Von Hitler-Darstellern und Samtstirnkleibern

"Zapp! Merkwürdigkeiten aus der Fernsehwelt" von Stefan Niggemeier und Michael Reufsteck

Von JAN FREITAG

Es gibt Bücher, die die Welt nicht braucht. Konsalik-Romane etwa oder Olympia-Bildbände. Und solche übers Fernsehen. Schließlich sollte man das bekanntlich besser gucken; wozu also noch lesen? Es sei denn, sie wurden von Stefan Niggemeier und Michael Reufsteck verfasst. Die beiden Medienjournalisten haben vor drei Jahren bereits mit dem "Fernsehlexikon", das aber auch wirklich jede Sendung im deutschen TV alphabetisch einordnet, fast Literaturgeschichte geschrieben. Und jetzt legen Sie mit "Zapp!" ein Glossar skurriler Bildschirmaktivitäten nach, das aufs Neue beweist: Fernlesen kann unglaublich viel Spaß bereiten.

"Zapp!", erschienen im vgs-Verlag, listet die "Merkwürdigkeiten aus der Fernsehwelt" auf. Manchmal chronologisch, oft aber irgendwie wahllos aneinandergereiht, erinnern die 22 Rubriken von "Rang und Namen" bis "Schluss und Aus" einerseits an die Bestsellerreihe "Schott's Sammelsurium", andererseits an Thomas Gsellas Fußballzitatschatz "So werde ich Heribert Fassbender", schafft aber doch viel mehr: ein Link in jede persönliche TV-Historie nämlich, eine Zeitreise aufs Sofa der eigenen Kindheit, wie sie derart popkulturell nur Florian Illies' erbrachte.

Und wo uns "Generation Golf" ins Gedächtnis rief, wie es für die Kin-der der Achtziger samstags erst in die Wanne, dann zu "Wetten, daß…?" ging, liefert uns Zapp! auf 222 Taschenbuchseiten ein Déjà Vu nach dem anderen. So denken wir ebenso an Ralph Siegels Grand-Prix-Beiträge zurück wie McGyvers Supertricks oder berühmte Fernsehtiere. Wir erfahren die Anzahl von Hitler-Darstellern (13), Todesursachen in der "Lindenstraße" (26) oder Schleichwerbefällen (23). Von Erich Böhmes Talkdesaster im Turm mit Jörg Haider über Rudi Carrells BH-fangenden Khomeini bis hin zum Buntstiftlutscher bei Gottschalk kehren erlebtes Sehen oder Oral History zurück ins Ge-hirn.

Oder man erfährt doch mal was völlig Unerwartetes wie Steven Spielbergs frühe Regiearbeit dreier "Columbo"-Folgen, Mike Krügers ersten Job als Betonbauer im Hamburger Elbtunnel oder dass Robert Gernhardts merkwürdige "Dr. Muffels Telebrause" von 1975 ein Vorbild der großen Late Night-Show David Lettermans war. Das Ergebnis unfasslicher Wühlarbeit in den Archiven der Sender oder den eigenen der Autoren ist also ein lehrreiches und witziges Nachschlagewerk der Absurditäten unseres Leitmediums zugleich. Dass offen humoristische Fragen wie die der Nachteile des Fernsehens gegenüber Büchern von "Papier ist geduldiger" bis "Johannes B. Kerner" ein wenig bemüht lustig wirken, verzeiht man da gern. Dafür ist nun bekannter, dass "Rauchende Colts" oder die "ZDF-Hitparade" zuerst im Radio liefen. Und wenn 9Live "Tiere mit S" sucht, sind Stirnlappenbasilisk oder Samtstirnkleiber gesucht.

"Zapp!" ist ein Kompendium der Glotze für all jene, denen sie eigentlich zu profan ist, um einzuschalten. Die womöglich keine Zeit haben, sich alles anzusehen. Oder sich nichts darin entgehen lassen wollen. Manchmal wird Fernsehen durchs Lesen erst schön.

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