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Das Jüngste Gericht im Tympanon der Kathedrale von Bourges, Frankreich.

Spiritualität

Himmel oder Hölle: Wie es ist, ist es nicht gut

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Wo auch immer Menschen sich das Jenseits vorgestellt haben, hat es sie im Diesseits zutiefst beunruhigt.

Am Anfang ein wahres Wort:  „Das Jenseits entstand, als die Götter und die Toten aus dem Leben der Menschen verdrängt wurden.“ Und da der Autor sah, dass sein Satz gut so ist, fährt er fort: „Die frühe Menschheit teilte den eigenen Lebensraum mit Göttern, Geistern und Dämonen, auch mit den Toten. Dann wiesen frühe Denker den Göttern hohe, unzugängliche Berge als Wohnsitz zu, den Toten aber Höhlen und entlegene Schluchten. Solche Randzonen des menschlichen Lebensraums sind frühe Formen des Jenseits.“

Seit Jahrtausenden gibt es einen starken Zug ins Jenseits, woran kürzlich der Religionswissenschaftler Bernhard Lang in einer kurzen Kulturgeschichte des Himmels, der Hölle und des Paradieses (C.H. Beck Verlag) erinnert hat. Weil man daran erinnern muss? Daran, dass sich der Mensch seine Destinationen, die Orte seiner letzten Bestimmung, äußert unterschiedlich und vielgestaltig vorgestellt hat? Tatsächlich geschah es in kräftigen Farben, doch weil es dabei stets um alles ging, um Himmel oder Hölle, wurde die Alternative auch beherrscht von einem Schwarzweißdenken.

Gebannt vom Jenseits zeigte sich schon der antike Mensch

Dass aber alle Jenseitsbeschäftigung kulturell äußert ergiebig war (und nicht, wie man heute womöglich glauben möchte, nur noch lästig oder lächerlich ist), belegt erneut Langs schmale Neuerscheinung, mit der er eine ältere, anders gewichtete Darstellung ablöst. Darin der so aufschlussreiche Satz, dass mit „jedem Wandel des Menschenbildes“ ein „Wandel der Vorstellung von Himmel und Hölle“ einhergegangen ist. Die Vorstellung von Himmel und Hölle war stets so etwas wie ein Spiegel des Menschenbildes.

„Die Pforten der Unterwelt waren Tag und Nacht geöffnet. Aus den ursprünglich magischen Vorstellungen entwickelte die christliche Kirche demagogische Fiktionen.“

Gebannt vom Jenseits zeigte sich schon der antike Mensch, wiewohl erst das Christentum die Vorstellung von einem außerirdischen Jenseits entwickelte, anstelle einer innerweltlichen Idee eine außerweltliche Vision. Man vergisst, dass sich der Gott der Christen erst seiner Widersacher entledigen musste, nein, nicht nur den Satan vertrieb, sondern, so steht es geschrieben, seine Söhne dem Tod preisgab. Bei der Revolution im Himmel rollten Köpfe, anstelle eines aristokratischen Systems wurde ein, so Lang, autokratisches etabliert. Krieg im vorchristlichen Himmel - man darf sogar schlussfolgern: eine Art Bürgerkrieg.

Das Jenseits ist keine Erfindung   des Christentums, Texte und Tafeln, Schrift und Bilder weisen hin auf ausgeklügelte Jenseitsvorstellungen bereits bei den Assyrern, Sumerern und Babyloniern. Das Bild eines Gottes mit Bart, in einem knöchellangen Gewand, den Arm erhoben zum Segensgruß, über der Gestalt eine Mondsichel, darunter ein ägyptisches Henkelkreuz, befand sich auf einem althebräischen Siegel – Jahwe als ein personaler Gott. Ihn um 700 v. Chr. so darzustellen, zeigt heute noch, dass das Verbot, sich von ihm ein Bildnis zu machen, noch nicht galt. Es setzte sich, alles hat seine Zeit, erst 200 Jahre später durch.

Lange bevor die ersten Legenden der hebräischen Bibel aufgezeichnet wurden, war bereits 2000 Jahre vor der Zeitenwende im Gilgamesch-Epos von einem Land ohne Wiederkehr die Rede. Auch das Seelengericht ist keine Erfindung des Christentums, schon im Alten Ägypten sah ein jeder Toter der „Seelenwägung“ entgegen; den Lebenden als Mahnung vor Augen stand die Waage auf Reliefs oder Malereien.

Hölle fand erst spät Eingang in die biblische Religion

Nicht zu vergessen der in den Tiefen der Erde gelegene jüdische Scheol als ein Ort der Gerichtsbarkeit. Es war eine längere Entwicklung, bis der Scheolglaube, der auf einen Ort totaler Verdammnis fixiert war, sich dem Himmel zuwandte. Der Aufstieg erfolgte unter dem Einfluss der Leviten, die als Viehzüchter den Himmel verehrten, während die bäuerliche Bevölkerung dem Scheolglauben anhing. Die unterschiedlichen Kulturformen von Ackerbau und Viehzucht brachten eine Konkurrenz des Glaubens hervor. Jüdischer Scheol wurde ebenso wie griechischer Hades oder römischer Orkus zu einer ersten Adresse der Verdammnis, in die die Hochmütigen, sich zum Himmel erhebend, „kopfüber“ hinabfuhren. Allerdings fand der Strafort Hölle erst spät Eingang in die biblische Religion, um dann maßgeblich von einem der Kirchenväter, dem Bischof von Hippo, Augustinus (354-430) zu einer „unbarmherzigen Theologie der Hölle“ (Lang) ausformuliert zu werden. Im Lehrgebäude des Augustinus war die Hölle das besonders gnadenloses Verlies einer Phantasie, die christlich motiviert war.

Was er sah, war die Hölle.  Vier Tage wanderte der Dichter, erkennbar angeekelt, unübersehbar aufgewühlt. Das Epos, dass der 1265 in Florenz geborene Dante Alighieri zwischen 1306 und 1321 schrieb, führte ins Inferno, durch die Hölle, durch das Fegefeuer, um ins Paradies, in den Himmel aufzusteigen. Sehr unterschiedliche Tore bildeten die Schwelle in ein Jenseits, mit dunklen Lettern furchtbar überschrieben war das Höllentor: „Die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.“ Dagegen in der „Aeneas“ des vorchristlichen Römers Vergil (70-19 v. Chr.) gab es noch einen Ausweg aus der Unterwelt durch eine Pforte aus Elfenbein.

Lebendigkeit, Farbigkeit – mit einem Wort: Anschaulichkeit hatte bereits die Höllendarstellung Vergils ausgezeichnet. Dieser antike Intimkenner der Hölle bot sich nun dem Mittelaltermenschen Dante als Führer durch das Jenseits an. Aus dem Zusammentreffen der beiden Dichter entwickelte sich ein Kosmos von gewaltiger poetischer Phantasie – um hier nun einen weiteren gewaltigen Zeitsprung zu unternehmen, von der Renaissance zu einem Gedanken des Jahrhunderttheologen Karl Rahner, der auf seine letzte Tagen hin, 1984, mit dem traditionellen Himmelsglauben ins Gericht ging. Mit einer Phantasie, die das Leben nach dem Tod zu sehr „mit Wirklichkeiten ausstaffiert, die uns hier vertraut sind als Weiterleben“, so dass die „radikale Unbegreiflichkeit dessen, was mit ewigem Leben gemeint ist, verharmlost wird“.

Diesseits und Jenseits,  wie wir es heute nennen, ist eine Wortschöpfung des Systematikers Hegel, der in Gegensätzen dachte. Der Vernunftglaube war seit der Aufklärung entschieden auf Abstand zu Himmel und Hölle gegangen. Erfolgreich behauptete sich die Philosophie gegen das Unten-und-Oben-Modell der Theologie - doch gehörte zum kulturellen Aufbruch der Renaissance nicht auch die Vorstellung, dass „Gott und Menschen nicht mehr als einander entfremdete Gegenspieler gesehen wurden, sondern als in Harmonie lebende Partner“, so dass die „menschliche Seite des Himmels in den Vordergrund trat“, betont Lang bereits 1990 in seiner umfangreichen Kulturgeschichte des Himmels.

„Himmel und Hölle“ - Versimpelung des Jenseits

Enorm einflussreich wurde die Vision Emanuel Swedenborgs (1688-1772), sein Buch „Himmel und Hölle“ wurde ein Bestseller der Barockzeit. Der Mensch sei geschaffen, „damit er in den Himmel komme und zum Engel werde“. Die vom Autor behaupteten Jenseitskontakte hatten ihn Engel in deren Wohnungen von „Angesicht zu Angesicht“ schauen lassen. Swedenborg vermittelte von der von ihm konstruierten Geisterwelt ein optimistisches Weltbild, auffallend urban geprägt. Bewirtschaftet und kultiviert wurde das Jenseits durch Wesen, die einem Beruf nachgingen. Eine der Verheißungen des Elysiums war die Erotik, und erstrebenswert war es auch, dass dort (nein, keine babylonische Sprachverwirrung) eine einheitliche Sprache gesprochen wurde. Man war als Engel unter seinesgleichen, homogene Verhältnisse im Himmel ebenso wie in der Hölle.

Swedenborgs „Himmel und Hölle“ erschien 1758, seine Versimpelung des Jenseits mochte von suggestiver Anschaulichkeit sein, bot Anlass zum Spott, namentlich Immanuel Kant spitzte 1776 seine Kritik an den „Träumen eines Geistersehers“ in seiner gleichnamigen Schrift satirisch zu. Der Himmel als erotischer Hain, als auf Wolken schwebende bukolische Landschaft – mit Argumenten bestritt der Naturalismus der Chemiker, Physiker und Biologen jedwedes Jenseits, massiv trat der philosophische Materialismus der Spekulation über eine Seele entgegen. Zur Erfolgsgeschichte der Diesseits-Jenseits-Unterscheidung des Dialektikers Hegel gehört, dass die Religionskritik sie umgehend aufgriff, angefangen mit dem radikalen Jenseitskritiker Ludwig Feuerbach, gefolgt von Karl Marx.

Das epochale Ereignis in der Geschichte der Jenseitswelten, so Lang, war der Abschied vom Jenseits – ein Abschied, mit dem der Religionswissenschaftler allerdings hadert. So unternimmt er beträchtliche Anstrengungen für eine Theologie des Jenseits, allerdings eine, die die Hölle ignoriert und sich vielmehr vollständig auf den Himmel konzentriert.

Keine Hölle mehr, so hält Lang fest, in der Lutherbibel seit 2017. Ein Fortschritt in der protestantischen Theologie? Auf jeden Fall eine Rückbesinnung darauf, dass die Hölle erst spät Eingang fand in die biblische Religion. In den Büchern der hebräischen Bibel wurde die Hölle erst spät entdeckt, stimuliert durch Kulturkontakte mit anderen Religionen mit bereits „fest etablierten Höllentraditionen“ (Georges Minois), steigt die Hölle in der biblischen Tradition erst im 3. Jahrhundert zum Ort der Bestrafung und schrecklichen Peinigung auf. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn es in der Gehenna nicht nur von Skorpionen wimmelt, sondern die Verdammten unter dem Zwang stehen, ihre eigenen Glieder zu verzehren.

Die Geburt des Fegefeuers

Anfangs zögerlich wird die Hölle auch in das Neue Testament eingeführt, doch innerhalb von einem Jahrhundert wird sie immer vehementer erwähnt. Anstelle einer nur vagen Vorstellung in den um 50 n. Chr. entstandenen Paulusbriefen nimmt sie in den Evangelien immer krassere Konturen an, schließlich schreckliche Gestalt in der Johannes-Offenbarung. Vorbei ist es mit der „Diskretion“, so Georges Minois, mit der Paulus über den Abstieg Jesu in das Totenreich sprach. Dass die Hölle seit dem Mittelalter zu einem Ort ohne Wiederkehr wurde, geht auf das Konto der Kirchenväter.

Die Pforten der Unterwelt waren, wie wohl jedes Christenkind wusste und weshalb es zitterte, Tag und Nacht geöffnet. Aus den magischen Vorstellungen der vorchristlichen Kirche entwickelte die christliche demagogische Fiktionen. Dem Höllenglauben hilflos ausgesetzt, lebte der Mittelaltermensch in der Gegenwart ständiger Angst, in Erwartung einer schrecklichen Zukunft. Maßlose Bestrafungsphantasien wurden entwickelt, die maßlosen Finessen, mit der immer neue, immer grauenvollere Strafen erfunden wurden, sprechen für ein perverses Menschenbild.

Auch die Geburt des Fegefeuers kann auf das Mittelalter datiert werden, Jacques Le Goff hat es als Ausgeburt der katholischen Theologie analysiert und als innerweltliches Mittel der Disziplinierung entlarvt – in der Tradition der Aufklärung, die dem Dogma der Kirche hart zusetzte. Dabei sollte man nicht vergessen, dass die Papstkirche vor Jahrzehnten bereits zu ihrem Konzept der Hölle auf Abstand ging; 1971 geschah es verschwiegen und vage durch das Vatikanische Konzil.

Verblieben als eine Einrichtung des Jenseitsist der Himmel. Als das Andere schlechthin, schier unbegreiflich. Wenn man allerdings den Gedanken ernst nimmt, dass die Fiktion des Jenseits immer schon abhängig war von der Verfassung des Menschen, seiner geistigen und emotionalen Vorstellungskraft, seiner religiösen und metaphysischen Phantasie, wenn also der Wandel der Vorstellung vom Himmel einhergegangen ist mit dem Veränderungen des Menschenbildes, so dass sich in der Himmelsschau immer auch ein Menschenbild gespiegelt hat, dann kann man gut verstehen, warum der Philosoph und Religionswissenschaftler Hans Jonas vor fast einem halben Jahrhundert meinte, dass der „heutige Mensch dem Gedanken der Unsterblichkeit nicht geneigt ist“.

Der moderne Himmel ist abstrakt geworden

Jonas brachte den Gedanken am 4. Mai 1961 in einer Kapelle von Harvard in Cambridge, Massachusetts, unter die Menschen – für Lang war es 1990 zusammen mit seinem Koautor McDannel die „Geburt einer Theologie ohne Himmel“. Der moderne Himmel entstand im 19. Jahrhundert und erlebte seine Blütezeit, als er der Himmelsglaube enorm unter Druck geriet. Das bürgerliche Zeitalter produzierte eine Schwemme von Bildergeschichten, auf die abstrakten theologischen Konstruktionen reagierte nicht nur das viktorianische Zeitalter mit trivialen Homestorys aus dem Himmel.

Was ist der Himmel heute? Eine kritische Theologie versagt sich bewusst der Anschaulichkeit, anders als die Esoterik. Als geistiges Prinzip erscheint er als eine außerirdische Alternative. Der moderne Himmel ist abstrakt geworden, auch der in Münster lehrende und, wie man sich erinnert, nicht nur Münster beunruhigende Karl Rahner weigerte sich bewusst, sich den Himmel anschaulich vorzustellen – also „ziemlich primitiv“.

Kein Jenseitserwartenund kein Schaun nach drüben“, so zitiert Lang Rainer Maria Rilke aus dessen „Stunden-Buch“, denn übersehbar ein heimliches Schauen und Schielen auch unter Agnostikern und Atheisten. Oder etwa nicht, in einer schwachen Stunde? Vielleicht in einem sentimentalen Moment, gegen die auch eine „kritische, rationale Reflexionskultur“ (Lang) sich nicht unter allem Umständen imprägnieren kann. Zumal dann nicht, wenn ein Trostbedürfnis ins Spiel kommt.

Seit der Geburt des Jenseits ist der Mensch ein trostbedürftiges und untröstliches Wesen. Über den Satz „Trost fand sich außerhalb und jenseits der Welt“, hat besonders intensiv der münstersche Philosoph Hans Blumenberg nachgedacht. Blumenberg, der wie kein zweiter Philosoph des 20. Jahrhunderts die „Genesis der kopernikanischen Welt“ analysiert hat, der rekonstruiert hat, wie die Fernrohre des Johannes Kepler, Kopernikus und Galilei anstelle eines Firmaments vielmehr die unendlichen Weiten des Weltraums vorfanden, blieb beunruhigt und besorgt. Die Verbannung des theologischen Himmels aus dem Weltall verlangte nach der Suche nach einem innerweltlichen Sinn. Blumenberg pochte darauf, dass der Mensch ein Wesen ist, welches aus „seiner Vorgeschichte heraus nicht beliebig flüchten kann“. Trostbedürftig wie der Mensch ist, ist der Trost immerhin eine „Form der Distanzierung von der Wirklichkeit“, wie untröstlich der Distanzversuch auch endet.

Seit der Aufklärung kann sich die Weltanschauung auf eine Ignoranz gegenüber dem Himmel berufen. Wie auch immer Glaube und Wissen zueinander stehen (gleichgültig, friedlich, feindlich oder versöhnt), das Verhältnis von reflektiertem Verstand und sentimentaler Hoffnung lässt sich austarieren, ausbalancieren, aber nicht stillstellen, denn das wäre bitter. Die Kompromiss-, ja Rücksichtslosigkeiten einer radikalen Vernunft hinzunehmen ohne Widerstand und Gegenmaßnahmen käme einer Selbstaufgabe gleich, einer trostlosen Kapitulation des Humanen vor dem, wie die Dinge nun einmal sind. Denn wie sie sind, ist es nicht gut.

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