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Die Himmelsscheibe als zwei-dimensionales Bild eines drei-dimensionalen Weltmodells.

Archäologie

Die Himmelsscheibe von Nebra

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Archäologe Harald Meller über die Himmelsscheibe von Nebra und den Versuch, Herrschaft und Kosmos zusammenzubringen.

Herr Meller, gibt es irgendwo auf der Welt etwas, das der ersten Fassung der Himmelsscheibe von Nebra vergleichbar ist, auf der ja nur der Mond und die Sterne zu sehen sind – ohne auch nur eine geringste Spur von Mythologie?
Eigentlich nicht. Das ist ja das Irrsinnige an unserer Scheibe. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich daran denke: Auf Himmelsdarstellungen des Altertums wimmelt es von Jungfrauen, Drachen und anderem mythologischen Getier. Hier aber sehen wir das Werk eines Menschen, der uns vertraut erscheint: ein Aufklärer, ein Agnostiker. Der Schöpfer der Himmelsscheibe kümmert sich nicht um Götter und Mythologien. Dem geht es ums pure Wissen. Und das in keiner der Hochkulturen des Altertums, sondern hier im dunklen Herzen Europas.

Woher kommt diese Rationalität?
Die Scheibe ist in ihrer Urversion ein Memogramm. Ihr Schöpfer verfügte über keine Schrift, er wollte eine Schaltregel, die vermutlich aus Mesopotamien stammt, festhalten. Mit ihr lassen sich das unterschiedlich lange Sonnen- und Mondjahr in Harmonie bringen. Damit hatte man zum ersten Mal einen taggenauen Kalender. Wie er das in ein Bild bannt, ist genial. Schön und einfach wie die Relativitätsformel: E=mc² . Ein Einstein der Bronzezeit!

Ich dachte, die Scheibe zeigte ursprünglich den Mond und 32 Sterne. Die Sonne sei erst dazugekommen, als in einer zweiten Phase die goldenen Bögen am Rand hinzugefügt wurden.
Für die Schaltregel sind Vollmond und Sichelmond entscheidend. Erst später werden rechts und links die beiden Horizontbögen befestigt. Sie markieren die Bereiche, in denen die Sonne zwischen den Sonnenwenden auf- und untergeht. Sehen Sie sich den Vollmond einmal ganz genau an. Hier ist eine kleine Korona. Sehen Sie diese feinen Strahlen? Das könnte darauf hindeuten, dass nun die Sonne gemeint ist.

Noch einmal: Gibt es solch einen mythologiefreien Himmel nicht irgendwo sonst in der Welt des Altertums?
Es gibt in der Unas-Pyramide eine über 4000 Jahre alte Sternendecke. Aber da sind Sterne dekorativ in Reih und Glied angeordnet – das ist keine Himmelsdarstellung. Da müssen Sie schon nach China gucken!

Wohin dort?
In der Grabkammer von Yuan Cha aus der nördlichen Wei-Zeit (386–534 n. Chr.). Fantastische Sternendecken. Das waren großartige Astronomen.

Keine Drachen oder Affen?
Völlig frei von jeder Mythologie. Reine Wissenschaft. Leider wurde nur wenig darüber publiziert. Ich war dort und tief beeindruckt. Aber die Deckenmalereien stammen aus der Zeit um 500 nach Christus. Unsere Scheibe ist 2300 Jahre älter!

Das Gold auf ihr kam aus England, das Kupfer aus den Alpen, die Technik aus Mykene und das Wissen aus dem Orient, schreiben Sie.
Am Anfang unserer Forschungen schoben wir alles, was auf allzu entfernte Ursprünge verwies, erst einmal weit weg. Nach und nach klärten uns die metallurgischen Untersuchungen aber auf, dass die Himmelsscheibe das Produkt einer Kultur sein musste, die eingebettet war in einen Fernhandel von Gegenständen und Wissen, der weit über unsere bis dahin gepflegten Vorstellungen hinausging.

Unweit des Fundortes der Himmelsscheibe gruben Sie mächtige Grabanlagen aus.
Die Fürstengräber von Leubingen und Helmsdorf sind schon vor mehr als 100 Jahren ausgegraben worden. Wir haben jetzt den größten Grabhügel der mitteleuropäischen Bronzezeit entdeckt. Zuvor waren die Männer mit ihren Waffen beerdigt worden. Jetzt durfte keiner mehr Waffen mit ins Grab nehmen, nur der Fürst. Der tat das im Übermaß. Außerdem fanden sich Langhäuser, in denen bis zu 100 Männer untergebracht waren, zu denen Waffendepots gehörten.

Das Gewaltmonopol des Staates!
Eine sehr moderne Formulierung. Aber unsere Funde sagen genau das: Der Einzelne hat keine Waffen mehr. Die gehören jetzt dem Fürsten, dem Staat. Und noch etwas: Die Siedlungen sind nicht befestigt. Keine Hinweise auf Überfälle oder Plünderungen. Das Land scheint befriedet. Die Bevölkerung ist besser ernährt als zuvor. Wir wissen aber noch nicht, wo die Truppen zum Einsatz kamen.

Womöglich an den Grenzen des Territoriums?
Wir suchen noch. Vielleicht waren die Truppen auch über das Reich verteilt, um Präsenz zu zeigen. „Territorium“ ist aber ein wichtiger Begriff. Das „Reich von Nebra“ unterscheidet sich von anderen frühen Staaten in wichtigen Punkten. Einer ist: Es liegt offen in der Landschaft. Im pharaonischen Ägypten zum Beispiel saß die Bevölkerung in einem Käfig. Rechts und links vom Nil begann bald die Wüste. Keine Alternative für die Bauern. Hier in Mitteldeutschland ist die Frage „Warum unterwerfen sich die Vielen dem Einen?“ nicht mit einem Hinweis auf die Waffengewalt allein zu beantworten.

Knechtschaft ist doch immer auch eine „freiwillige“.
Es muss auch eine stützende Ideologie geben. In Aunjetitz, im Reich von Nebra, ist es die gleiche wie an anderen Ecken der damaligen Welt, wo Staaten entstehen: Der Herrscher kennt die Bewegungen der Gestirne, des Mondes, er ist Vertrauter der Sonne – das ist seine Legitimation. Er ist an der Synchronisierung der Himmelskörper interessiert, die durch das Einfügen von Schaltmonaten erreicht wurde. Und die Konstitution des Staates, erklärte Pierre Bourdieu, fällt mit der Konstitution gemeinsamer zeitlicher Bezugspunkte zusammen. Sie erst schaffen eine „öffentliche Zeit“. Denken Sie an den aktuellen Streit über die Zeitumstellung.

Sie sprachen von den Unterschieden zwischen dem „Reich von Nebra“ und anderen frühen Staaten.
Wir haben uns angewöhnt, übermächtige Herrscher, gewaltige Grabanlagen, Gewaltmonopol, Schrift und Städte als die Kombination zu betrachten, die die ersten Staaten auszeichnet. Was ist ein Staat, fragen Sie? Ich denke, wenn sich eine Herrschaft über vierhundert Jahre über ein Territorium von 18 000 Quadratkilometern erstreckt, muss es eine Form von Bürokratie gegeben haben. Das Gewaltmonopol haben wir nachgewiesen. Die Grabfunde zeigen uns eine durchhierarchisierte Gesellschaft. Das ist also keine Stammesgesellschaft mehr. Das ist ein Staat. Auch wenn Schrift und Städte fehlen, beweist die Himmelsscheibe, dass es Elitewissen gab. Deshalb halten wir es nicht für übertrieben, von Königen zu sprechen. Nebra zeigt eine andere Möglichkeit der Entstehung des Staates. Das gehört zu den ganz neuen, unser Bild von der Entwicklung der Menschheit revolutionierenden Entdeckungen.

Wer sind die Nebraner?
Das ist lustig. Wir haben den Fund Himmelsscheibe von Nebra genannt, obwohl er im Wald von Ziegelroda entdeckt wurde. Nebra ist prägnanter und in mehr Sprachen auszusprechen. Und jetzt reden Sie von den Nebranern!

Ein PR-Name?
Ja, aber nicht frei erfunden, sondern nach der nächstgrößeren Stadt benannt. So viel Freiheit muss sein.

Jetzt haben Sie zu der Himmelsscheibe gleich einen ganzen Staat hinzuerfunden.
Gefunden. Wir sind Archäologen. Wir finden. Allerdings interpretieren wir auch unsere Funde. Das sind keine Stammeshäuptlinge, sondern die Herren über ein Territorium, die Herren über die neue Bronzeherstellung, und sie kontrollieren den Handel. Solange sie das Sagen hatten, gelangte kein Bernstein aus dem Norden nach Süden und keine Bronze nach Skandinavien.

Und die Nebraner?
Die Genetik zeigt, dass sie aus zwei martialischen Kulturen entstanden sind, die sich im Grabe umdrehen würden, wenn sie wüssten, dass man sie nach ihrer Keramik benennt: Erst kamen die Schnurkeramiker zu Pferd, mit Pfeil und Bogen, aus der Steppe des Ostens. Sie brachten wohl das Indoeuropäische mit. Die Glockenbecherleute kamen später, sie waren auch nach England eingedrungen.

Der erste Versuch, einen Staat in Mitteleuropa zu errichten, war das Werk einer Einwanderungswelle?
Mehrerer. Ihre Verbindung brachte den Nebra-Staat hervor. Gehen Sie nach Pömmelte. Zuerst war dort ein Heiligtum der Schnurkeramiker, dann bauten die Glockenbecherleute eine monumentale, von Stonehenge inspirierte Kreisgrabenanlage. Die Anlage wurde etwa von 2300 bis 2050 vor Christus genutzt, wandelt sich dann aber in Richtung Aunjetitz-Kultur. In Pömmelte fanden Menschenopfer statt. Es ist womöglich der grausige Anfang der Staatsbildung, wie wir es ebenfalls in Ägypten, in Ur, im alten China oder bei Azteken und Mayas sehen. Der Staat beruht eben nicht auf einem Vertrag, sondern auf Gewalt. 1 300 Meter weiter entstand später ein neues Heiligtum: Schönebeck. Auch mit Gräben, Palisaden und einer Arena. Aber hier gab es keine Menschenopfer und keinen Ahnenkult mehr. Schönebeck entstand, als die zur Macht gelangten Fürsten alle Rivalen ausgeschaltet hatten. Es fand sich nicht eine Scherbe, die noch auf die Glockenbecherkultur hingewiesen hätte. Das war Aunjetitz in Reinkultur! Die neue Welt.

Auch sie ging zu Ende.
Staaten leben von der Ungleichheit, und sie produzieren sie. Sie schaffen Frieden und führen Kriege. Die Menschen ertragen die Ungleichheit sehr lange. Es macht den meisten nicht viel aus, solange sie für ihr Leben sorgen können. Der Abstand zwischen den Reichen und den Habenichtsen kann gewaltig zunehmen, solange den Habenichtsen nicht die Hoffnung genommen wird, doch einmal etwas zu haben.

Wollen Sie sagen, das Reich von Nebra sei zusammengebrochen, weil die Schere zwischen Arm und Reich zu weit auseinandergegangen ist?
Wir haben keine Zeichen für eine Revolution. Aber wir haben die Himmelsscheibe. Sie war 1600 vor Christus schon lange nicht mehr das Dokument eines rationalen Blicks in den Himmel, sondern zum heiligen Objekt der Nebra-Religion geworden. Dann wurde sie auf einem Berg geopfert. Zuvor war vermutlich die Sonne tagelang verdeckt. Vielleicht hatte es Asche geregnet. Ursache für diese unvorhergesehenen, beunruhigenden Zeichen war der Ausbruch des Vulkans von Thera, auf dem heutigen Santorin. Er war der Anfang vom Ende der minoischen Kultur und auch der zweitausend Kilometer entfernten von Nebra. Die Glaubwürdigkeit der Herrscher war erschüttert. Die kosmischen Mächte mussten besänftigt werden. Dafür wurde das Kostbarste geopfert: die Himmelsscheibe.

Jetzt haben Sie uns zum Schluss einen Knalleffekt geliefert wie in einem Hollywoodfilm.
Da die Daten übereinstimmen, scheint es mir eine sehr plausible Hypothese. Aber das ist nicht alles, lesen Sie das Buch. Da finden Sie auch die Geschichten von wissensdurstigen Reisenden, die aus Nebra ins Babylonien des Hammurabi oder sogar nach Ägypten zogen.

Sie zeigen, dass es zwischen 2000 und 1600 vor Christus in der Umgebung von Halle einen Staat gab, dass der dann wieder verschwand und erst ein paar Jahrtausende vergehen mussten, bis es hier wieder einen Staat gab.
Der Staat ist eben nicht alles. Historiker arbeiten über einen Abschnitt von vier- bis fünftausend Jahren. Sie beschreiben fast immer Staatsgeschichte. Wir Vorgeschichtler überblicken viel weitere Räume. Menschen gibt es, wenn wir den Homo erectus mit dazunehmen, seit zwei Millionen Jahren. Ein solcher Blick verändert das Bild unserer Spezies. Gewalt zum Beispiel gab es immer, Krieg aber begann sich erst langsam vor etwa zehntausend Jahren zu entwickeln.

Für die Historiker aber ist er der Vater aller Dinge.
Vorgeschichtler wissen auch, dass Jäger und Sammler wesentlich gesünder lebten als Bauern. Krankheitserreger wie Masern- oder Grippeviren sprangen von den neu domestizierten Haustieren auf die Menschen über. Die Sesshaftigkeit ermöglichte die Hortung großen Reichtums, aber auch dessen Raub. Wer nur auf den kurzen Moment der letzten fünftausend Jahre blickt, der nimmt als selbstverständlich, was doch nur eine junge und offensichtlich selbstmörderische Entwicklung ist. Die Vorgeschichte lehrt: Staaten kommen und gehen. Das Reich von Nebra mag großartig gewesen sein, den meisten Menschen wird es nach seinem Ende aber nicht schlechter gegangen sein.

Interview: Arno Widmann

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