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Eine Aufnahme von Wilhelm II aus dem Jahr 1917.

Hohenzollern

Dieser Röhl durfte nicht mehr rein ins Hohenzollernarchiv

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Wie ich im Hohenzollernarchiv in Hechingen willkommen war und dann nicht mehr.

Ich werde seit kurzem oft gefragt, ob ich Zugang zu dem Familienarchiv der Hohenzollern auf der Burg Hohenzollern im schwäbischen Hechingen hatte. Die Antwort lautet: Ja, zunächst uneingeschränkt – und dann aber nicht mehr. Wie ist so etwas zu erklären?

Im Jahr 1980, nachdem ich die Eulenburg-Edition abgeschlossen hatte, begann ich meine Archivforschungen für eine Biografie Kaiser Wilhelms II. Ein Jahr zuvor hatte ich zusammen mit Nicolaus Sombart an der Universität Freiburg ein gedankenreiches Oberseminar zum Thema „Kaiser Wilhelm II. als Kulturphänomen“ geleitet. Danach haben wir beide im Achilleion auf der Insel Korfu eine einwöchige internationale Tagung über Wilhelm II. veranstaltet, deren Beiträge ich dann 1982 unter dem Titel „Kaiser Wilhelm II – New Interpretations“ bei der Cambridge University Press herausgegeben habe. Kein deutscher Verlag interessierte sich damals für eine Aufsatzsammlung über den Kaiser.

Nicolaus Sombart, mit dem ich anfangs gut befreundet war, war ein glühender Verehrer des Kaisers und warf mir mehrfach (auch öffentlich) vor, „den Kaiser nicht zu lieben“. (So in seinem Buch „Wilhelm II. Sündenbock und Herr der Mitte“, Verlag Volk & Welt, Berlin 1996.) Im Laufe der Zeit wurde die Kluft zwischen uns in der Einschätzung Wilhelms II. immer größer – bis 1983 der unausbleibliche Bruch in aller Öffentlichkeit (z. B. in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“) eintrat – und zwar während einer Tagung im Wissenschaftskolleg zu Berlin.

John C. G. Röhl durfte als Erster uneingeschränkt und unüberwacht im Familienarchiv der Hohenzollern forschen

Diesen chronologischen Ablauf zu erzählen ist wichtig, will man verstehen, wieso ich – soweit ich weiß – als Erster (und bisher vermutlich wohl auch als Letzter) die Erlaubnis erhielt, uneingeschränkt und unüberwacht im Familienarchiv der Hohenzollern zu forschen, zwei Jahre darauf aber nicht mehr zugelassen wurde.

Nach einem Besuch bei Prinz Louis Ferdinand im Wümmehof bei Bremen erklärte mir Nicolaus Sombart in seiner Traumwohnung in Paris begeistert: „Denk dir, John, letzte Woche habe ich meinen Kaiser in meinen Armen gehalten.“ Während ich ihn anstarrte (verwirrt, bis ich begriff, dass er Louis Ferdinand für seinen Kaiser hielt), teilte er mir noch die erfreuliche Nachricht mit, er habe bei der Gelegenheit für mich auch die Erlaubnis zur Benutzung des Hohenzollern-Archivs in Hechingen erwirkt. Bald darauf erhielt ich in der Tat das Schreiben des „vormals regierenden preußischen Königshauses“ mit der Benutzungsgenehmigung.

Ich werde nie vergessen, wie ich in jenem Sommer hinauf zur Burg fuhr und meinen grünen Saab im Schlosshof parkte. Zunächst war niemand zu sehen, dann fand ich wie bei Kafka einen Kastellan, der mir – nachdem ich meinen Brief vorgezeigt hatte – einen riesigen Schlüsselbund überreichte und auf die Tür zum höchsten Schlossturm zeigte – dort, im allerobersten Stock, sei das Archiv.

Ich stieg die Wendeltreppe hinauf, schloss die Tür zum letzten Raum auf und suchte nach Aktenordnern, Schränken, Regalen oder dergleichen, fand aber nichts, bis ich eine kleine Seitentür öffnete und dort auf dem Fußboden nebeneinandergereiht siebzehn etwa 40 Zentimeter hohe Stapel Papiere entdeckte, die das Hohenzollern-Archiv ausmachten.

John Charles Gerald Röhl, 1938 in London geboren, machte sich Röhl vor allem mit seinen Wilhelminismus-Studien einen Namen..

Eine Woche hatte ich Zeit, die Dokumente durchzusehen, abzuschreiben, einige wenige zu fotografieren. Nichts war geordnet. Einen Sonderstapel der Papiere des Kronprinzen gab es nicht, nur hin und wieder ein paar Briefe an ihn gerichtet. Es gab eine handschriftliche Urfassung des Memoirenwerkes Wilhelms „Ereignisse und Gestalten“, das immer noch nicht veröffentlicht ist. Und vieles andere mehr. Witwen hatten die hinterlassenen Schriftstücke ihrer gefallenen Männer eingeschickt, weil sie in den Kriegswirren nicht wussten, wo sonst hin damit. Zwölf eigenhändige Privatbriefe des Reichskanzlers Bethmann Hollwegs an eine Frau lagen unter den kaiserlichen Papieren, ebenso wie die leider recht unergiebigen Tagebuchnotizen vom Fahrer des Kaisers aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, die neulich von der Familie publiziert worden sind. Zahlreiche vervielfältigte Abhandlungen des Kaisers im Exil, hetzend gegen Weimar, die Demokratie, den Bolschewismus, die Juden, die internationale Staatenordnung, Versailles etc..

Einiges daraus habe ich zitieren können in den letzten Kapiteln meines dritten Bandes. Aus meinem Vorhaben, einen vierten über die Exiljahre Wilhelms II. zu schreiben, ist nichts geworden; ein solcher Band wäre wohl jetzt sehr gefragt.

Soweit ich weiß, hatte keiner vor meinem Besuch Gelegenheit gehabt, die Dokumente zu sichten. Gerade deswegen war das Bild, das sich mir aus den siebzehn Packen im Turmzimmer bot, ein ganz anderes als das, das man aus den veröffentlichten Quellen und Memoiren bis dahin gesehen hat. Dort oben im Schlossturm der Burg Hohenzollern erlebte ich ein wahres Heureka. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, vor mir stand Kaiser Wilhelm II., dreißig Jahre lang Deutscher Kaiser und König von Preußen, in der historischen Kontinuität von Bismarck zu Hitler.

Diese Erkenntnisse beflügelten mich, ich beschloss, daraus einen Dokumentarfilm über den Kaiser für die BBC Fernsehreihe „Timewatch“ zu machen. Mein alter Corpus-Christi-College-Freund Christopher Andrew begeisterte sich ebenfalls für die Idee, und so reisten wir zusammen durch Deutschland und Holland, um Aufnahmen für den Film „The Secrets of the Kaiser“ zu machen – der erste Film von vielen zu diesem Thema, sowohl im deutschen als auch im englischen Fernsehen.

Die Geschichte ihren Lauf nehmen lassen

Mitten in den Dreharbeiten traf uns der Schlag: Die Wendeltreppe zum Archiv, der runde Raum hoch oben im Turm, die siebzehn Stapel unbekannter Quellen über das Leben und Denken Kaiser Wilhelms II. auf dem Speicher hätten das Herzstück des Fernsehfilms sein sollen, und plötzlich wurde mir der Zugang versperrt. Freilich, die Leute vom BBC durften hinauf, durften dort unbehelligt filmen, aber dieser Röhl – so vermute ich – doch nicht, nach alledem was er inzwischen über den Kaiser in Korfu erzählt und dann in dem Buch „New Interpretations“ veröffentlicht hatte! Ich denke, die Beziehungen Nicolaus Sombarts zum ehemals regierenden preußischen Königshaus werden dabei im Hintergrund eine Rolle gespielt haben.

So las Chris Andrew vor der Kamera die brisantesten Stellen aus den Abhandlungen des Kaisers über die Weltverschwörung der Juden usw. im Turmzimmer der Burg Hohenzollern ohne mich vor, und wir zwei besprachen dann hinterher fürs Fernsehen ihre Bedeutung in einem anderen aber ganz ähnlichen Turmzimmer, nämlich in einem Turm auf der Hohkönigsburg im Elsass.

Diese kleine Geschichte erzähle ich hier, weil aus ihr klar hervorgeht, dass man aus meinen Erfahrungen in den frühen 80er Jahren keine Rückschlüsse auf die heutigen Archivverhältnisse ziehen kann. Die Personen haben sich verändert, die politische Lage im wiedervereinten Deutschland ist eine ganz andere geworden als die auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Und vieles weiß man heute über Kaiser Wilhelm II. und seinen Hof, das damals noch in den adeligen Schlössern, Kellern und Speichern – und nicht zuletzt auch in den Zentralen Staatsarchiven hinter dem Eisernen Vorhang – klammheimlich verborgen lag.

Vielleicht ist es endlich an der Zeit, einfach lockerzulassen und die Geschichte, so peinlich sie auch sein mag, ihren Lauf nehmen zu lassen.

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