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Öfter mal zu Gast: Roy Black (r.) mit "Mister Hitparade" Dieter Thomas Heck.

ZDF-Hitparade

"Hier ist Berlin"

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Mit diesen Worten begrüßte Dieter Thomas Heck heute vor 50 Jahren erstmals sein Publikum zur ZDF-Hitparade ? der Beginn einer Ära. Einige FR-Autoren verbinden prägende Erinnerungen mit der Sendung.

Fast ganz in schwarz – einzig der hellblaue Rollkragen kämpft sich aus der Sakko-Öffnung zum Flaumansatz – betritt der junge Roy Black die aus heutiger Sicht schmucklose Bühne und säuselt dem verzückten Publikum sein „Ich denk‘ an dich“ ins Ohr. Euphorisch angekündigt von Dieter Thomas Heck errang Roy Black vor genau einem halben Jahrhundert den allerersten ersten Platz in der ZDF-Hitparade. Nach seinem Auftritt am 18. Januar 1969 votierten die Fernsehzuschauer – bald ein Millionenpublikum – noch via Postkartenzusendungen zugunsten der Schlagerikone.

Ebensolche waren es, die den Erfolg der Musiksendung ausgemacht haben, während das Format quasi im Gegenzug dem in der Versenkung zu verschwinden drohenden Schlager neues Leben einhauchte. Hatte doch auch nicht zuletzt die „Bravo“ schon lange ihren Einfluss geltend gemacht und die englischsprachige Konkurrenz um die Beatles und die Rolling Stones in die Herzen der musikhörenden Jugend platziert. Die deutschsprachigen Musikgrößen hatten sich nunmehr mit Karamba und Karacho ihren Platz in der ersten Reihe der Abendunterhaltung gesichert und seinerzeit noch aufstrebende Legenden wie Heino, Howard Carpendale, Michael Holm, Rex Gildo oder Vicky Leandros sangen fortan von Heimat, Fernweh und der Liebe, stets nachdem Heck mit einem „Hier ist Berlin“ sein Publikum begrüßt hatte.

Der Erfolg begründete sich, so erklärte es einst Kult-Moderator Heck, zum einen durch den Ausschluss fremdsprachiger Interpreten und zum anderen daraus, dass die Sendung ein „Wir-Gefühl“ inne hatte, dass sich auch auf die Zuschauer übertrug. Durch das Wegfallen dieser beiden Elemente erklärte Heck auch den Quotenrückgang unter seinen beiden Nachfolgern Viktor Worms und Uwe Hübner.

Ab den 1980er-Jahren waren in der Sendung dann sämtliche Höhepunkte der sogenannten Neuen Deutschen Welle zu hören – Nena, Geier Sturzflug, Hubert Kah und Co. gaben sich die Klinke in die Hand. Nur selten schafften es hingegen in den gut 30 Jahren monatlicher Sendetermine auch politische oder gesellschaftskritische Töne in die Wohlfühloase – branchenüblich. Zu den bemerkenswerten Ausnahmen zählen neben eben genannter Nena beispielsweise Juliane Werding („Am Tag als Conny Kramer starb“) oder Katja Ebstein.

Bei allem Erfolg der Hitparade – das ZDF mag das Format perfektioniert haben, erfunden haben es jedoch andere: Die erste deutschsprachige Hitparade wurde bereits lange vorher, am 6. April 1958, auf Radio Luxemburg ausgestrahlt, der Sender der neben dem späteren ZDF-Hitparaden-Macher Heck auch Moderatoren wie Frank Elstner und Hans Meiser als Karrieresprungbrett diente. Als wohl ursprünglichstes Format darf noch das italienische San Remo Festival angeführt werden, das bereits 1951 an den Start ging. Den endgültigen Abgesang erlebte der Musikwettbewerb dann kurz vor Weihnachten 2000: Was mehr als drei Jahrzehnte zuvor mit Roy Black begann, beendete die letzte Erstplatzierte Nicole in einem gemeinsamen Medley mit Roland Kaiser.

Und rund zwei Jahrzehnte später belehren uns Helene Fischer, Andrea Berg und Co., dass die Szene auch ohne die Hitparade bestens existieren kann. Alles hat eben seine Zeit.

Hitparadenunüblich: Da war Da-Da-Da-Da

Es war Montag, der 3. Mai 1982, und Dieter Thomas Heck wirkte leicht verstört. Die drei Herren, die er ankündigte, sahen so ganz anders aus als die hitparadenüblichen. Sie machten auch nicht die hitparadenüblichen Schlagergesten, die Howard Carpendale so machte oder Bernhard Brink (etwa: mit flach ausgestreckter Hand einen weiten Bogen beschreiben). Sie lächelten nicht mal. Ihr Liedgut boten sie mit gelangweilter Miene dar. Der sogenannte Sänger führte ein Spielzeug-Keyboard der Firma Casio mit sich und hatte keine Mühe, sich den Text zu merken: „Trio“ war in der Welt, verkaufte Millionen Platten. Fortan schlug die Neue Deutsche Welle beständig ans Heck. Auf dem Schulhof sangen wir „Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht“ statt „Lieb mich ein letztes Mal“. Da-Da-Das klang halt irgendwie toller. Tanja Kokoska

Hossa: Zwischen Glücksgefühl und Grusel

Meine langlebigsten Erinnerungen verdanke ich der ZDF-Hitparade. Noch heute kann ich - zum Leidwesen einzelner Bürokollegen - komplette Liedtexte von Cindy und Bert, Bernd Clüver oder Katja Ebstein nachsingen. Ich weiß noch ganz genau, wie die Stimme von Dieter Thomas Heck klang, wenn er - das linke Bein auf einen Stuhl gestellt, mit dem rechten Arm eine schwungvolle  Geste ausführend - „Roland, der Kaiser“ oder „Tony, der Marschall“ rief, oder wie er mit Schnellsprechstimme den Abspann vortrug. Ich kann mich an die komplexen Choreographien  von Dschingis Khan erinnern, an Klamotten, die einen heute das Gruseln lehrten. Und selbst wenn ich irgendwann mal dement im Altersheim vor mich hinbrabbele, werde ich noch ganz genau wissen, wie Rex Gildo mit dunklem Augenaufschlag und weit aufgeknöpftem Hemd sein „Hossa, Hossa“ rief. Sandra Danicke

Howie: Der Australier völlig aus dem Häuschen

Als Howard Carpendale eines Abends im Jahr 1977 begann, bei der Hitparade „Tür an Tür mit Alice“ vorzutragen, ist unser australischer Austauschschüler Bill schier aus dem Häuschen geraten. Bill aus Perth fand es super, dass bei einer deutschen Hitparade eine ihm bekannte Melodie gespielt wurde: das deutsche Cover von „Living next door to Alice“. Bill erklärte uns aufgeregt, dass das Original nicht etwa ein Jahr zuvor als Welthit von Smokie gesungen wurde, sondern bereits viel früher mit mittlerem Erfolg von der australischen Band New World. Als ich Carpendales gelungene Übersetzung bei der nächsten Sendung der Hitparade mit unserem Tonbandgerät vom Wohnzimmertisch aus aufnehmen wollte, hat meine Oma Ilse aus Versehen dazwischengequatscht. Sie wollte wissen, ob ich noch was zu trinken haben will. Man hört als Antwort nur ein „Pssst, Oma.“ Jan-Christian Müller

Herzlos: Große Liebe mit krummen Beinchen

Als Sechsjähriger war ich 1971 in unsterblicher Liebe zu der Hanauer Schlagersängerin Ramona entbrannt. Ihren samstäglichen Auftritten zwischen Daktari und Badewanne fieberte ich die ganze Woche entgegen. Während ihrer Performance war den übrigen Anwesenden vor unserem Schwarzweißfernseher das Atmen verboten. In einem jener Momente meiner höchsten Andacht riss es meinen Vater zu jener Bemerkung hin deren Kränkungsschmerz bis heute bei mir nachhallt: „Ach dieses kleine, krummbeinige N-Wort-Mädchen“. Ramonas spätere Mitwirkung bei der singenden „Wasser-gymnastiktruppe“ Silver Convention entging mir völlig. Vielleicht war ich da schon auf Beatles, Abba oder gar Rock ’n‘ Roll. Mein Frauengeschmack hat sich jedenfalls erhalten. Stefan Dietz

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