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Bereits die Anfänge des Hochhausbaus basierten auf der Holzrahmenbauweise.

Architektur

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Der Holzbau erlebt eine Renaissance, insbesondere in seiner modularen Spielart.

Michelangelo Buonarroti, der – meist nur Michelangelo genannt – als wohl bedeutendster Künstler der italienischen Hochrenaissance reüssierte, wird der schöne Satz zugeschrieben: „Wenn ich alles Große genau betrachte, so sehe ich, dass es aus lauter Kleinigkeiten zusammengesetzt ist, und wenn ich ganz genau hinsehe, erkenne ich, dass es so etwas wie eine Kleinigkeit gar nicht gibt.“

In der Tat: Eine Petitesse ist selbst etwas so Simples wie das Bauen mit Holz nicht. Denn es offenbart sich, bei genauerem Hinsehen, als ein Mikrokosmos an Möglichkeiten. Zudem hat sich der archaische Baustoff mehr und mehr zu einer Art Trendsetter urbaner Architektur gemausert. Nicht von ungefähr, bietet er doch Antworten auf drängende Fragen: der Energiewende etwa, oder den verantwortlichen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Und er belebt den städtischen Kontext – insbesondere, wenn er sich des Prinzips der Modularität bedient.

In Hamburg ist mit dem „Woodie“ jetzt eines der weltweit größten Holz-Modul-Gebäude zu finden. Das im letzten Herbst eröffnete, vom Berliner Büro Sauerbruch Hutton entworfene Studentenwohnhaus stellt im Wortsinne ein Pionierprojekt dar, da es im Zuge seiner Genehmigung die Regularien flexibilisierte. Der Bau mit 371 Ein-Zimmer-Apartments liegt in Hamburg-Wilhelmsburg unweit des Geländes der IBA 2013 und will an deren experimentellen Charakter anknüpfen. Deshalb wurde es nach den Grundsätzen des Universal Designs – nachhaltig, einfach, inklusiv – geplant.

Die Architekten gaben dem Baukörper eine kammartige Struktur, die komplett vorgefertigten Holzboxen stapeln sich, fünf bzw. sechs Geschosse hoch, auf einer Art Betontisch. Dass Modulbau nicht gleichbedeutend mit Monotonie ist, beweisen Sauerbruch Hutton hier eindrucksvoll, nicht zuletzt mit der – mittels eines mäanderartigen Reliefs – sehr lebendig gestalteten, ebenfalls vorgefertigten Lärchenholzfassade.

Das Amsterdamer Wohnhaus Patch 22 von Frantzen et al architecten ist ein anderes, nicht minder beredtes Beispiel. Selbstbewusst und mit Witz stapelten die Architekten die sechs Wohngeschosse leicht versetzt übereinander. Das Ganze packten sie wiederum auf ein sechs Meter hohes, voll verglastes Erdgeschoss mit Gewerbenutzung. Beim Brandschutz. geht der Bau einen geradezu primitiven, aber effektiven Weg. Alle tragenden Teile wurden einfach so dick dimensioniert, dass das Holz im Brandfall zwei Stunden brennen würde. Schwere Streben an der Südfassade und das helle Braun des verbauten Holzes dominieren den Eindruck. Die Raumhöhe von 3,5 Meter ist ungewöhnlich und trägt ebenso viel zur Wohnatmosphäre bei wie die offen sichtbaren, dicken Holzbalken und Außenwände.

Selbstverständlich sind solche Projekte freilich (noch) nicht. Die ökologischen Vorteile des Holzes liegen zwar auf der Hand: Es ist als ressourcenschonender, nachwachsender Rohstoff, als Kohlendioxid-Speicher und wegen seines geringen Bedarfs an „grauer Energie“ für Produktion und Transport im Interesse des Weltklimas. Zudem verfügt es über großartige architektonische Eigenschaften: Bei gleicher Tragfähigkeit ist es sehr viel leichter als Stahl, zugleich wärmedämmend; und es hat haptische Qualität. Andererseits aber muss Holz als Baumaterial mit Vorbehalten kämpfen: Es brennt! Das ist gravierend, vor allem bei mehrgeschossigen urbanen Bauweisen.

Zwar gibt es die großen Stadtbrände wie im Mittelalter nicht mehr, die Angst davor ist aber noch präsent – und findet ihren Niederschlag nicht zuletzt in den Bauordnungen. Weshalb für Architekten, die in Innenstädten Holzhäuser bauen wollen, die Auseinandersetzung mit dem Brandschutz noch immer die zentrale Herausforderung darstellt.

Vorreiter für den Holzbau ist Berlin: Hier sind mittlerweile zahlreiche Gebäude mit sechs oder sieben Geschossen in Baulücken der Gründerzeitquartiere entstanden. Anfangs legten die Behörden noch Wert auf extremen Brandschutz, was etwa 2008 zu Lösungen wie in der Esmarchstraße 3 (Kaden Klingbeil Architekten) führte, wo ein offenes Betontreppenhaus vom eigentlichen Gebäude durch Betonbrücken getrennt wurde. Inzwischen hat man die Gefährdungen genauer spezifiziert und Vorschriften entsprechend verfeinert. Schon werden an verschiedenen Orten Hochhäuser mit neun und mehr Geschossen aus Holz geplant.

Es wäre noch mehr möglich, denn Holz ist ein reagierender („mitdenkender“) Baustoff. Versagt ein Bauteil, übernehmen die anderen die Last, das war schon vor Jahrhunderten in den Fachwerkhäusern so. Doch das größte Potenzial bietet der Holzbau wohl bei der dringend notwendigen Nachverdichtung der Städte. Denn meist sind die älteren Bauten statisch in der Lage, noch ein, zwei Geschosse Aufstockung einer leichten Holzkonstruktion zu tragen.

Gerade der modulare Holzbau lässt Ansätze zu, die auf allen Ebenen Ressourcen schonen, die effizient sind und zugleich gesellschaftliche Veränderungen berücksichtigen. Und er ermöglicht, ja befördert experimentelle Denk- und Handlungsansätze. So hatte die Bremer Wohnungsbaugesellschaft 2011 einen Wettbewerb unter dem Titel „Ungewöhnlich Wohnen“ ausgelobt. In seiner Vielseitigkeit und Sorgfalt ist das Projekt Bremer Punkt von LIN Architects (Berlin), das daraus hervorging, für den seriellen, geförderten Wohnungsbau in Deutschland allemal ungewöhnlich. Die ersten beiden Prototypen konnten die Architekten nun in der Bremer Neustadt fertigstellen. Dort stehen die Viergeschosser in Kontrast und Ergänzung zur in den 1950er Jahren errichteten Gartenstadt Süd: Mit einer Grundfläche von je 14 mal 14 Metern setzen sie sich deutlich von den Zeilenbauten des Bestandes ab. Gleichzeitig tragen sie zum Erhalt des Charakters der zentrumsnahen Siedlung inmitten gestalteter Grünflächen bei.

Konzipiert wurden die Punkthäuser in Holzrahmenbauweise, deren Grundrisse um einen Versorgungskern organisiert sind. Besonderes Augenmerk legten die Architekten auf die Ausdifferenzierung und den Komfort der Wohnungen. Strukturgebend ist die modulare Bauweise und das Konzept der quadratischen Fassadenöffnungen, die die unterschiedlichen Anforderungen des jeweiligen Standortes nach außen hin ablesbar werden lassen, zudem farblich stets anders akzentuiert.

Nun weist das modulare allerdings eine gewisse Nähe zum industriellen Bauen auf, was mitunter zu fatalen Kurzschlüssen führt. Modulare Bausysteme sind ihrem intellektuellen Vorgang nach der Vorfertigung entgegengesetzt. In diesem Ablauf wird zunächst ein Satz von dimensional und funktionell zusammengehörigen Komponenten geplant, dann werden allgemeine Regeln festgesetzt, wie diese Teile miteinander verbunden werden können, und das Endprodukt wird dann aus diesen Komponenten konstruiert.

Das einfachste Beispiel eines modularen Bausystems ist das „Meccano“-Spielzeug: Ein Satz von vorher bestimmten Teilen kann hier nach gewissen dimensionalen Grundregeln zusammengesetzt werden. Die Maßordnung nimmt also eine zentrale Funktion ein.

Die enorm erweiterten Möglichkeiten der digitalen Entwurfs- und Produktionsinstrumente sollten ein solches Denken eigentlich befördern. realities:united aus Berlin etwa nutzen modulare Konzepte für raffinierte Oberflächen- und Fassadengestaltungen. Damit werden die architektonischen Möglichkeiten zumindest angedeutet. Einen weiter reichenden Ausblick in die Zukunft wagte vor einiger Zeit das Büro Hybrid Space Lab: Ihr Szenario der Stadt zeigt, wie mit Mobilitätsbausteinen, softwaregesteuerten Elementen der Handy-Nutzung und flexibel verfügbaren und variierbaren Räumen die bestehende Stadt genutzt, modifiziert und verändert werden kann.

Ein überzeugender Appell, dass gestalterisches Denken sich wieder neu dem großen Maßstab zuwenden und das modulare Bauen nicht auf experimentelle Sonderbauten beschränken sollte. Und weil zukunftstaugliche Konzepte auf ein Zusammenspiel von Individualisierung und Standardisierung angewiesen sind, wird dem Holzbau durchaus wieder eine gewichtigere Rolle zukommen. Sehr zu Recht.

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