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Hirn und Bauch erreichen

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Von: Sylvia Staude

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Kerle unter sich in Hofesh Shechters "Uprising".
Kerle unter sich in Hofesh Shechters "Uprising". © Regina Brocke

Das Stuttgarter Tanzfestival "Colours" startet mit Wumms, nämlich mit einem Abend israelischer Choreografen.

Kurz und launig begrüßt Oberbürgermeister Fritz Kuhn, ehe es losgeht, in der „Tanzstadt Stuttgart“. Und Eric Gauthier, zu guten Teilen verantwortlich für die „Tanzstadt Stuttgart“, wirbt noch schnell für den „Colours Kids Day“ im Zoo: Tänzer, Tiere, Sensationen, einen Tag lang in der Wilhelma. Gauthier, Chef der nach ihm benannten Dance Company, und Co-Organisator Meinrad Huber haben zum zweiten Mal Geld eingesammelt für ein großes Tanzfestival. Das heißt, für ein noch größeres als vor zwei Jahren, als „Colours“ startete, das schon im Namen die Vielfalt und Toleranz feiern will. Bis zum 23. Juli wird es im Stuttgarter Theaterhaus, wo Gauthier Dance beheimatet ist, Werke von einigen der angesagtesten Choreografen geben. Dazu Selbsttanz-Spektakel in der Stadt und verkleidete „Karneval der Tiere“-Tänzer im Zoo. Das zielt vermutlich auf den Zuschauernachwuchs. Der Frankokanadier Eric Gauthier, einst Primaballerino im Stuttgarter Ballett, versteht sich jedenfalls auf Charme-Offensiven.

Aber auch darauf, für seine Company Qualität einzukaufen, sogar von Choreografen, die ihre Arbeiten nicht jedem überlassen. Er habe sich in den israelischen Tanz verliebt, sagt Gauthier nun vor der ersten Festival-Aufführung. Und in der Tat kamen nur aus wenigen Ländern in den vergangenen Jahren, eigentlich schon Jahrzehnten, Choreografien von so hoher künstlerischer Überzeugungskraft. „MEGA Israel“ heißt nun der Eröffnungsabend des Festivals, getanzt von Gauthiers fabelhafter Company, und er vereint richtungsweisende ältere Werke von Ohad Naharin, inzwischen so etwas wie die Vaterfigur des israelischen Tanzes, von Hofesh Shechter und den gemeinsam arbeitenden Sharon Eyal und Gai Behar.

Der mit Pause rund dreistündige Abend eignet sich für die Überlegung, warum Tanz aus Israel die Bühnen erobert hat, Choreografen aus diesem kleinen Land nicht nur in Deutschland stark überrepräsentiert sind.

Ein Grund heißt gewiss Ohad Naharin. Die Arbeiten des 1952 Geborenen mit Israels größter Company, Batsheva, waren von Anfang an mehr als nur am Puls der Zeit. Sie waren Avantgarde, Grenzen überschreitend in Richtung Livekonzert, Performance, dazu einen bodenständig körperlichen Stil prägend, der von Naharin den lustigen Namen „Gaga“ erhielt und inzwischen auch in Workshops gelehrt wird. Fast alle jüngeren Choreografen haben irgendwann bei Batsheva getanzt, auch Hofesh Shechter, der inzwischen der Rockstar unter den international tätigen Choreografen ist. Ein Vorbild wie Naharin – oder einst William Forsythe, in Frankfurt – ist gerade im Tanz, der von Körper zu Körper weitergegeben werden muss, kaum zu überschätzen.

Die Stücke Naharins wie die Shechters scheuen sich nicht vor der unmittelbaren Wirkung furioser Ensembles und nachdrücklicher Bewegungsmotiv-Wiederholungen. In Stuttgart erinnerte jetzt Shechters „Uprising“ daran, wie er (in diesem Fall) ein reines Männerensemble, sieben Tänzer, jagen und abbremsen, auseinander stieben und sich schon zwei, drei Sekunden später im Unisono wieder zusammenfinden lässt. Charakteristisches ist hineingewebt in einen schnellen, kraftvollen Tanz: wildes Armeschlenkern, geschmeidiges Schlurfen, runde Rücken oder rückwärts gebogene Oberkörper, während die Hände in den Himmel – nein, nicht sich strecken und recken, eher ratlos zappeln. Man ist immer geneigt, diese Bewegungen zu interpretieren, ihnen eine manchmal auch mehr als allgemeinmenschliche, eine politische Bedeutung zu geben. Obwohl israelische Choreografen meist auf die Energie bewegter Körper setzen, den Wumms geradezu zu lieben scheinen, nimmt man diese Stücke als Zuschauer nicht als reinen Tanz wahr. Vermutlich, weil stets Emotionen mittransportiert, die Menschen auf der Bühne von innen heftig bewegt werden. Eine gewisse Dringlichkeit teilt sich mit.

Es wurden aber in Stuttgart nicht nur wie schon üblich für das Shechter-Stück, sondern auch für „Killer Pig“ von Sharon Eyal und Gai Behar Ohrenstöpsel verteilt. Denn ist der Tanz darin auch vergleichsweise zierlich – ein sechsköpfiges Frauenensemble trägt zwar keine Spitzenschuhe, steht aber über weite Strecken auf Zehenspitzen –, so schüttelt die Musik Hirn und Bauch ordentlich durch. Und auch hier sorgt der häufige Bewegungs-Gleichklang für Nachdruck – beziehungsweise, da die Tänzerinnen beigefarbene Bodies tragen, für Bewegungsborten wie sandsteinerne Tempelreliefs. Die Sprache ist hier eine künstlichere, fantastischere, auch verspieltere als bei Naharin und Shechter, aber sie sendet doch auch Signale aus, dass sie etwas meinen könnte.

„MEGA Israel“ ist ein lauter und wuchtiger Abend, ein dunkel grundiertes Fest des Tanzes. Im Verlauf des Festivals wird noch Hofesh Shechters eigene Company mit seinem jüngsten Streich zu sehen sein, „Grand Finale“ überschrieben. Beim Colours-Festival setzt Gauthier damit ein Zeichen, für einen Tanz, der alles andere als leichtgewichtig ist, der einen direkt bei den Gefühlen packt.

Als Frankfurterin ist man neidisch auf dieses biennale Festival und wäre es noch mehr, gäbe es nicht wenigstens im nahen Mainz inzwischen ein ebenfalls alle zwei Jahre stattfindendes Tanzfest. Aber die Worte von der „Tanzstadt Stuttgart“ taten doch weh, denn Frankfurt war einst mit dem Forsythe-Ballett, TAT und eigener Company am Mousonturm das Tanzzentrum der Republik. Hier ist nun diese Kunst so abgeräumt, dass einem nur bleibt, die unvorhergesehenen Schrecknisse aktueller Bahnfahrten nach Stuttgart in Kauf zu nehmen.  

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