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Ein bisschen Hass muss sein? Hetze bei Youtube und Co.

Hass im Netz

Hetze bei Youtube und Co.

Sie spielen "Minecraft", geben Schminktipps, erzählen aus ihrem Alltag ? und dazu gibt es ein wenig Rassismus: Nicht jeder Youtube-Star ist so harmlos, wie er scheint.

Der Feind versteckt sich, aber Pewdiepie hat ihn im Visier. Er legt an und schießt. Der Gegner rennt weg, hechtet hinter ein Auto. Pewdiepie feuert noch mehrfach, trifft aber nicht. Frust kommt auf. „What a fucking...“, schimpft er in sein Mikrofon – gefolgt von einem englischen Schimpfwort für Schwarze, das weithin geächtet ist.

In der Online-Welt mancher Videospiele sind solche Ausdrücke trauriger Alltag. „Pewdiepie“, der eigentlich Felix Kjellberg heißt, ist aber nicht irgendein Videospieler – sondern ein Superstar. Auf Youtube hat er mehr als 57 Millionen Abonnenten, fast jeder seiner Videos und Live-Streams wird von Tausenden Fans gesehen. Auch der rassistische Ausbruch im Shooter „Player Unknown‘s Battlegrounds“.

Frauenfeindlichkeit und Rassismus

Und Kjellberg ist zwar der größte, aber längst nicht der einzige Youtube-Star, dem solche Entgleisungen unterlaufen – vor einem oft jungen Publikum. Viel Aufregung gab es 2017 zum Beispiel um Jonathan Jafari alias JonTron, eigentlich bekannt für lustig-harmlose Videos über Computerspiele, der plötzlich krude rassistische Theorien von sich gab. Und auch in Deutschland gibt es Youtuber, die unbekümmert-uninformiert über heikle Themen wie Abtreibung reden, Schimpfwörter wie „Zigeuner“ brüllen, frauenfeindliche Sprüche klopfen oder in Wehrmachts-Uniformen auftreten.

Welche Wirkung hat das auf Minderjährige, die solche Videos sehen? „In der Marketing-Sprache rangieren viele Youtuber als „Influencer“", erklärt Kristin Langer von der Initiative „Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht“. Wörtlich übersetzt ist ein Influencer ein „Beeinflusser“. Und das ist auch korrekt, sagt die Expertin. „Kinder und Jugendliche sind in dem Alter, in dem sie über diesen Kanal Videos konsumieren, oft sehr offen und empfänglich für Beeinflussung.“

Die Frage ist nur: Wie groß ist das Problem eigentlich? Denn für jeden Youtuber, der rassistischen oder sexistischen Unfug verbreitet, gibt es vermutlich zehn völlig harmlose Videostars – und immer wieder genug Akteure, die sich mit deutlichen Worten gegen Hass und Hetze positionieren. „Auf Youtube sind grundsätzlich alle Meinungen zu finden, die Sie auch in der Gesellschaft finden“, sagt Medienpädagoge und Ratgeber-Autor Björn Friedrich.

Viel pubertäre Provokation

Allerdings findet sich unter den vermeintlichen Hassvideos auch viel pubertäre Provokation, die nicht immer ganz ernst gemeint ist - ähnlich wie im Hip-Hop. „In Jugendkulturen hat oft alles, was nicht „political correct“ ist, eine gewisse Coolness“, erklärt Miro Dittrich von der Amadeu-Antonio-Stiftung. „Oft geht es da eigentlich um Provokation, auch um Ironie oder ein gewisses Ausprobieren.“

Nicht immer kommt das aber auch so an. „Gerade bei Youtubern, die ein großes Publikum haben, gibt es dann aber immer Zuschauer, die solche Ironie nicht verstehen“, sagt Dittrich. Und in der kurzen Geschichte des Internets gibt es genug Beispiele für Spaß, aus dem bitterer Ernst wurde. 4Chan und Co. etwa – anonyme Foren, in denen sich Nutzer darin überbieten, möglichst schockierende Bilder, Videos oder Texte zu posten. Ernst gemeint war das zu Beginn nicht. Doch inzwischen sind zumindest Teile von 4Chan ein echtes Nazi-Sammelbecken geworden.

Youtuber in Wehrmachts-Uniformen

Und trotzdem: Gibt es Ärger um Videos, lautet die Entschuldigung oft „Das ist Satire!“ – von deutschen Youtubern in Wehrmachts-Uniformen ebenso wie von Pewdiepie. Denn sein rassistischer Ausbruch war nicht der erste Vorfall dieser Art: Monate vorher hatte Kjellberg über die Dienstleistungs-Plattform Fiverr zwei Inder angeheuert, um in einem Livestream ein Plakat in die Kamera zu halten. Die Botschaft darauf: „Death to all Jews“ – „Tod allen Juden“.

Daraufhin kündigten Disney und Google ihre Zusammenarbeit mit dem Internet-Star – obwohl der das Video als Satire bezeichnete. Und so wie die Großkonzerne sollten in solchen Fällen auch Eltern vorgehen: „Für die Eltern macht die Motivation eigentlich keinen Unterschied“, sagt Friedrich. „Für sie geht es darum, ihr Kind zu befähigen, solche Äußerungen kritisch einzuordnen.“

Dafür ist es unumgänglich, dass sich Eltern selbst mit dem beschäftigen, was ihre Kinder auf Youtube anschauen – auch wenn es weh tut. Denn auch völlig harmlose Videos entsprechen in ihrer Machart oft so gar nicht den Sehgewohnheiten älterer Generationen. Aber da müssen Eltern durch, sagt Friedrich: „Wenn es möglich ist und das Kind es zulässt, sollte man wenigstens gelegentlich mit- oder auch reingucken.“

Im Idealfall ist die andere Machart der Videos vielleicht sogar ein Aufhänger für Gespräche. Denn was Eltern nicht verstehen, können sie sich wenigstens erklären lassen. „Sie müssen ungefähr wissen, was da abgeht“, sagt Langer. Und wer selbst mit den Anfängen von MTV und Viva aufgewachsen ist – und dem Unverständnis der eigenen Eltern dafür – kann den Reiz des Neuen vielleicht sogar nachvollziehen.

Reden, erklären, diskutieren

Und wenn in den Videos tatsächlich problematische Inhalte auftauchen? Dann hilft nur reden, erklären, diskutieren – nicht nur über Rassismus, sondern vielleicht auch über die oft erstaunlich gestrigen Geschlechterrollen in manchen Videos. „Ich kann mit Jungs zum Beispiel darüber sprechen, dass sich jemand als großer Macker oder starker Typ präsentiert, dass man als Junge aber auch anders sein kann“, sagt Langer. „Und mit Mädchen kann ich besprechen, ob sie sich wirklich so auf Klamotten oder Styling reduzieren lassen wollen.“

Im Idealfall können Eltern ihren Kinder so auch zeigen, wie man echten Dreck erkennt – also nicht nur fehlgeleitete Satire oder unreflektierte Provokation, sondern echte Nazi-Propaganda. Die funktioniert im Netz oft nach dem Prinzip Trojanisches Pferd, erklärt Langer: „Da werden Themen wie Tierschutz oder Kindesmissbrauch als Aufhänger genommen, um Aufmerksamkeit zu bekommen und dann Hetze zu verbreiten.“

Ein problematisches Video macht Kinder zwar noch nicht zum Neonazi, sagt Miro Dittrich – und längst nicht alle Zuschauer seien überhaupt empfänglich für solche Botschaften. „Für manche kann das aber auch ein Einstieg sein.“

Wie fruchtbar der Nährboden ist, auf den Rassismus bei Kindern fällt, hängt vor allem von ihrem Umfeld ab – also davon, welcher Umgangston und welche Meinungsvielfalt ihren Alltag bestimmen. „Ich muss als Eltern nicht jede einzelne Äußerung kennen – auch wenn es gut wäre, mir ein konkretes Bild darüber zu machen“, sagt Kristin Langer. „Aber ich kann die Haltung kommunizieren, dass man respektvoll miteinander umgehen sollte.“

Das gilt übrigens nicht nur für die Videos selbst, sondern auch für die Kommentare darunter. Häufig sind die sogar noch schlimmer – eine wahre Fundgrube für Beleidigungen, Geschimpfe und Hassparolen aller Art. „Eltern können ihre Kinder da in die Pflicht nehmen, sich an so etwas nicht zu beteiligen“, sagt Friedrich. „Und man kann auch vermitteln, dass man sich auf das Niveau mancher Kommentatoren nicht herablassen und auch nicht auf alles reagieren muss.“ (dpa)

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