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Callaway, Florida in diesen Tagen.

Stadtplanung

Himmel und Erde

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Architektur und Extremwetter: Wie wir auf den Klimawandel urbanistisch reagieren müssen.

Der bekannteste weise Narr der islamischen Welt ist Nasreddin Hodscha, der im 13. Jahrhundert in Anatolien gelebt haben soll. Noch heute erzählt man sich unter Türken seine Geschichten. Eine davon geht so: Nasreddin betrat ein Teehaus und verkündete: „Der Mond ist nützlicher als die Sonne.“ Die Leute waren erstaunt und fragten, warum. Seine lakonische Antwort: „Weil wir in der Nacht das Licht nötiger brauchen.“

Mitunter kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass die Politik ähnlich luzide Erkenntnisse in Bezug auf den Klimawandel hat. Dabei liegt es doch eigentlich auf der Hand, welche Sprengkraft das Thema mittlerweile in sich birgt; unübersehbar in diesen Tagen die Bilder aus Florida, Sardinien, Mallorca. Seit 20 Jahren sind weder Himmel noch Erde, was sie zuvor gewesen waren. Heute ist jedes Satellitenbild eine öffentliche Angelegenheit, eine Nachricht: die neueste Momentaufnahme in der Lebensgeschichte unseres Planeten. Holzschnittartig gesagt: Die Durchschnittstemperaturen steigen weiter; die so genannten Starkregenereignisse werden zunehmen und es wird, verstärkt noch durch die Bautätigkeit des Menschen, öfter zu Hochwasser kommen.

Es wäre naiv, anzunehmen, dies bliebe ohne Konsequenzen für Architektur, Städtebau, Freiraumplanung. Dass sich Dörfer und Landschaften durch Solarzellendächer verändert haben, dass feingliedrige Altbaufenster den robusten und luftdichten und wärmeschützenden Glasentwicklungen der einschlägigen Industrie weichen mussten, dass Stück um Stück Häuser dick und dicht verpackt werden: All dies sind dabei lediglich Teilaspekte.

 Denn die klimatische Perspektive wirkt als Elementarisierung, sie macht eine kreatürliche Situation sichtbar. Das Klima erweist sich als eine Art Ort, an dem die künstlichen, von Naturwissenschaft und Technik generierten Bilder unmittelbar auf das Lebensgefühl der Zeitgenossen durchgreifen. Und zwar gerade in den Städten. Die Hitze während der vergangenen Sommermonate hat uns diesbezüglich Mores gelehrt. Hinzu kommt, dass wir binnen einiger Jahre schon zwei „Jahrhundert-Hochwasser“ in Deutschland zu verzeichnen hatten. Die Witterungsextreme nehmen, auch hierzulande, signifikant zu; Klimakatastrophen häufen sich weltweit.

Exemplarisch seien hier zwei Aspekte an gesprochen, die namentlich in den Städten zu Buche schlagen. Zum einen die Hitzeperioden: In vielen Quartieren kühlt die Luft nachts nicht mehr ab. Während im Umland an einem sehr heißen Sommertag gegen Mitternacht die Temperatur auf, sagen wir, 18 Grad sinkt, bleibt sie in den dicht bebauten Innenstädten bei 28 Grad. Und dieses Problem verschärft sich, weil die Hitzewellen nicht mehr bloß zwei, drei Tage dauern, sondern, wie zuletzt, Wochen. Wenn es nachts während der Ruhephase heiß bleibt, fehlt die Erholung – und das kann vor allem für alte und kranke Menschen tödliche Folgen haben.

Lösungsansätze dafür sind bekannt: mehr Grün, mehr Wasserflächen, Erhalt und Ausbau der Frischluftkorridore, um dem Aufheizen der Metropolen entgegenzuwirken und die kühle Luft aus dem Umland ins Urbane zu leiten. Doch das Freihalten von sogenannten Kaltluftschneisen, d as heißt größeren zusammenhängenden Grünräumen, die sich weit in die Stadt hinein verzweigen, steht unter enormen Konkurrenzdruck durch andere Nutzungen (aktuell etwa für den Wohnungsbau).

Zum anderen der Extremregen: Diesbezüglich wird seit einiger Zeit das Konzept der sogenannten Schwammstadt (Sponge City) breit diskutiert. Grundsätzlich gilt, dass das Wasser nicht mehr, wie früher, schnell in Rohre und Kanäle abgeleitet, sondern möglichst lange zurückgehalten werden sollte, um zu größeren Teilen als in der Vergangenheit üblich zu versickern oder zu verdunsten. Tiefbeete, Zurückhaltungssysteme auf dem Dach, dezentrale Mulden und Rigolen, also Pufferspeicher, durchlässige Befestigungen, Wasserspeicher und mechanische Drosselelemente können zusammen eine außerordentliche Wirkung erzeugen. Und Überschwemmungsflächen lassen sich so gestalten, dass sie die meiste Zeit als öffentliche Grünräume Aufenthaltsqualitäten bieten, etwa indem Uferbereiche terrassiert werden.

 Abhilfe können hier nur urbane Resilienzstrategien schaffen. Sie rücken von der Vorstellung ab, Raum möglichst effizient zu nutzen. Stattdessen werden Toleranzen eingebaut, Puffer gebildet, die zeitgleich zu räumlich-qualitativem Mehrwert führen sollen. In Chicago hat man seit 2006 einhundert Green Alleys eingerichtet, deren wasserdurchlässige Versiegelung als Filter für Niederschlags- und Hochwasser wirkt.

In Kopenhagens Stadtteil Østerbro leisten kommunale Projekte wie der Tåsinge Plads einen Beitrag gegen steigende Niederschläge und Meeresspiegel. Gestalteter Freiraum wird zur Retentionsfläche: Regenwasser wird in unterirdische Tanks geführt. In Hamburg sollen Deiche nicht nur erhöht, sondern zudem versetzt werden, um die Überschwemmungsebene zu vergrößern und so Schäden durch Elbfluten zu vermeiden. Eine Versicherungspflicht gegenüber Elementarschadensereignissen böte Anreiz für das Umsetzen von präventiven Maßnahmen, die die Schadensausmaße reduzieren helfen. Das entlässt jedoch die Allgemeinheit nicht aus der Pflicht. Denn ein gerechter Lastenausgleich zwischen privater und gemeinschaftlicher Verantwortung ist erforderlich.

 Es zeichnet sich immer mehr ab, dass das Ziel der Weltgemeinschaft, die Erwärmung auf maxi-mal zwei Grad gegenüber dem postindustriellen Niveau zu begrenzen, nicht erreicht wird. Der Umgang mit den Folgen und Wirkungen des Klimawandels ist deshalb eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Eine Anpassung gerade im urbanen Raum ist notwendig, um Schäden so gering wie möglich zu halten. Hierbei spielt auch das Grün am und auf dem Gebäude eine wichtige Rolle: Begrünungen sorgen für Verdunstungskühlung und ausgleichende Luftbefeuchtung, binden Stäube und regulieren das Stadtklima. An den Fassaden entfaltet es hitzemildernd Wirkung, da die Abstrahlung einer Hauswand spürbar vermindert wird. Auf dem Dach wirkt es dem Wärmeinseleffekt entgegen und verhindert das Aufheizen von Gebäuden. Gleichzeitig verzögert es den oberirdischen Abfluss von Wasser.

 Wie können unsere Städte insgesamt resilienter gegenüber Klimarisiken werden? Es ist so richtig wie notwendig, eine Vision von klimagerechten und CO²-neutralen Städten und Regionen zu entwickeln. Einerseits geht es um die Frage, wie mit Unsicherheiten und/oder Ungewissheiten in der Planung umzugehen ist. Mit anderen Worten: Wir müssen klären, ob und inwieweit ein Risikomanagement auf einer solchen Basis geeignet ist, in der Praxis die Klimarisiken bzw. die Verletzungsanfälligkeiten an unseren Infrastruktursystemen zu begrenzen.

Andererseits müssen wir uns mit der Verankerung – genauer: einer besseren Verankerung – von integrierten Klimaschutz- und Klimaanpassungsstrategien im „alltäglichen Handeln“ beschäftigen: nicht nur in der Regionalplanung oder der Stadtentwicklung, sondern auch bei den privaten Bauherren und Immobilieneigentümern. Zudem ganz dezidiert stellt sich die Frage nach einer sinnvollen Verzahnung der einzelnen Klimaschutzmaßnahmen (z.B. in den Fachplanungen, beim Technologieeinsatz), um tatsächlich Synergien nutzen zu können und bei Zielkonflikten – die es zuhauf gibt – frühzeitig Lösungswege zu finden.

All das berührt die Frage nach der Rationalität planenden Handelns. Rekurriert man auf den Begriff des „prinzipiellen Irrtumsvorbehalts“ (Johann Jessen), dann ist Planung in dem Maße rational, wie sie Irrtümer und Fehler erlaubt, ihre Ergebnisse also auch wieder zurückgenommen werden können. Prekäre Umweltsituationen wie Extremwetterereignisse spiegeln sich in den räumlichen und sozialen Dimensionen des Alltagslebens der Betroffenen. Weil es keine exakten Wirkungsanalysen zum Klimawandel gibt, weil wir nicht alle Risiken und Verwundbarkeiten in unseren siedlungsräumlichen Konstellation kennen, brauchen wir strategische Ansätze, die im Zweifel revidierbar, also fehlerfreundlich sind. Das sollten wir aus der vorherigen Debatte über die Atomtechnik eigentlich gelernt haben.

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