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Sascha Hehn spielt in „Lerchenberg“ Sascha Hehn, der den Traumschiff-Kapitän spielt, den Sascha Hehn bald spielt. Alles klar soweit?

"Lerchenberg" ZDF

Hoch stapeln, tief fallen

Die ZDF-Miniserie „Lerchenberg“ ist der gut gemeinte Versuch, das TV-Geschäft ironisch zu brechen. Doch wer auf diesem Drahtseil balanciert, muss die Fallhöhe genau berechnen, um nicht als eitel oder lächerlich zu gelten.

Von Klaudia Wick

Wer auf dem Drahtseil der Selbstironie balanciert, verdient sein Geld mit Fallhöhen. Ist die zu gering gewählt, empfindet das Publikum die Angelegenheit als eitel, ist die Distanz zum Boden des Seriösen zu groß, wirkt es nur lächerlich. Beides ist peinlich. Nun also spielt der alternde Sascha Hehn den alternden Sascha Hehn in der Sitcom „Lerchenberg“, die in den ZDF-Redaktionsräumen auf dem Lerchenberg spielt. Komisch oder peinlich?

Bei der letztjährigen Verleihung des Deutschen Fernsehpreises gaben sich Gundula Gause und Claus Kleber für einen bissigen Running Gag her: In diversen Einspielern standen die beiden Nachrichten-Leute an der Garderobe und nahmen den eintreffenden Gala-Gästen die Mäntel mit den immer gleichen Worten „Guten Abend meine Damen und Herren“ ab. Der simple Moderations-Text stammte, wie man sehen konnte, vom Teleprompter. Der Saal im Kölner Coloneum war voll besetzt mit Medienarbeitern, die wussten, welche Bedeutung die Fernsteuerung des Laufbandes für TV-Moderatoren hat. So goutierte das Publikum den selbstbezüglichen Witz mit großem Hallo. Der Gag hätte vielleicht auch mit Verona Feldbusch (heute: Pooth) funktioniert, aber die Fallhöhe wäre natürlich für die Nonsense-Ikone nicht im Ansatz so hoch gewesen wie für die „Weltenerklärer“ Gause und Kleber.

Virale Marketingkampagne

Wer einen Witz auf eigene Kosten machen will, muss sich das leisten können oder einen Ruf besitzen, der sich nicht mehr ruinieren lässt. Die „Roast Show“ des US-Senders „Comedy Central“ grillt regelmäßig erloschene Sterne des Star-Systems: David Hasselhoff, Pamela Anderson, William Shatner und sogar Heidi Klum haben sich schon in der Show dem Spott der Comedians ausgesetzt, um es dann in ihrer „Dankesrede“ allen heimzuzahlen. In der preisgekrönten NBC-Sitcom „30 Rock“, die ZDFneo 2009 zeigte, drehte sich alles um die Autorin einer fiktiven NBC-Sitcom. Gespielt wurde die von Tina Fey, im wahren Leben Autorin der „Saturday Night Live“-Show des Senders. In „30 Rock“ spielen die prominenten Stargäste – von Al Gore bis Oprah Winfrey – durchweg sich selbst.

Diese Identität ist nun auch das kreative Standbein von „Lerchenberg“. Nicht nur Sascha Hehn, auch Wayne Carpendale taucht in der ersten Folge als er selbst auf.

„Lerchenberg“ wurde 2011 gedreht. Eine virale Marketingkampagne, die schon früh mit gezielt lancierten Indiskretionen und Teasern den Boden bereitete, glühte lange das Interesse der Internetgemeinde vor. Dann ging Sascha Hehn, den der Sender inzwischen als neuen „Traumschiff“-Kapitän angeheuert hatte, auf Interviewtour. Schon vor der Ausstrahlung von „Lerchenberg“, hat das ZDF auf diese Weise seine Sympathiepunkte gemacht.

Umso mehr verblüfft dann die Entscheidung, „Lerchenberg“ nicht nur auf dem jungen Experimentierkanal ZDFneo zu zeigen, sondern auch im Hauptprogramm. Kann man Sascha Hehn tatsächlich auf dem gleichen TV-Kanal bis zur Komik-Schmerz-Grenze grillen, auf dem er bald als schmucker Seifenoper-Kapitän zur Freude eines 60plus-Publikums in See stechen wird?

Feind des Komischen

Leider ist „Lerchenberg“ der lasche Versuch, provokativ und mehrheitsfähig in einem zu sein. An Sascha Hehn liegt es nicht. Mit Verve stellt er sich zur Verfügung, auf dass man ihm die Torten ins Gesicht werfen möge. Leider bleiben die wirklichen Treffer aber aus. Seine Figur ist pleite, eitel und zur Prostitution bereit.

Über diese wenig originelle Setzung hinaus ist den Machern von „Lerchenberg“ nicht allzu viel eingefallen. Die wenigen Gags, die zünden, funktionieren nur, wenn man sich vergegenwärtigt, wer Sascha Hehn für das Fernsehen der achtziger Jahre war. Ob das die anvisierten jungen Zuschauer von ZDFneo überhaupt noch wissen und wissen wollen? Und ob die älteren Semester die Zertrümmerung ihres TV-Helden schon komisch finden können?

Die Fallhöhe, die „Lerchenberg“ aufgebaut hat, übermittelt sich nicht ans Publikum. Sie existiert nur auf dem (Konzept)-Papier: Dass ausgerechnet eine Redaktion des „Kleinen Fernsehspiels“ – Gralshüter des Hochkulturkinos – Sascha Hehn engagiert hat, mag für „Schwarzwaldklinik“-Hasser eine gewagte Vorstellung sein. Dass sich ZDF-Entscheider mit Freikarten für große Fußballspiele beeinflussen lassen, ist womöglich eine Anspielung mit Realitätsgehalt, wer weiß das außerhalb des Lerchenbergs schon? Dass Programmentscheidungen mittels Intrigen aus der Kaffeeküche gefällt werden, wäre aber nur ein Gag mit Fallhöhe, wenn Intendant Bellut mitgespielt hätte.

Letztlich sollte der „Traumschiff“-Kapitän dann doch keinesfalls dem Risiko einer Beschädigung ausgesetzt werden, dafür schimmert ständig die große Ironiefähigkeit der Teppichetage durch. Aber die Absicht, die man spürt, ist leider der größte Feind des Komischen.

Lerchenberg, alle vier Folgen laufen am 28.03.13 ab 22.45 Uhr auf ZDFneo; am 5./12.4.zeigt das ZDF die Serie jeweils um 23 Uhr in Doppelfolgen. Die gesamten Folgen gibt es vorab bereits online zu sehen in der ZDF Mediathek.

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