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Kanada

Mordecai Richler: „Straße in Montreal“ - Herr Bambiger wartet

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Mordecai Richlers „Straße in Montreal“

Aus den Schtetl in Galizien und Russland waren von Pogromen terrorisierte jüdische Familien nach Kanada ausgewandert (manche eher aus Versehen, weil sie eigentlich in die USA wollten) und hatten sich in größerer Zahl in der St. Urbain Street in Montreal angesiedelt. Darunter die Großeltern Mordecai Richlers (1931-2001), der in seinem umfangreichen Werk immer wieder und mit unterschiedlichen autobiografischen Anteilen von diesem Milieu erzählte. Richlers „The Street“ von 1969, jetzt erstmals auf Deutsch als „Eine Straße in Montreal“ erschienen, wird mal als Roman, mal als Erinnerungen geführt. Aber so oder so hat dieser Autor stets zugespitzt, oft ironisch und mit eleganter Bissigkeit formuliert.

Zehn miteinander verbundene Geschichten stoßen in dem Band ein Fenster weit auf in eine Zeit, in der von den früher Gekommenen deutsche und österreichische Juden aufgenommen wurden – nicht immer gern. In der auch Jungs aus der St. Urbain Street in den Krieg zogen und nicht mehr oder schwer traumatisiert zurückkehrten. In der Geflüchtete hofften, dass es auch ihre Angehörigen schaffen mögen. Der seltsame kleine Herr Bambiger wartet auf Frau und Sohn, in der Zeitung wird ein gesunkenes Flüchtlingsschiff gemeldet.

Die Jungs, zu denen der Erzähler gehört, sollen nach dem Willen ihrer Eltern gute Esser, Einserschüler und, „toitoitoi“, später Ärzte sein (Richlers Vater war Schrotthändler). Sie schauen Mädchen unter den Rock, schnorren Zigaretten. Eine Mutprobe ist es, das Schild zu stehlen, auf dem steht: „Dieser Strand ist nur für Gentiles“ und es umzuschreiben: „nur für litauische Juden“. Später erscheint einigen von ihnen Eretz Israel als das gelobte Land; Richler wird nicht unter jenen sein, die auswandern, er geht stattdessen nach Paris und London.

So lässig-spöttisch der Erzählton ist, so klar benannt werden Spannungen zwischen den anglokanadischen WASPs, den „Erbsensuppis“ (Frankokanadiern), den im Arbeiterviertel lebenden Juden. „Für uns war es in Kanada fraglos besser als in Europa, aber es war noch immer ihr Land, nicht unseres.“ Hakenkreuze werden auf den Asphalt gepinselt. Richler verschweigt jedoch nicht, dass ausgerechnet im Krieg für viele jüdische Familien der Aufstieg begann, dass sie wegzogen aus der St. Urbain Street in schickere Gegenden der Stadt.

Mordecai Richler: Eine Straße in Montreal. A. d. Engl. v. Gottfried Röckelein. Ars Vivendi. 190 S., 20 Euro.

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