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Das Mogadischu-Drama als Fernsehfilm: Befreite Passagiere.

FR-Interview zu "Mogadischu"

"Es herrschte Hysterie"

Der Terror von Mogadischu kommt nun als Fernsehspiel daher. Werden Schmidt und Wischnewski zu TV-Helden? Ein Gespräch mit den Darstellern Berkel und Tarrach.

Herr Berkel, Sie spielen bereits zum zweiten Mal Bundeskanzler Helmut Schmidt...

Christian Berkel: ...und das heißt wieder: rauchen, rauchen, rauchen. Eigentlich raucht er ja ständig. Der Requisiteur kam einmal zu mir und verlas seine Tagesbilanz: Du hast heute 80 Stück geraucht! Natürlich nicht ganz durch, aber 80 Halbe sind insgesamt 40 Ganze.Jürgen Tarrach: Und plötzlich warst du Kettenraucher (lacht).

Schwierig für jemanden, der damit aufgehört hatte.

Berkel: Vor Jahren schon. Bei der "Sturmflut" bin ich deshalb noch mal auf Kräuterzigaretten ausgewichen. Damals waren es aber auch nicht so viele wie in diesem Film, sie wurden daher einfach weiß umwickelt.Diesmal kam ich zum Set und weil keine Zigaretten da waren, wurden schnell welche besorgt. Allerdings mit gelben Filtern und das ging ja nun nicht, weil Helmut Schmidt Mentholzigaretten raucht, von Reyno - weißer Filter. Also sagte ich mir, gut, beiße ich halt in den sauren Apfel. Ohne jedoch weiter darüber nachzudenken, dass beim Film gelegentlich die eine oder andere Einstellung wiederholt wird.

Wie wichtig sind diese kleinen Marotten, Gesten und Zitate bei der Darstellung realer Figuren?

Berkel: Für die Stimmigkeit spielen sie eine riesige Rolle. Aber es bringt nichts, nur zu kopieren. Man muss begreifen, was einen Menschen innerlich bewegt, erst dann versteht man ihn. Helmut Schmidt etwa hat stets versucht, alle "Ähs" aus der Sprache zu verbannen. Daraus ergibt sich dieser abgehackte Rhythmus, weil er, wo andere "äh" sagen, eine Pause macht, um darüber hinwegzutäuschen, nicht weiterzuwissen. Und wer die scharfen Konsonanten wegließe - der berühmte Sspitze Sstein des Helmut Schmidt - , der betriebe glatt Geschichtsverfälschung. Andererseits kommt man mit Details allein nicht zurecht. Man muss sie auch mit Inhalt füllen. Wo kann ich der Figur etwas hinzufügen, wo reicht die Abbildung der Wirklichkeit?

Tarrach: Helmut Schmidt ist allerdings noch heute eine moralische Instanz der Republik, während Wischnewski schon ein paar Jahre tot ist. Deshalb muss man ihn ein bisschen wie Julius Cäsar auffassen. Es gibt ungefähre Vorstellungen seines Wesens, seines Äußeren, seiner Art, aber man könnte ihn auch komplett gegen den bekannten Typ besetzen, weil man mehr sein Prinzip treffen muss als das perfekte Abbild.

Im kollektiven Gedächtnis bleibt Wischnewski jedenfalls weitaus diffuser als der Kanzler mit seinen Manierismen.

Tarrach: Die zählen ja fast zur Allgemeinbildung. Aber es wäre auch weniger authentisch als lächerlich, hätte ich Wischnewskis tiefe, sonore, sehr männliche Stimme kopieren wollen. Die Art, wie er damit seine Unerschütterlichkeit, seine Nervenstärke demonstriert, musste ich mir also auf anderem Wege erarbeiten. Für den Mann waren Krisen eine Art Lebenselixier.

Berkel: Diese ganze Politikergeneration war ja generell weniger krisenscheu und dadurch in gewisser Weise auch stärker. Helmut Schmidt selbst hat sie mal als Weltkriegsgeneration umschrieben: Männer, die in jungen Jahren nicht selten Soldaten, Offiziere waren und tief in den Abgrund geblickt haben.

Tarrach: Wischnewski war als junger Mann Kompanieführer und hat seinen Zug in Richtung Westen, statt Osten geführt, um ihn zu retten. Er hat den Krieg für seine Leute eigenverantwortlich zwei Wochen früher beendet.

Muss man sie deshalb so heldenhaft zeigen wie in "Mogadischu" - ohne Verfehlungen, immer zum Wohle anderer handelnd?

Berkel: Wenn sich Helmut Schmidt im Film die Videoaufzeichnung von Hanns Martin Schleyers Hilferuf anschaut, sieht man einen verschlossenen, verbissen schweigenden Mann. Zum Wohle der Anderen wollte er handeln, wusste aber, dass er dabei schuldig werden musste. Man kann Schmidt einiges vorwerfen, aber nicht, ein Angeber zu sein. Was uns an diesen Figuren beeindruckt, was wir auch in der gegenwärtigen Politik oft vermissen, ist, über eine Legislaturperiode hinaus für das, was man tut, gerade zu stehen. Das schaffen viele seiner Kollegen heutzutage ja nicht mal während dieser vier Jahre.

Herr Tarrach, Sie waren zum Zeitpunkt der Entführung 16-jähriger Gymnasiast in Erkelenz und Sie, Herr Berkel, bereits 20 und Schauspieler in Berlin. Was haben Sie während der Landshut-Befreiung gemacht?

Tarrach: Den Moment der Befreiung habe ich nicht mehr im Kopf, aber die Atmosphäre. Es herrschte Hysterie, dabei hatte ich die Bundesrepublik bis dahin ganz anders erlebt - ruhig, liberal, eher darauf bedacht, alte Zöpfe abzuschneiden als neue zu flechten. So gesehen habe ich in diesem Herbst erstmals Staatsgewalt gespürt. Wenn ich über den Rhein fahren wollte, waren die Brücken fast militärisch gesichert. Junge Leute wie ich, die in Köln nur Schallplatten kaufen wollten, wurden angehalten, mit vorgehaltener MPi. Die Stimmung war genau so aufgeheizt, wie es die Terroristen kalkuliert hatten, um die Demokratie auch in diesem Punkt zu erschüttern.

Berkel: Die waren es nämlich, die man bis zu dem Zeitpunkt als gewalttätig wahrgenommen hat. Plötzlich aber zeigte auch der Staat Härte und erfüllte dadurch das Ziel der RAF. Ulrike Meinhof hat es ja zuvor prophezeit: Nach uns wird der Staat ein anderer sein. Und der Staat hat sich verändert, nur hatten die Terroristen erwartet, dass er zum Polizeistaat würde, gegen den das Volk aufstehen und eine Revolution machen würde.

Tarrach: Das war die Naivität der RAF, aber auch Teil ihrer Gefährlichkeit.

Welche der beiden Gewaltausbrüche machte Ihnen mehr Angst?

Tarrach: Am Ende doch der der RAF. Deren Vorgehen polarisierte ja stärker. Es gab damals noch Beschimpfungen wie: "Dann geh doch nach drüben!"

Berkel: Ich kann mich auch an solche Sätze erinnern. In der Schule, von Mitschülern, gegen Mitschüler, sobald man sich nur im Geringsten staatskritisch äußerte.

Tarrach: Jeder konnte diskreditiert werden, der auch nur den leisesten Versuch wagte, die Beweggründe des Widerstands nachzuvollziehen, statt sie pauschal zu verurteilen. Ich dachte schon damals: Natürlich ist das Terror, aber man muss doch wissen, wo das herrührt. Was die Terroristen getan, in welche Situation sie den Staat gebracht haben - das ist eine Sache, darüber besteht ja Einigkeit. Dass all dies aus dem furchtbaren Vietnam-Krieg heraus entstanden ist, die andere.

Berkel: Oder aus der Zeit davor, dem Verdrängen der eigenen Geschichte. '68 hat es überall gegeben, aber bei uns war es insofern etwas anderes, als der Aufstand gegen die Vätergeneration, den jeder Jugendliche normalerweise irgendwann macht, hierzulande eine andere Grundlage hat, denn die Eltern waren ja tatsächlich verstrickt, viele waren de facto Mörder.

Haben Sie als Schauspieler realen Politikern gegenüber eine höhere Verantwortung als bei fiktiven Figuren?

Berkel: Man ist ein Stück messbarer, weil die Personen noch bekannt sind. Aber in Wirklichkeit ist jede Figur überprüfbar, ob lebend, tot oder fiktiv. Und sei es dadurch, dass sie dem Publikum gefällt oder nicht.

Interview: Jan Freitag

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