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„Die Einfachheit der Installation wird dadurch erkauft, dass dabei im Hintergrund dubiose Dinge passieren.“

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Vor Apps wie etwa Zoom wird oft gewarnt, weil sie nicht sicher sind. Doch bieten die Kritiker Alternativen an?

Es war ein kurzer, glücklicher Moment: Videokonferenzen funktionierten endlich reibungslos und unkompliziert, sogar mit sehr vielen Teilnehmenden. Die Lösung für das alte Problem war eine Anwendung namens Zoom, eigentlich schon seit 2011 auf dem Markt und coronavirusbedingt Anfang 2020 sehr populär. Rückblickend dauerte diese Zeit des ungetrübten Videokonferenzglücks gefühlte fünf Minuten.

Seit Mitte März wird Zoom unter vielen verschiedenen Aspekten kritisiert: Das Unternehmen sammelt zu viele Daten, Vorgesetzte können sich unbemerkt in die Videokonferenzen von Angestellten einschalten, der Einsatz verstößt gegen Datenschutzbestimmungen, eine Verschlüsselung der Kommunikation ist nicht vorgesehen, die App schickt Daten nach China und an Facebook. Die Einfachheit der Installation wird dadurch erkauft, dass dabei im Hintergrund dubiose Dinge passieren.

Nutzungsfreundlichkeit ist oft ein Tauschgeschäft, insbesondere bei Anwendungen einer ganz neuen Kategorie. Je unerfahrener die potenzielle Zielgruppe, desto mehr schreckt man sie ab, wenn der Einrichtungsprozess unverständliche Fragen enthält. Und unverständliche Fragen bedeutet sehr oft: überhaupt irgendwelche Fragen.

Wer schon mal für einen technisch weniger interessierten Menschen irgendwas auf dem Handy oder Tablet eingerichtet hat, kennt die Probleme im Kleinen: Eigentlich müsste man die Person, der das Gerät gehört, eine informierte Entscheidung treffen lassen. Man müsste erklären, wozu zum Beispiel WhatsApp Zugriff auf das Adressbuch haben möchte und dass die App die darin verzeichneten Telefonnummern an Facebook weitergeben wird. Dann muss man erklären, welche Nachteile das hat oder in Zukunft haben könnte. An dieser Stelle wird die technisch weniger interessierte Person wahrscheinlich sagen, dass das kompliziert und gefährlich klingt und sie dann doch lieber kein WhatsApp haben möchte. Weil aber ihr gesamter Freundeskreis WhatsApp nutzt, wiederholt sich der Vorgang ein paar Wochen oder Monate später.

Ich hoffe, die Leserinnen und Leser dieser Kolumne sind ethisch gefestigte Einrichtungshilfspersonen und würden in so einer Situation niemals denken: „So, jetzt reicht’s, diesmal verzichte ich auf die Aufklärung und gebe der App einfach stillschweigend sämtliche Rechte, die sie zum Funktionieren braucht.“ Ich selbst habe leider schon mehrmals genau dieselbe Abkürzung genommen wie die Entwickler von umstrittenen Apps und auf dem Handy der beratenen Person ohne Aufklärungsgespräch alles so eingerichtet, wie es mir sinnvoll erschien.

Oder nein – eigentlich tut es mir nicht leid. Denn alle diese Anwendungen von AOL bis Zoom standen vor allem aus einem Grund im Fokus der Kritik: Sie eröffneten vielen Menschen den Zugang, für die eine bestimmte Technik bis dahin unzugänglich oder unattraktiv war. Sozialleben im Netz war auch vor Facebook möglich, hat sich aber erst durch Facebook auf breiter Front durchgesetzt. Chats gibt es seit den 1970er Jahren, aber erst seit WhatsApp kommen sie auch beim Austausch von Enkelbildern und der Wanderplanung von Seniorengruppen zum Einsatz. Zoom war das erste Videokonferenztool, das unter den meisten Bedingungen einfach funktionierte.

Datenschutz- und Sicherheitswarnungen unter Freunden sind ein Akt der Fürsorge und gut gemeint. Aber sie enthalten meist keine realistische Alternativlösung. Wenn jemand mit seinem Freundeskreis Kontakt halten möchte und dieser Freundeskreis WhatsApp nutzt, bringt es nichts, statt WhatsApp die supersichere Threema-App zu empfehlen. Der Freundeskreis wird deswegen nicht seine Gewohnheiten ändern. Die besonders gewissenhaft beratene Person bleibt weiterhin ausgeschlossen. Es ist ein bisschen wie mit überbesorgten Eltern, die ihr Kind davon abhalten, auf dem Spielplatz irgendein Gerät zu benutzen, von dem es herunterfallen könnte. Das Kind lebt dann zwar risikoärmer, verpasst aber fast alles, was der Spielplatz zu bieten hat.

Schön wäre, wenn technisch Erfahrene auf offizieller Ebene gegen Missstände protestieren und trotzdem im Privatleben anderen ihre komfortablen Apps lassen könnten. Aber das geht vermutlich nicht. Der Protest einer kleinen Minderheit ist für Unternehmen nicht so relevant wie die Verunsicherung einer breiten Mehrheit, die täglich in der Zeitung lesen muss, wie gefährlich ausgerechnet ihre meistgenutzte App ist. Wahrscheinlich muss die Welt also so unzulänglich bleiben, wie sie gerade ist. In fünf bis zehn Jahren bekommen wir dann Videokonferenztools, die reibungslos funktionieren und unter dem Sicherheitsaspekt akzeptabel sind. Brauchen wird man sie dann bestimmt immer noch.

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