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Hitler am Fenster der Reichskanzlei in Berlin, 30. Januar 1933.

NS-Zeit

Hitler-Biograf Pilgrim: „Ein serienmörderischer Staatsterrorist“

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Volker Elis Pilgrim hat eines der umfangreichsten Bücher über Adolf Hitler geschrieben. Ein Gespräch über ausufernde Schreibprojekte und einen Serienkiller als Politiker

Volker Elis Pilgrim hat vor kurzem das vierte Buch seiner Tetralogie über Adolf Hitler herausgebracht, insgesamt 3431 Seiten: Pilgrims „Ring“. Ich habe etwa 300 Seiten, also nicht einmal ein Zehntel des Buches gelesen, und möchte von ihm wissen, ob ich ihn dennoch darüber befragen darf. „Gerne“, antwortet er, „ich glaube kaum, dass alle vier Bücher von der ersten bis zur letzten Seite auf Anhieb gelesen werden.“

Herr Pilgrim, warum schreibt man Bücher, von denen man weiß, sie werden nicht gelesen?
Ich glaube nicht, dass sie nicht gelesen werden. Aber nur wenige werden alle vier Bände von der ersten bis zur letzten Seite lesen.

Warum also so viel?
Mein Mitteilungs-Bedürfnis ist immens. Ich saß schon mit fünf Jahren unter einem Strauch und erzählte meiner Doktorspiel-Freundin Märchen, tat das dann siebenjährig während eines mehrmonatigen Aufenthaltes in Binz auf Rügen im Zimmer mit sechs Genossen. Die Gründe meines Erzählens sind immer andere. Die Freunde an der Ostsee sollten besser einschlafen können.

Das glückt Ihnen heute nicht mehr so recht.
Ich spielte von der Vorschulzeit bis Anfang zwanzig Kasperle- und richtiges Theater. Dabei ging es um das Gegenteil: Die Zuschauer sollten aufgeregt werden.

Und Hitler?
Anfänglich sollte es ein kurzes Buch von nur 300 Seiten werden. Ich hatte entdeckt, dass Hitler ein Serienkiller war und wollte das mitteilen. Als ich jedoch vor zehn Jahren mit der Hitler-Forschung genauer in Berührung kam, bemerkte ich, dass über Hitler als Serienkiller und über Hitlers Pasewalker Wesensveränderung nichts gewusst wird. Ich musste ausholen. Das dauerte zehn Jahre. Dass meine Serie der vier Wälzer dann einen Verleger fand – nämlich den Osburg Verlag – ist ein Wunder.

Hitler war ein Serienkiller?
Lassen Sie mich bitte etwas umständlich darauf antworten. Die Überschrift über allen vier Bänden lautet: „Hitler 1 und Hitler 2“. Alle Hitlerbiografen sind sich darin nämlich einig: Es gibt einen jungen, kunstsinnigen, scheuen Hitler 1 und es gibt einen aggressiven, vernichtungswütigen Hitler 2. Die Frage, wie aus Hitler 1 Hitler 2 wurde, zieht sich durch alle Bände.

Dreh- und Angelpunkt dieser Wandlung ist Hitlers Aufenthalt im Reserve-Lazarett in Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern.
Hitler war vom 21. Oktober bis zum 9. November 1918 in dem Lazarett. Er war in eines der Menschenversuchs-Labore der Militärpsychiater der Zeit geraten. Der Berliner Sanitätsoffizier Professor Dr. Edmund Forster zündete aus Unkenntnis die im jungen Hitler verdrängte angeborene Serienkiller-Anlage...

Sie gehen einen Schritt weiter...
Was man ihm angetan hatte, tat er in hypnotischem Fortsetzungszwang den Deutschen an. Er hypnotisierte sie zu einem anderen Volk. Aus dem der „Dichter und Denker“ wurde das der Vergaser.

Das ist sehr starker Tobak.
Nicht von mir. Die Hexerei fand damals statt. Mit einem Diagnosefehler. Hitlers „Sprachlosigkeit“ – er war übrigens nicht blind, wie seiner Lüge folgend bis heute geglaubt wird, sondern stumm –, eine Folge der von Chlorine-Phosgen-Gasen beschädigten Stimmbänder, wurde damals fälschlich als Hysterie oder gar Simulantentum analysiert. So geriet er in die Hände der Psychiatrie.

Gibt es Krankenakten? Irgendwelche Belege?
Es gab eine Krankenakte zu Hitlers Stummheit, die später von der Gestapo vernichtet wurde und die ich medizin-historisch „restauriert“ habe. Darüber hinaus muss man sich ein sehr genaues Bild vom Stand der Psychiatrie, vom behandelnden Arzt machen, den ich endgültig in der historischen Person des Berliner Professors und Kapitänleutnants Dr. Edmund Forster identifiziert habe, um zu einer Vorstellung von dem zu kommen, was damals geschah.

Oder vielleicht nur hätte passieren können? Warum ist Hitler für Sie ein Serienkiller? Er hat doch niemanden umgebracht.
Er hat Millionen Menschen töten lassen.

Aber er tat es nicht auf Grund frühkindlicher Verletzungen. Hitler 1 hatte nicht mehr vom Serienkiller in sich als jeder von uns.
Ja und Nein! Zuerst zu dem, was Hitler 1 „in sich hatte“. Durch die Ehe seiner Eltern per Inzucht ersten Grades wurde in Hitler genetisch ein „Morbus Orgasmus“ angelegt, eine besondere Störung der männlichen Geschlechtstätigkeit. Weltweit gibt es etwa 200 bekannt gewordene Serienkiller. Sie alle haben diese Störung. Ich bin Dr. jur. und denke in Analogie-Schlüssen. Ich registrierte, dass Hitler 2 viele Eigenschaften eines Serienkillers hatte. Doch die waren in Hitler 1 alle verdrängt. Hitler 1 war, wie Sie es sagen, so friedlich wie wir alle. Er ist im Ersten Weltkrieg an der Front in gefährlichen Situationen immer wieder für Kameraden eingesprungen, die Familienväter waren oder als Neulinge vor der Aufgabe zurückschreckten.

Hitler – ein guter Kamerad?
Hätte Dr. Edmund Forster bei dem Versuch, Hitler durch Hypnose von seiner Stummheit zu befreien, nicht Hitlers Serienkiller-Anlage gezündet, Hitler wäre immer ein „verdrängter Serienkiller“ geblieben. Nun war es jedoch für handanlegendes Serienkillen zu spät. Hitler „beschloss, Politiker zu werden“, wie er es in „Mein Kampf“ formulierte, was jedoch hieß, das in ihm aufgebrochene quälmörderische Verlangen auf seinen Umgang mit der ersten deutschen Demokratie zu übertragen, die er quasi zu Tode gemartert hat, um dann anschließend als serienmörderischer Staatsterrorist Deutschland in den Untergang zu reiten, dieses Verfahren mit Europa fortsetzte und damit nicht aufgehört hätte, wenn nicht die Alliierten in dem von ihm angezettelten Zweiten Weltkrieg Hitler zum Aufgeben gezwungen hätten.

Volker Elis Pilgrim.

Warum beginnt Ihr Buch mit dem Kapitel „Zwischen Autobiografie und Hitler-Biografie“?
Ich hatte sicher ein besonderes autobiografisches Interesse daran, Hitler zu „knacken“, da ich Sohn einer sogenannten „Nazifamilie“ war, von der ich mich inclusive dem ganzen Milieu und Erbverzicht mit 36 Jahren getrennt habe. Meine Großmutter war die engste Schulfreundin von Görings zehn Jahre älterer Schwester. Das Nachdenken über Nazis begann daher bei mir schon früh.

Ihre vier Bände sind auch eine ständige Auseinandersetzung mit der Hitler-Literatur.
Das war nötig. Nur durch den Dschungel der Holzwege der anderen hindurch fand ich meinen eigenen Weg. Wie blind die Mehrheit der Biografen gegenüber der doch sehr spezifisch ausgeprägten Sexualität Hitlers ist! Sie scheinen sie zu fliehen. Die, die sich kümmern, stürzen sich auf Eva Braun und Geli Raubal. Einzige Ausnahme ist Lothar Machtan, der in „Hitlers Geheimnis“ Hitler als Homosexuellen zu erklären versucht.

Das tun Sie doch auch.
Aber es ist wenig damit gewonnen, wenn man den in Pasewalk gezündeten Serienkiller übersieht. Ich stieg auch in diese Frage intensiv ein und fand insgesamt acht Hitler in seiner Jugend nahe stehende Männer. Von Hitler 1 sind sogar Beziehungen zu jüdischen Männern belegt. Es gibt ein Gesetz unter Serienkillern: „Was sich liebt, das töt’ sich!“ Serienkiller töten die, auf die sie abfahren. Durch seine Pasewalker Hypnose mutierte Hitler vom Philosemiten zum Antisemiten, vom Juden-Liebhaber zum Juden-Zerstörer.

Hitler, ein Serienkiller, der nicht tötete?
Seine Nichte Angela Raubal hat er eigenhändig erschossen. Neunzig Jahre vermied Deutschland es, den Hitler-Nichten-Mordfall aufzurollen, als ob das geplagte Volk die Millionen befohlenen oder bewirkten Toten Hitlers aushalten kann, aber nicht den Fakt, dass einer seiner Staatslenker, Repräsentanten, eine junge Frau eigenhändig ermordet und mit diesem seinem Mord sich zum befehlend-delegierenden Millionen-Killer gemacht hat. Hitlers Nichte stand für ein Stück Rest-Humanität, das ihm nach der Verwandlung von Hitler 1 in Hitler 2 noch geblieben war. Die musste ausgelöscht werden, so dass er danach Orgasmen erzielen konnte, indem er Tötungsbefehle erteilte.

Orgasmen?
Die Schauspielerin Marianne Hoppe schildert, wie sie zusammen mit Hitler, Goebbels und anderen Nazigrößen im Kinosaal der Reichskanzlei „Der Rebell“ mit Luis Trenker sah. Es gibt eine Szene darin, in der steinigen die Tiroler Rebellen die französischen Soldaten. „Da“, erklärt Marianne Hoppe, „kriegte Hitler eine Art Erregung und hat so die Knie gerieben bei diesem Ereignis, wie die Steine da runter rollten auf die Franzosen drauf, und hat gestöhnt. Ich weiß nicht, ob er verrückt war, aber da kriegte er so eine Art Orgasmus... .“

Sind Sie verrückt?
Ich könnte mich rausreden und sagen: Niemand ist normal. Aber Schriftsteller müssen auf besondere Weise „verrückt“ sein, in dem Sinne von „abgerückt von der Allgemeinheit, neben allen und auch neben sich selbst stehend, damit sie Besonderes hervorbringen“. Doch wie alle „Ge-rückten“, erwische ich mich immer wieder dabei, dass ich denke, ich sei der einzig Gerade, Standhafte, der einzige Vernünftige! Das 20. Jahrhundert hat drei großen Massenmördern freien Lauf gelassen: Hitler, Stalin, Mao. Kaum jemand fragt sich, wie solche Monster zustande kommen, wie sie ganze Nationen nicht nur beherrschen, sondern begeistern konnten. Ohne Sozialpsychologie, Psychoanalyse und ohne Sexualpathologie, vor allem Männerforschung kommt man da nicht ran. Ohne sehr genaue Fall-Analysen geht schon gar nichts. Stellen Sie sich vor, wenn Hitler abends zu Bett ging, wusste er, der Tag hatte ihm Dutzende Morde, später Hunderte, dann Tausende und Zehntausende Quältötungen gebracht. Hitlers Dasein war erfüllt von seinem Wissen, dass zuerst in Deutschland und schließlich in ganz Europa durch ihn Millionen Menschen qualvoll umgebracht wurden. Das verschaffte ihm Befriedigung. Darum ging es ihm. Der Völkermord war nicht die Nebenwirkung einer Idee von Großgermania oder vom tausendjährigen Reich. Es kommt mir eher verrückt vor, an dieser Einsicht vorbei zu forschen.

Was kommt nach Adolf Hitler? Woran schreiben Sie jetzt?
Jetzt muss meine Serienkiller-Studie heraus, die das Ur-Buch zu dem Hitler-Zyklus war, zu ihm gehört und wonach dann wahrscheinlich „Hitler 1 und Hiter 2“ leichter verständlich wird.

Interview: Arno Widmann

Zur Person

Volker Elis Pilgrim, geboren 1942 in Wiesbaden als „von“ Pilgrim, war in den 70er und 80er Jahren einer der bekanntesten neuen deutschen Sachbuchautoren. „Der Untergang des Mannes“, „Der selbstbefriedigte Mensch“, „Muttersöhne“. „Vatersöhne“ und sein „Manifest für den freien Mann“ wurden damals viel gelesen und noch mehr diskutiert. „Dressur des Bösen“ zeigte die Familie als Ort der Gewalt und „Elternaustreibung“ war Pilgrims „Abschied von den Eltern.“ Die Hitler-Bücher: „Hitler 1 und Hitler 2“. Erstes Buch: „Das sexuelle Niemandsland“ (924 S.). Zweites Buch: „Von der Männerliebe zur Lust am Töten“ (824 S.). Drittes Buch: „Führers Militärgeheimnisse“ (960 S.). Viertes Buch: „Dr. Frankensteins Supergau“ (650 S.). Jeder Band kostet 28 Euro. Alle sind erschienen im Osburg Verlag in Hamburg.

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