf Hitler großzügig finanzieren. Mit dem Geld, das ihm die Republik gegeben hatte, versuchte er diese Republik zu zerstören.

Lernen von Österreich?

Wie verfährt man anderswo mit dem Adel?
Der Staat Bayern versorgt die Wittelsbacher offenbar recht gut. Ich habe den Eindruck, die Hohenzollern gucken immer wieder neidisch auf sie. Wir wissen aber nichts Genaues über die Verträge mit den Wittelsbachern. Das ist alles geheim. Ganz anders ist die Lage in Österreich. Die Habsburger bekamen keine Abfindungen. Dabei war Otto von Habsburg ein Anti-Nazi. Er ist emigriert, er hat Propaganda gegen Hitler gemacht. Er war also das Gegenteil der Hohenzollern. Die Österreicher haben trotzdem einen klaren Schnitt mit ihrem alten Herrscherhaus gemacht. In diesem Fall könnten wir etwas von ihnen lernen.

Interview: Arno Widmann

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Transparenzhinweis: Liebe Leserinnen und Leser, wir haben den Artikel am 14. August 2019 noch einmal überarbeitet und strittige Textpassagen entfernt. Es handelt sich um eine neue Version des Interviews, das wir ursprünglich am 1. August 2019 veröffentlicht haben.

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