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Interview Emmanuel Todd

Im Hoheitsgebiet der Familie

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Der französische Soziologe Emmanuel Todd über unterschiedliche Familiensysteme, wie diese Werte, Normen und Mentalitäten prägen, wie sie nationale Unterschiede ausmachen und ein gemeinsames Europa erschweren.

Monsieur Todd, wie sind Sie darauf gekommen, dass Familienstrukturen der tiefsten Vergangenheit für uns Heutige und unsere politischen Systeme wichtig sein können?
Ich stellte Ende der siebziger Jahre fest, dass sich eine Karte der kommunistischen Staaten mit der eines speziellen bäuerlichen Familiensystems deckte, das sich in Russland, Vietnam, China, Jugoslawien und Albanien fand. Die Familie bestand aus einem Verbund eines Vaters mit seinen verheirateten Söhnen. In Bezug auf die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern war es autoritär, zwischen den Brüdern war es egalitär. Genau das bildet auch den Kern der kommunistischen Ideologie: Autorität und Egalität. Die Deckungsgleichheit zwischen Kommunismus und Familiensystem resultierte aus der Urbanisierung und Alphabetisierung, welche die kommunitäre bäuerliche Familie zersetzt hatte. Durch ihre Auflösung wurden ihre Werte der Autorität und Gleichheit in allgemeiner Weise in der Gesellschaft freigesetzt.

Der Sohn suchte also Ersatz für die autoritäre Rolle des Vaters?
Exakt. Er fand sie in der Einheitspartei, der Eingebundenheit in die zentralisierte Wirtschaft und in der Kontrolle durch den KGB.

Ist das nicht etwas essenzialistisch gedacht?
Ich bin ganz empirisch vorgegangen und habe mir die Landkarte und die Übereinstimmungen angesehen. Ich habe einräumen müssen, dass die Wirkung der traditionellen Familienwerte mit der Zeit nicht verschwunden ist. Man darf die nationale Identität natürlich nicht auf den Begriff des Volkscharakters reduzieren. Seit der Steinzeit haben sich verschiedene Familiensysteme herausgebildet und verbreitet. Sie prägen noch in unserer Gegenwart die Mentalitäten, Sitten, Werte oder Moral und folglich auch die Verhaltensweisen der Menschen. Werte wie Autorität, Hierarchie, Ungleichheit, Disziplin, Einordnung des Individuums in den Familienverband haben seltsamerweise den Untergang der großen bäuerlichen Haushalte, wo sie deutlich zu erkennen waren, überlebt. Sie sind noch älter als die Religionen und bilden mit ihr zusammen gewissermaßen das Unbewusste der Gesellschaften. Die Nation ist ein viel später entstandenes gesellschaftliches Konstrukt.

Dennoch lassen sich anhand der Nationen Unterschiede feststellen?
Familienstrukturen bedingen politische Werte, Ideologien, Bildungserfolge und wirtschaftliche Dynamik. Und die Werte sind je nach Land liberal oder autoritär, individualistisch oder gemeinschaftlich, egalitär oder inegalitär. Der Mensch ist kein losgelöster Akteur, sondern er besitzt Fähigkeiten und verfolgt Ziele, die von der Familie, der Gruppe, der Religion und der Bildung festgelegt werden. Die nationale Zugehörigkeit ist dabei eine strukturelle Konstante, deren Wirkungsweise wir uns bewusst bleiben müssen. Auch wenn die Globalisierungseliten davon träumen, anstatt uns in Fantasien über ihr mögliches Verschwinden zu ergehen, diesem letztendlichen Traum der Globalisierungseliten.

Wie lassen sich denn Familientypen den Ländern zuordnen?
Die deutschsprachige Welt ist historisch eher das Hoheitsgebiet der Stammfamilie. In den USA, in England und in Teilen Frankreichs dominiert hingegen die Kernfamilie. Sie besteht aus einem Ehepaar und seinen Kindern, die als Erwachsene das Elternhaus verlassen und ihrerseits mit der Heirat unabhängige Haushalte gründen. Dieser Familientyp umfasst sämtliche angloamerikanischen Länder. In Frankreich herrscht er im Pariser Becken vor. Er ist im Wesentlichen liberal, individualistisch, feministisch und egalitär. In der Stammfamilie hingegen wird der Stammhalter bevorzugt, gewöhnlich der älteste Sohn, dem als Erbe der Großteil der familiären Güter zufällt. Diesem Typ lassen sich Japan, Korea, Deutschland, Katalonien, aber auch der Südwesten Frankreichs zuordnen.

Was hat die Stammfamilie für Folgen für die Regionen?
Die Stammfamilie führt in den Regionen, wo sie verbreitet ist, zu einer Selbstwahrnehmung der Bevölkerung, sich als einzigartig und verschieden von anderen anzusehen. Sie verkörpert in Japan, Katalonien, im Baskenland, in Deutschland und in der alemannischen Schweiz eine autoritäre und inegalitäre soziale Ordnung mit einer starken Integration der Individuen. Auch 2018 finden wir in diesen Regionen dieselben Kompetenzen vor in Bezug auf Organisation und ökonomische Dynamik. Und auch dieselbe Neigung zum Ethnozentrismus. In Bezug auf Deutschland ermöglicht dieser Ansatz eine realistische Einschätzung seiner Geschichte und – im Guten wie im Schlechten – seiner außergewöhnlichen Leistung.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Diejenigen Nationen, in denen einst die Stammfamilie dominierte, zeichnen sich durch eine beständige wirtschaftliche und technologische Dynamik aus, während dort andererseits eine tiefgreifende demografische Krise herrscht, die zu einer Überalterung der Gesellschaft und einem Mangel an Fach- und Arbeitskräften führt. Die Stammfamilie hat also mehr Vorteile und mehr Potenzial, wenn es um Effizienz geht. Das liegt einfach daran, dass sie mehr Kontinuität verspricht. Eine Innovation innerhalb einer Stammfamilie geht nicht verloren. Sie wird der nächsten Generation weitergereicht.

Das erklärt nationale Unterschiede, die wir ja eigentlich für Stereotype halten?
Die Menschen lehnen es ab, und sie haben sicherlich darin recht, in nationalen Kategorien zu denken. Ich musste dennoch anerkennen, dass das öffentliche Verhalten der angelsächsischen Länder auf der einen und Japan und Deutschland auf der anderen Seite sehr unterschiedlich waren, was langfristige Investitionen finanzieller oder technologischer Natur angeht.  Dieser Unterschied lässt sich sehr einfach erklären anhand der Strukturen dessen, was man die Kernfamilie nennt. Und natürlich durch die Stammfamilie, die in Deutschland und Japan vorherrschte. Die Typologie der Familie trennt Deutschland von England und Russland, sie trennt Schweden von den USA. Ein Familientyp kann jedoch zu mehreren Nationen gehören. Deshalb kann man durch dieses Modell isoliert betrachtet auch keine Wesenszuschreibung vornehmen. Es nähert eigentlich viel mehr Länder einander an und beseitigt Mauern.

Wenn es solche Unterschiede gibt, müssen sich ja zwangsläufig Folgen für den Traum eines geeinten Europa oder der Euro-Zone ergeben.
Die Menschen sehen, dass die Eurozone nicht funktioniert, weil die Nationen sich unterscheiden. Es gibt das spanische, italienische und deutsche Verhalten. Der Schlüssel hierfür sind die Familienwerte, die ihnen zugrunde liegen. Das ist nichts Dramatisches oder Essenzielles.

Aber mit dramatischen Folgen, wie es scheint, für das europäische Projekt.
Europa ist ein wundervoller Kontinent. Er ist sehr divers, hat eine Menge Energie. Man verneint gerne die Differenz der Länder. Dennoch gibt es in der Euro-Zone eine allgemeine Divergenz der Gesellschaften. Es wird versucht, sie einzuspannen in ein gemeinsames System. Das aber kann nicht gelingen. Deutschland ist ganz anders als Italien und Spanien, sie sind aber alle Teil der Eurozone. Das ist etwas, was die Deutschen niemals wollten. Meiner Meinung nach sind die Franzosen verantwortlich für die Existenz der Euro-Zone und ihrer Misskonzeption.

In der Kritik stehen aber die Deutschen.
Was wir beobachten, ist ein dramatischer Misserfolg der europäischen Einigung, der einsetzte, seitdem Deutschland die führende Rolle in Europa übernommen hat. Deutschland ist sicherlich nicht allein dafür verantwortlich, aber doch ein gewichtiger Faktor, weil es sich an universalistischen Wertvorstellungen orientiert, die es zugleich leugnet, wodurch sie ungehemmt ihre Wirkung entfalten können. Die zunehmende Bedeutung Deutschlands war die automatische Folge seiner ökonomischen Effizienz. Sie brachte einem Land, das sich selbst nicht mehr verstand, die Führungsrolle in der EU ein. Das Land ist gleichzeitig von zwei abstrakten Vorstellungen geblendet worden, dem amerikanischen ökonomischen Universalismus und dem französischen politischen Universalismus. Deshalb konnte es seinen EU-Partnern nichts anderes vorschlagen als seine eigenen ökonomischen Maßnahmen. Nur können Italien und Griechenland wenig mit dieser „sozialen Marktwirtschaft“ anfangen. Es wäre besser gewesen, wenn Deutschland maßvoll eine alternative Perspektive für diese Nationen entwickelt hätte.

Welche Rolle spielen die Werte der Familiensysteme für unsere Zukunft?
Das unterschwellige Fortwirken der Werte der Stamm- und der Kernfamilie droht die Einheit der „westlichen Welt“ zu sprengen. Sie war nach 1945 ja eher aus dem militärischen Sieg der USA als aus irgendeiner kulturellen Konvergenz hervorgegangen. Dass sich in vielen Ländern Europas die Werte der Autorität und der Ungleichheit zurückmelden, gibt dem Kontinent ein neues und zugleich altes Gesicht. Die liberale Demokratie ist drauf und dran, sich in ein hohles Konzept zu verwandeln, bar ihrer Grundwerte, die in der Volkssouveränität, der Gleichheit der Menschen und deren Recht auf Glück bestanden. Ohne die Hypothese einer Wiederkehr des anthropologisch Verdrängten, des familiären Unbewussten, sind diese Verwandlung und der Aufstieg der „illiberalen Demokratie“ nicht nachvollziehbar. Der Autoritarismus familiären Ursprungs, häufig noch verstärkt durch das religiöse Erbe, dominiert in den lokalen Gesellschaften Europas und nähert die politisch-ideologische Karte wieder der Zeit zwischen den Weltkriegen an.

Sehen Sie die Krisenzeichen nur über Europa?
Mein Gefühl sagt mir, dass die angloamerikanische Welt, die viele Probleme wie steigende Sterblichkeitsrate, Rassismus, etc. hat, dennoch eine besondere Flexibilität besitzt, um den Problemen begegnen zu können. Man darf nicht vergessen, dass die Bevölkerung in den USA nach wie vor wächst und sich dort auch die wesentlichen Innovationen finden. Ich sehe Chancen für die USA, aber für Europa sehe ich schwarz. In Deutschland gibt es die demografischen Probleme. Es gibt einen Widerspruch in dem Land. An sich sind Immigranten gut als Lösung. Aber sie bringen eine andere Familienstruktur mit, die sehr patriarchalisch ist. Das ist ein Problem, das nicht gelöst werden kann. Was mich sehr besorgt, ist, dass durch den Brexit eine massive Trennung zwischen Kontinentaleuropa und Großbritannien entstehen kann.

Interview: Michael Hesse

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