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Hildebrandts Mitleid mit Uli Hoeneß

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Dieter Hildebrandt: Und jetzt zeige ich euch noch einen zünftigen Rap.
Dieter Hildebrandt: Und jetzt zeige ich euch noch einen zünftigen Rap. © picture alliance / dpa

Er watscht Bushido ab mit einem donnernden Rap, dass es nur kracht und kümmert sich um Uli Hoeneß: Der Kabarettist bringt den Wintergarten in Stimmung.

Von Birgit Walter

Hat der Kachelmann nun die Alice Schwarzer vergewaltigt oder nicht? Wissen Sie das?“ Dieser und anderen ungeklärten juristischen Fragen ging an den letzten zwei Tagen der Kabarettist Dieter Hildebrandt im Wintergarten-Varieté nach. Seherisch schlussfolgerte er: Vor dem Gesetz sind alle gleich. Aber doch nicht gleich alle! Und alle sollen auch nicht überall hin, zum Beispiel zu diesem Prozess in dem winzig kleinen Gerichtssaal, weil es in Bayern bekanntlich nur winzig kleine Säle gibt. Aber der Berichterstatter seines heimischen Anzeigenblättchens „Hallo Perlach“, der habe ja seinen Los-Platz gewonnen, der schon! Wozu da noch Süddeutsche und FAZ? Das Publikum möge trotzdem nicht verzagen, es bekomme schon alles gesagt, was es wissen dürfe.

Auf dieser Schleife kommt Hildebrandt bald auf Uli Hoeneß zu sprechen, und sorgt sich um dessen Nachtruhe. Der Bayern-Trainer hat nämlich in der Zeit gebeichtet, dass er in letzter Zeit schlecht schläft. Hildebrandt zeigt Mitgefühl – schrecklich, wie sich dieser große verdienstvolle Mann jetzt womöglich unruhig wälzen müsse, nachts in seinem Bett. Von Hoeneß zu den Steueroasen und Gunter Sachs ist es nur eine kleine Biege, an deren Ende Hildebrandt aufklärt, warum der sich erschossen hat: Dem ist die Insel nicht mehr eingefallen, auf der er … – der Gedanke verliert unvermittelt sein Ende, denn hier steht nicht nur der Meister des Vom-Ästlein-aufs-Zweiglein-und-kein-Blättlein-auslassen-Parlierens auf der Bühne.

Er ist auch der Herr der unvollendeten Sätze, der kunstvolle Stotterer, der seine Sätze gern so baut, dass ihren Pointen auf der Zielgeraden die Luft ausgeht, direkt vor der Vollendung, aber nur, weil sie, schon festgezurrt, ohnehin im Saalgelächter untergehen würden. Manche dieser Klassiker sind freilich so gut abgehangen, dass Hildebrandt nicht mal bis zur Hälfte kommt. Was macht ein Versicherungsvertreter? Er verkauft Versicherungen. Ein Staubsaugervertreter? Verkauft Staubsauger. Ein Volksvertreter? … Schon bei „Versicherungen“ ist heute Schluss.

Die meisten Zuschauer sind schon ein bisschen betagt, der Vortragende bemerkt es wohl: „Na, Sie sehen auch nicht mehr aus, als wollten Sie zum Parteitag der Piraten!“ Aber dafür sind alle in Geberlaune, vermissen wohl auch ihren Hildebrandt, seit er 2003 nach 23 Jahren den „Scheibenwischer“ aufgegeben hat. Anfang der Woche ist er 86 geworden, er spaziert nicht mehr ständig auf der Bühne rum. Er sitzt gesittet am Tisch, hat ein Manuskript vor sich, guckt da auch rein, wühlt darin rum, gestikuliert, regt sich auf, bis irgendwann die Tischdecke zu Boden geht. Sonst passiert nichts – zweieinhalb Stunden kein Hänger, kein Versprecher, kein Verschnaufer, nicht mal gedämpftes Tempo, sondern grandioses Timing, zehntelsekundengenaue Pausen. Sicher waren seine Themen einmal politisch schärfer und weniger verkalauert.

Doch was haben wir gelacht, als er zum Schluss drohend seinen Krückstock rausholt, kurz Bushido abwatscht und einen donnernden Rap trommelt, dass es kracht.

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