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Der Herr der Stufen

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Die ist ganz bestimmt nach deutscher Treppennorm gebaut, etwa nach DIN 18.065.
Die ist ganz bestimmt nach deutscher Treppennorm gebaut, etwa nach DIN 18.065. © dpa

Die Menschheit ohne Treppe wäre wie Don Quijote ohne Sancho Pansa: Von einem Forscher, der die sehr alte Erfindung nicht gering schätzt. Von Tobias Wenzel

Von TOBIAS WENZEL

"Steigen Sie schon mal die Treppe hinauf. Ich komme mit meinem Rennwagen nach." Friedrich Mielke, ein 86-jähriger Mann mit nach hinten gekämmten weißen Haaren, wird gern ironisch, wenn er über seine Behinderung spricht. Im Schneckentempo fährt er mit dem surrenden Treppenlift in den ersten Stock, um seinem Gast jenen Raum zu zeigen, den er sein Treppenmuseum nennt. Über dem Geländer hängen Abbildungen bedeutender Treppen. Darunter die Strudlhofstiege, jene Wiener Treppe, der Heimito von Doderer mit seinem gleichnamigen Roman ein Denkmal setzte.

Friedrich Mielke ist beinamputiert und auf den Rollstuhl angewiesen. Er hat, wie er sagt, "den Kontakt zur Treppe" verloren. Nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz konkret: Vorbei die Zeiten, in denen sein größtes Glück darin bestand, den Stufen "mit den Füßen nachzufühlen". Nun widmet sich der emeritierte Professor für Denkmalpflege der Theorie. Sein Haus im oberbayerischen Dorf Konstein ist zugleich Privatwohnung und "Internationale Arbeitsstelle für Treppenforschung". Ihr Leiter und einziger Mitarbeiter: Friedrich Mielke.

Mit preußischer Disziplin, täglich zehn Stunden, arbeitet der Gründer der Scalalogie, der Wissenschaft von der Treppe, an seinem Lebenswerk. Sein Ziel: der Nachwelt so viel wie möglich von seinem Wissen zu erhalten. Mielkes Archiv umfasst Informationen zu mehr als 10.000 Treppen aus aller Welt, einen Großteil hat er selbst vermessen. Tausende Dias und etliche Modelle zeugen von den interessantesten Treppen, von Zwillingswendeltreppen und Himmelstreppen, von der spanischen Treppe in Rom bis zu den kunstvollen Holztreppen der Niederlande. "Wenn ich sterbe, landet das hier vielleicht alles auf dem Sperrmüll!"

Seit Jahren sucht der Herr der Stufen verzweifelt nach Wissenschaftlern und Archivaren, die seine Forschung fortführen wollen. Vergeblich. Für die meisten Kunsthistoriker und Denkmalpfleger ist die Treppe nur eine stufenweise Verbindung zwischen zwei Niveaus. Für Friedrich Mielke ist sie viel mehr: ein Kunstwerk, das viel über den Menschen verrät, der diese Treppe betrat.

"Widerspiegelung des Menschen auf der Treppe", nennt Mielke das Phänomen. War der Nutzer der Treppe reich oder arm? War er sportlich oder untrainiert? "Die Stufen der Maya waren bis zu 50 Zentimeter hoch. Das heißt, die Maya hatten damals eine sehr gute Kondition. Noch heute rennen die Indios diese Treppen hoch. Im Gegensatz zu den Touristen, die sich keuchend hochschleppen."

"Die Treppe ist ein guter Arzt. Mir hat sie gesagt: Hör mit dem Rauchen auf!", erzählt Thomas Hürlimann. "Du kriechst hier hoch wie eine alte Dampflokomotive, die es kaum noch bis in die Remise schafft." Der Schweizer Schriftsteller wohnt im vierten Stock eines Berliner Hauses ohne Aufzug. Er war ein starker Raucher. Andere wären daraufhin in eine Wohnung mit Aufzug gezogen.

Thomas Hürlimann aber hörte auf zu rauchen. Und begann sich für die Treppe an sich zu interessieren. So ist sein jüngster Essayband "Der Sprung in den Papierkorb" (Ammann-Verlag, 2008), vor allem der Text "L'esprit de l'escalier", eine Hommage an die Treppe. Und zugleich ein Abgesang:

"Die Treppe wird mehr und mehr durch Lifte und Laufbänder ersetzt. Das führt zu einer flacheren Welt, auch im geistigen Sinn." Was wäre die Welt ohne Treppe? Ist der Treppenwitz, der verspätete Einfall auf der Treppe, nicht gerade der inspirierenden Wirkung eben dieser Treppe geschuldet? Und ginge mit den Geräuschen, die beim Steigen einer Treppe erzeugt werden, nicht etwas Faszinierendes verloren?

"In dem Hause, wo ich wohnte", notierte der Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg in eines seiner Sudelbücher, "hatte ich den Klang und die Stimmung jeder Stufe einer alten hölzernen Treppe gelernt, und zugleich den Takt, in welchem sie jeder meiner Freunde, der zu mir wollte, schlug, und, ich muß gestehen, ich bebte allemal, wenn sie von einem Paar Füßen in einem mir unbekannten Ton heraufgespielt wurden."

Die Klaviatur der Treppe. Die Treppe als wohlklingendes Klavier. Das sah der Franzose Georges Perec anders. Er widmete der Treppe eines Mietshauses gleich zwölf Kapitel seines Romans "Das Leben. Gebrauchsanweisung": "Denn alles, was geschieht, führt durchs Treppenhaus, alles was kommt, kommt durchs Treppenhaus (...) Deshalb bleibt das Treppenhaus ein anonymer, kalter, fast feindseliger Ort." In dem Theaterstück "Geschichte einer Treppe" des Spaniers Antonio Buero Vallejo wird die Treppe eines Hauses zum Symbol einer hoffnungslosen Wiederkehr des immer Gleichen: "Es wäre schrecklich, so weiterzumachen! Treppauf, treppab, auf einer Treppe, die nirgendwo hinführt."

Vielleicht wäre das Urteil von Buero Vallejos und Perec anders ausgefallen, wenn sie eine Treppe aus einem früheren Jahrhundert vor Augen gehabt hätten. Die Treppen waren vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert einzigartiger als die heutigen. "Früher hatte jede Stadt ihr eigenes Treppengesicht", erzählt Friedrich Mielke. "Städte, die etwas auf sich hielten, hatten ihr individuelles Zollmaß. Und die Treppenbauer von einst reisten selten, um zu sehen, wie Treppenbauer anderer Städte arbeiteten." Eichstätts historische Treppen zum Beispiel unterscheiden sich deshalb stark von jenen im nur 25 Kilometer entfernten Ingolstadt.

Im 20. Jahrhundert verschwanden allerdings diese ortstypischen Eigenheiten im Treppenbau. Schon der Architekt und Baumeister Karl Friedrich Schinkel ließ gusseiserne Stufen anfertigen. Mit Hilfe einer Form. Von der Form war es nicht weit bis zur Norm. Und zur Gleichmacherei. Vor allem in Deutschland. Wenn Forscher Mielke "DIN 18 065" hört, verzieht er angewidert sein Gesicht: "Die deutsche Treppennorm ist für die Industrie gemacht, nicht für den Menschen, der die Treppe besteigt."

Der Wahlbayer hat in mehr als fünfzig Jahren Forschung etwas Erstaunliches herausgefunden: "Eine unregelmäßige Treppe ist sicherer als eine regelmäßige." Haben alle Stufen einer Treppe dieselbe Tiefe, so wird der Mensch unachtsam. "Liegt dann eine Zigarettenschachtel auf einer Stufe, droht er aus dem Gleichgewicht zu geraten und zu stürzen."

Eine Treppe mit einer unterschiedlichen Stufentiefe jedoch verlangt dauerhafte Aufmerksamkeit und verhindert Unfälle. So entpuppt sich die Treppennorm als Stolperfalle.

Viele der Treppen, die Friedrich Mielke im ersten Stock als Modelle in Glasvitrinen präsentiert, dürften heute in Deutschland so gar nicht mehr gebaut werden: Auch nicht die 52 gestaffelten Wendeltreppen im Turm des Straßburger Münsters. "Etwas Grandioseres habe ich nirgendwo angetroffen. Das ist ein Wunderwerk der Treppenbaukunst!", schwärmt Mielke. Der Baumeister Johannes Hültz schuf die Treppen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Aus Sandstein. "Ich weiß nicht, wie der sich das getraut hat!"

Heute trauten sich nur noch wenige Treppenbauer etwas, bemerkt Friedrich Mielke ernüchtert. Einen Hoffnungsschimmer hat er dann doch: "Unter den Star-architekten ist die Treppe wieder en vogue. Die geben sich nicht mehr mit Normware zufrieden." Vorausgesetzt, sie setzen nicht auf Aufzüge statt auf Treppen. Treppen gibt es zwar in jedem hohen Bauwerk. Allerdings oft nur als Nottreppen.

"Die Treppe ist in Not", meint auch Thomas Hürlimann in seinem Essayband "Der Sprung in den Papierkorb". Wir verlernen das Treppensteigen: "Wo ich kann, meide ich den Fahrstuhl", erzählt der Schweizer Autor, wohl wissend, dass die meisten Menschen die Treppe aus dem Blick verlieren.

"Wenn Treppen aus unserem Alltag verschwinden, sind wir dann im entscheidenden Moment überhaupt noch der Nottreppe gewachsen?" fragt Thomas Hürlimann rhetorisch und gibt ein Beispiel: die Anschläge auf das World Trade Center. "Die Leute waren es gar nicht mehr gewohnt, die Treppen hinabzusteigen. Sie haben nicht einmal gewusst, wo sich die Treppen befinden. Kein Mensch ist jemals in diesem Haus eine Treppe hoch oder runter gegangen."

"Die Treppe ist heutzutage oft ein Schläfer im Hintergrund", so Friedrich Mielke. "Fällt aber der Strom in einem Hochhaus aus, sind plötzlich alle Blicke auf sie gerichtet." Hätte Friedrich Mielke Stromausfall, käme er seine eigene Treppe gar nicht mehr hinunter. Doch sein Treppenlifter surrt einwandfrei und fährt ihn wieder ins Erdgeschoss. Mehrere Minuten dauert die Fahrt.

"Vier Stunden müssen Sie schon mitbringen, wenn ich Ihnen die Scalalogie näherbringen soll", hatte er prophezeit und recht behalten. "Tragen Sie die Treppenforschung in die Welt hinaus!" Halb ist es Befehl, halb Bitte. Noch hat Friedrich Mielke die Hoffnung nicht aufgegeben, vor seinem Tod einen würdigen Nachfolger für sein Archiv zu finden. Doch die Zeit spielt gegen ihn. Die Treppen werden auch ihn überleben. Nicht umgekehrt: "Don Quijote kann ohne Sancho Pansa nicht leben, aber Sancho Pansa sehr gut ohne Don Quijote. Der Diener ist immer der stärkere. Und die Treppe ist der Diener. Sie bleibt immer."

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