Italien

Hochstapler und Lügner

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"La crisi" ist in Italien längst sprichwörtlich, doch die aktuelle Krise hat eine größere Tragweite denn je.

In dem schönen Land, das schon früh im Leben lockte und wichtig wurde, herrschte, so weit die Erinnerung zurückreicht, „la crisi“, die Krise. Es sind einige Jahrzehnte, und ob nun Frühling, Sommer, Herbst oder Winter – eine italienische Krise gab’s immerdar, nicht jeweils als allumfassende Totale, vielmehr fragmentarisiert und verteilt auf die größeren wie die kleineren Felder der sozialen Wirklichkeit. Alles nur Denkbare konnte „in bilico“ geraten, auf der Kippe stehen: jede der vielen Regierungen, die Staatsfinanzen sowieso, das Gesundheitswesen und die Müllabfuhr, der Zugverkehr, die Tunnel der Autobahnen und die Alitalia, die Squadra Azzurra natürlich, wieder und wieder Venedig und Rom, Neapel und Palermo, und einmal hat man wirklich, solange ist es nicht her, als Schlagzeile auf der ersten Seite des „Corriere della Sera“ erfahren können, die Nudeln sogar: „Spaghetti in crisi“. 

Jedoch haben wir jedes Mal staunen dürfen: Kaum eine Woche vergangen – und (fast) alles halb so wild. Als Metapher für das ganze Land und die vielfach avisierten Untergänge jeder Art: Venedig ist noch immer nicht in der Lagune versunken. „Lasciamo perdere“, sagen sie in Italien dann, vergessen wir’s einfach, und meinen, was eben noch ein schicksalhaft verlorenes Gleichgewicht schien.

In diesen Tagen allerdings ist die Stimmung im Land abermals krisenbestimmt. Anlass, den Schwierigkeiten weit größere Tragweite zuzumessen als den italienischen Krisen normalerweise, ist der Umstand, dass es sich jetzt durch die Einbindung der Italiener in den europäischen Kontext nicht um nur interne Zwangslagen handelt: Die von Italien einst mitbegründete europäische Union steht in Frage. Zwar hatte die Wahl im vergangenen März eine (zur alleinigen Regierung aber nicht ausreichende) Mehrheit ergeben für die populistische linke Bewegung der Fünf Sterne mit dem politischen Dilettanten Luigi Di Maio an der Spitze und überraschende Zuwächse im Süden für die von dem Neo-Faschisten Matteo Salvini angeführte, bislang vor allem im Norden präsente rechte Lega. Beide Gruppierungen hatten sich im Wahlkampf rabiat bekämpft. Und fanden sich, nach dem Scheitern noch anderer Koalitionsversuche, jetzt doch zusammen und zur Regierungsbildung entschlossen.

Grundlage der Verbindung ist ein gemeinsam verfasster Vertrag. Es gilt für alle darin behandelten Politikfelder die Absicht, mit einer Formulierung Salvinis: „alles anders zu machen als die Regierungen zuvor“. Wechsel also um jeden Preis, vor allem in Hinsicht auf die Einhaltung der europäischen Regeln. Versprochen wird bei einer gegebenen Verschuldung in Höhe von mehreren Tausend Milliarden die Wiederkehr der von der Regierung Renzi mühsam abgeschafften Frühverrentung, ein Grundgehalt für jeden Bürger, die Reduktion von Steuern in Form einer Flat Tax, von der sechs von zehn Italienern keinen Vorteil haben. Aufgekündigt werden soll die weitere Teilnahme an dem französisch-italienischen Großprojekt der Bahnverbindung Turin–Lyon, was für Italien den Verlust bereits investierter Milliarden bedeuten würde. 

Für das Procedere, das Wie der Realisierung dieses geplanten Auftritts einer Regierung in Spendierhosen, fällt in den Kommentaren der führenden Zeitungen des Landes zu dem Vertrag zwischen Links und Rechts häufig der Begriff „genericita“, vage Verschwommenheit durch die Flucht in Allgemeinplätze. „Gestelztes Gerede, verbale Drahtseilakte und dicke Fehler“ resümiert die Turiner „La Stampa“ ihre Einschätzung des Vertrags. Francesco Bonami, einflussreicher Kulturkritiker der Zeitung, bestätigt das Urteil hinsichtlich des der Kultur gewidmeten Kapitels: Es gelte, heißt es da, „die Qualität kultureller Projekte anzuheben durch eine Reform ihrer Finanzierung“ – angesichts der Notlage etwa von Theatern und Museen, die an vielen Orten wenn nicht schon am Ende, so doch diesem sehr nahe sind, wird mit solch leeren Phrasen nicht mehr als die Luft bewegt. Bonami zitiert Augustinus: Leere ist das Nichts, das gleichwohl Raum einnimmt.

Arg genug das alles, sollte man meinen. Nun ist es aber, aktueller Stand, noch ärger gekommen – wenngleich das vielleicht auch ein Glück ist. Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella, einsamer Weiser in dem Durcheinander, hatte sich die Entscheidung über die Verfassungstreue und damit die Regierungsfähigkeit der Links-Rechts-Koalition vorbehalten, die (weil von den beiden Parteioberen keiner dem anderen das Amt überlassen wollte) von dem Richter Giuseppe Conti als Regierungschef geführt werden sollte. Dieser Conti war im politischen Betrieb ein Unbekannter, bei spontanen Umfragen hielten ihn viele für den einstigen Fußball-Star gleichen Namens, Flügelstürmer der Weltmeistermannschaft Italiens von 1982, „der mit den hängenden Socken“. Der war es nicht – aber was der Kandidat für die Führung der neuen Regierung vorgab zu sein, ist er selbst auch nicht – vielmehr letztlich: ein Schwindler. 

Die akademische Karriere nämlich, die seinen Lebenslauf zierte, hat es, wie Mattarellas Büro nun herausfand, so nicht gegeben: Im Archiv der New York University fand sich kein Student seines Namens, in Cambridge waren Sommerferien zu der Zeit, als er vorgab, dort an Kursen teilgenommen zu haben, aus Wien kam die Auskunft, das Institut, an dem er an juristischen Seminaren behauptete teilgenommen zu haben, ist nur eine Sprachschule, und ein Studienaufenthalt an der Sorbonne in Paris war auch bloß eine Erfindung. 

So wird es absehbar zunächst nichts werden mit der vollmundig angekündigten Zeitenwende. Staatspräsident Mattarella, umgetrieben von begründeten Bedenken, wird es recht sein. Er lässt jetzt auch die Lebensläufe der von Di Maio und Salvini berufenen Minister überprüfen. Indem der Versuch der Behebung einer Krise nur geradewegs wiederum eine Krise verursacht, kann dabei – italienische Volte – womöglich sogar ein rettendes Ufer in Sicht kommen. 

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