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Björn Höcke will nicht immer über alles reden. 

Einordnung von ZDF-Interview

Höcke-Interview: Wenig Aussichten auf rhetorische Abrüstung

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Das abgebrochene Höcke-Interview und ein umstrittener Ausschnitt aus einem Grönemeyer-Konzert stehen beispielhaft für den schwierigen Umgang mit der politischen Rechten.

Journalistische Gespräche mit Vertretern der AfD bergen erhöhte Kollisionsgefahr. Das hat insbesondere in den öffentlich-rechtlichen Sendern Kommunikationsformen hervorgebracht, die eine gesteigerte Verunsicherung signalisieren. So versuchte nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg die durch den Fernsehabend führende MDR-Moderatorin Wiebke Binder, sich mit der stereotyp wiederholten Formulierung zu wappnen: „Das sehe ich aber anders.“ Für ein Gespräch mit dem Agent Provocateur der AfD, dem thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke, reicht solch eine harmlose Bannfloskel allerdings kaum aus. Es gibt keine journalistische Entsprechung zur Praxis des Autofahrers, die rechte Hand immer auf der Handbremse liegen zu lassen.

Das hat sich gewiss auch die Redaktion der ZDF-Sendung „Berlin direkt“ gedacht, die sich auf ganz andere Weise für ein Interview mit Höcke präpariert hat. Herausgekommen ist dabei ein Sendefragment, das nun wie ein Brandbeschleuniger wirkt. Zuvor war eigens ein TV-Einspieler vorbereitet worden, in dem AfD-Abgeordnete mit der Testfrage konfrontiert worden waren, ob ein ihnen vorgelegtes Zitat aus einem Buch Höckes oder aus Hitlers „Mein Kampf“ stamme.

Dilemma in der Auseinandersetzung mit der politischen Rechten

Im anschließenden Interview wurde Höcke dann mit dem vielfach erhobenen Vorwurf konfrontiert, völkische oder nationalsozialistische Sprachfiguren in seine Rhetorik einzubauen. Er antwortete gereizt, aber durchaus professionell. Kurz bevor sein Pressesprecher, der frühere „Welt“-Journalist Günther Lachmann, den Abbruch des Gesprächs herbeiführte, bestätigte Höcke noch diskussionsfreudig, er werde sehr gern auf Fragen zu seinem Demokratieverständnis antworten.

Das spektakulär gescheiterte Gespräch ist ein weiterer Beleg für das Dilemma in der Auseinandersetzung mit der politischen Rechten. Das Bedürfnis, die ideologischen Absichten des mutmaßlich antidemokratischen Politikers auf frischer Tat zu ertappen, hat diesem im Ergebnis ein weiteres Mal dazu verholfen, sich bereitwillig in die Opferrolle zu begeben. Für Höcke und die Seinen ist das Interview ein signifikantes Beispiel für die Existenz von scharf bewachten Meinungskorridoren und der Herrschaft einer politischen Korrektheit, die ihn diesmal auf durchtriebene Weise in den Hinterhalt einer Verhörsituation gelockt hat.

Als Mann der Attacke sieht sich Höcke nicht gern als Spielball des politischen Gegners. Und so passt es ganz trefflich zum Klischee des versierten Demagogen, dass er sein Mikrofon nicht ohne eine Drohung vom Jackett abzog, die er sogleich mit eine süffisanten Machtfantasie und der nebulösen Aussicht auf spätere Rache verknüpfte. Das Gespräch ist zu einem viralen Hit geworden, weil es hinreichend Stoff für die emotionalen Verwertungsketten der politischen Lager bietet. Bei aller Aversion gegen den unsympathischen Herrn Höcke zeigt es aber auch, dass die Versuche, einen wie ihn auf offener Szene demaskieren wollen, nicht wirklich erfolgreich sind – wie dramaturgisch geschickt sie auch immer angelegt gewesen sein mögen.

Fragwürdiger Satz von Herbert Grönemeyer

Wie es um das Verhältnis von Dramaturgie und politischer Aktion bestellt ist, weiß kaum jemand besser als Bernd Stegemann, der an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ als Professor Schauspielgeschichte und Dramaturgie lehrt. Doch auch er geriet zum Wochenende durch einen Twitter-Kommentar unversehens in die Kampfzone einer aus dem Gleichgewicht geratenen Debattenkultur. Zu einem Videoausschnitt, in dem der Musiker Herbert Grönemeyer den fragwürdigen Satz herausschreit: „Es liegt an uns zu diktieren, wie diese Gesellschaft auszusehen hat“, steuerte Stegemann die Bemerkung bei, dass ihn diese Rhetorik ungut an einen Redner aus der Zeit vor 1945 erinnere. Den Namen Goebbels lieferte dann geifernd die Netzgemeinde nach. Später präzisierte Stegemann seinen Tweet im Magazin „Cicero“, wo er nachdenklich und sichtlich irritiert über die Reaktionen, die er bis hin zu einem Kommentar von Außenminister Heiko Maas ausgelöst hatte, schreibt: „Wohin führt ein Antifaschismus, der in zentralen Punkten die gleichen Mittel verwendet, wie der historische Faschismus.“

Stegemann bezog sich dabei auf die agitatorischen Mittel, die den Konzertbesucher als Teil einer gelenkten Masse erscheinen lasse. Der Ausschnitt zeige, so Stegemann, „wie weit die Empörung schon fortgeschritten ist und wie schnell die Grenze zwischen Selbstgerechtigkeit beider Lager verschwimmen kann.“ Nach erfolgreichen Bemühungen um eine rhetorische Abrüstung sieht es derzeit allerdings nicht aus.

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