+
Friedrich Gaus (v. l.), Joachim von Ribbentrop, Joseph Stalin und sein Außenminister Vyacheslav Molotov.

August 1939

Hitler-Stalin-Pakt: Den Weg ebnen für einen Krieg

  • schließen

Vor 80 Jahren wurde der Hitler-Stalin-Pakt unterschrieben, der Deutschlands Überfälle erst möglich machte.

Am 24. August 1939 unterzeichneten der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow (1890 – 1986), und der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop (1893 – 1946) einen auf zehn Jahre angelegten, um einen Tag vordatierten deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Eine Weltsensation: Erst am 25. November 1936 hatte Nazideutschland zusammen mit Japan den auf fünf Jahre angelegten Antikominternpakt ins Leben gerufen. Ein Jahr später trat Italien ihm bei. Jetzt, am 24. August 1939, schlossen die größten Feinde des politischen Spektrums – Nazideutschland und die Sowjetunion – Frieden.

In Wahrheit aber war es mehr als das. Die beiden Diktaturen bereiteten einen gemeinsamen Krieg vor: die Aufteilung Polens. Der offizielle Nichtangriffspakt wurde begleitet von einem geheimen Zusatzprotokoll, das „für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung“ der Sowjetunion gestattete, im Ersten Weltkrieg verlorene Territorien des Russischen Kaiserreichs wiederzugewinnen. Es erklärte Ostpolen, Finnland, Estland und Lettland zur sowjetischen Interessenssphäre, Westpolen und Litauen zur deutschen. Im Südosten Europas wurde Bessarabien zum sowjetischen Interessengebiet deklariert. Deutschland wiederum erklärte sein politisches Desinteresse an Bessarabien.

Der offizielle Vertrag verpflichtete die Sowjetunion zur Neutralität bei kriegerischen Auseinandersetzungen des Deutschen Reiches mit Polen oder mit den Westmächten. Die Sowjetunion verpflichtete sich, dem Deutschen Reich Lebensmittel, Erze und vor allem Öl zu verkaufen. Das Deutsche Reich sollte an die Sowjetunion Steinkohle und Industrieprodukte liefern. Die Sowjetunion hielt sich akkurat an diese Vereinbarungen. Sie erlaubte Deutschland auch die Benutzung von Häfen in der Arktis, am Schwarzen Meer und am Pazifischen Ozean. Deutsche Transitwaren wurden kostenlos mit der sowjetischen Eisenbahn befördert.

Schon der offizielle Vertrag wurde von vielen Kommunisten überall in der Welt als Verrat am Kampf gegen den Faschismus betrachtet. „Der Verräter, Stalin, bist du!“ war die Antwort vieler, denen Stalin den Prozess machen ließ, weil sie seinem Schwenk nicht folgten. Molotow hatte das Außenministerium von Stalin übertragen bekommen, weil er bei dem bisherigen Amtsinhaber Maxim Litwinow mit Schwierigkeiten beim Kurswechsel rechnete. Auch Hitlers treuer Gefolgsmann Joachim von Ribbentrop hatte erst im Februar 1938 seinen Vorgänger Konstantin Freiherr von Neurath abgelöst. Allerdings hatte er als außenpolitischer Arm („Dienststelle Ribbentrop“) von Reichskanzler Hitler bereits den Antikominternpakt mit Japan nicht nur vorbereitet, sondern auch – in Berlin – unterzeichnet.

Am 1. September, um 4.45 Uhr, marschierten, eine Woche nach der Unterzeichnung des Vertrages, deutsche Truppen über die polnische Grenze. Am 17. September – es war deutlich geworden, dass Polen zu keinem nennenswerten Widerstand fähig war – begann in Übereinstimmung mit dem geheimen Zusatzprotokoll des Nichtangriffspaktes die sowjetische Besetzung Ostpolens. Die polnische Regierung floh am nächsten Tag. Erst am 18. Dezember 1939 erklärte die neue polnische Exilregierung den Kriegszustand mit der Sowjetunion. Großbritannien und Frankreich taten das nicht.

Am 28. September schlossen die Sowjetunion und Nazideutschland den Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag. „Neben einer Bekräftigung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit präzisierten begleitende, geheime Abkommen die Aufteilung Polens, schlugen die baltischen Staaten, diesmal mit Litauen, der Sowjetunion zu und legten die Überführung der deutschen, ukrainischen und weißrussischen Minderheiten aus den betroffenen Gebieten in den eigenen Machtbereich fest.“ (Wikipedia)

Die sowjetischen Annexionen befriedeten die kommunistische Herrschaft nicht. Jährlich wurden etwa drei Millionen Sowjetbürger verhaftet. Knapp zwei Millionen landeten im Archipel Gulag. Der wurde weiterbetrieben.

In ihrem sehr lesenswerten Buch „Der Pakt – Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz 1931 – 1941“ (C. H. Beck Verlag, München 2019, 276 Seiten, 26,95 Euro) schreibt die an der Viadrina lehrende Professorin für Europäische Zeitgeschichte Claudia Weber: „Mit der Besetzung war die Eroberungsmaschinerie in Gang gesetzt. Von September 1939 bis zum Juni 1941 war die Geschichte des Zweiten Weltkrieges in Europa gleichbedeutend mit der Geschichte des Hitler-Stalin-Pakts; im Osten wie im Norden und im Westen ... Das ‚Dritte Reich‘ besetzte Frankreich, die Benelux-Staaten und Teile Skandinaviens während und aufgrund des Pakts, während sich die Sowjetunion das Baltikum, Bessarabien und die Nord-Bukowina einverleibte. Der Kriegsverlauf, der für beide Diktatoren so erfolgreich war, brachte das Bündnis schließlich in Südosteuropa, wo beide Großmachtpläne miteinander kollidierten, an einen entscheidenden, Bruch- und Konfliktlinien zutage fördernden Wendepunkt. Im Frühsommer 1940 überschritt der Hitler-Stalin-Pakt den Zenit im Moment seines größten ‚Erfolges‘.“

Aber bereits am 5. Dezember 1940 erklärte Hitler seinen militärischen Beratern, die Entscheidung „über die europäische Hegemonie werde im Kampf gegen die Sowjetunion fallen“. Vom 18. Dezember 1940 datiert die berühmte Weisung 21 des Führers Adolf Hitler. Ihr erster Satz lautet: „Die deutsche Wehrmacht muss darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England, Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen (Fall Barbarossa).“

Erst am 22. Juni 1941 brach Hitler den Pakt mit Stalin und deutsche Truppen marschierten in die Sowjetunion ein. Seit Monaten war mit dieser erneuten Wendung gerechnet worden. Dem englischen Premier Winston Churchill war es am Abend davor geglückt, die USA davon zu überzeugen, dass man, sobald Deutschland die Sowjetunion überfallen würde, den Angegriffenen eine Allianz mit Großbritannien und den USA anbieten müsse, um die deutsche Vorherrschaft über Europa zu zerbrechen.

Solange das Deutsche Reich und die Sowjetunion sich Europa aufteilten, marschierten die Nazi-Truppen von Sieg zu Sieg. Nur noch Churchill und das von ihm geführte Großbritannien stemmte sich gegen die deutsche, von Stalin gestützte, Übermacht. Er belieferte die Nazis noch mit Öl, als die längst drei Millionen Soldaten an der Grenze zur Sowjetunion aufgestellt hatten. Ohne sein Öl hätten die deutschen Panzer es niemals bis vor die Tore Moskaus geschafft.

Beim Pakt vom 24. August 1939 war es Hitler darum gegangen, einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden. Stalin dagegen setzte wohl darauf, dass, wenn die Imperialisten sich gegenseitig zerfleischten, die Sowjetunion am Ende als Sieger dastände. Das waren auf beiden Seiten im Rahmen der jeweiligen nationalen Interessen „vernünftige“ Argumente.

Mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion änderte sich das. Die alte Nazi-Vorstellung vom zu erobernden Lebensraum im Osten, von den zu unterwerfenden „slawischen Untermenschen‘“ diktierte von nun an das militärische Geschehen. Aber auch in der Sowjetunion und in der kommunistischen Weltbewegung änderten sich dadurch die Grundkoordinaten. Nun begann der Große Vaterländische Krieg. Der machte aus Stalin das „Väterchen Stalin“ und aus der Sowjetunion eine Weltmacht, die es an der Seite der Nazis niemals geworden wäre. Die wurde es erst, als die USA den Verbündeten unter die Arme griff. Die westeuropäischen Kommunisten wurden nach dem Überfall auf die Sowjetunion nicht mehr gezwungen, an der Seite Stalins die Nazis zu unterstützen. Sie konnten wieder den „antifaschistischen“ Kampf aufnehmen.

Der Hitler-Stalin-Pakt spielt in den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg kaum eine Rolle. Wer vom Zweiten Weltkrieg spricht, der spricht von den Alliierten: Von Churchill, Stalin und Roosevelt. Aber Claudia Weber hat völlig recht mit ihrer Bemerkung: „Von September 1939 bis zum Juni 1941 war die Geschichte des Zweiten Weltkrieges in Europa gleichbedeutend mit der Geschichte des Hitler-Stalin-Pakts“. Es war Stalin, der Hitler den Rücken freigehalten hatte. Er hatte wesentlich dazu beigetragen, ihn zum Herrscher Europas zu machen. Das ihm von Hitler zugeschlagene Polen rückte er nach dem Krieg nicht wieder raus. Im Gegenteil. Der zaristische Traum der Westerweiterung Russlands auf Kosten Polens und der baltischen Staaten – Stalin hat ihn realisiert. Und heute betrachtet Putin die Wiederherstellung des Status quo ante als „geopolitische Katastrophe“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion