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Nicolaus Cusanus: "Raymundus Llullus Opera", 1428.

Ausstellung

Im Herbst dreht sich die Erde ein wenig schneller

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Seit 700 Jahren erobert Ramon Llull den Verstand und die Herzen von Künstlern, Dichtern und Denkern, wie eine Ausstellung im ZKM Karlsruhe dokumentiert.

Ramon Llull (1232-1316) war einer der umtriebigsten Geister des 13. Jahrhunderts. Er dichtete, schrieb theologische Traktate, philosophische Werke. Mehr als zweihundert in Katalanisch, Okzitanisch, Latein und Arabisch. Llull war bei Kreuzzügen gegen die Muslime dabei, und er bastelte an einer Maschine, die dem Benutzer beim Denken helfen sollte. Maschine ist wohl nicht der richtige Ausdruck. Die Kuratoren der Ramon Llull gewidmeten Ausstellung im Karlsruher „Zentrum für Kunst und Medien“ (ZKM) sprechen von einem „Papiercomputer“.

Als Llull in Palma auf Mallorca geboren wurde, war die Insel erst drei Jahre zuvor den Mauren abgenommen und der Krone von Aragon zugeschlagen worden. Llull dichtete auf katalanisch und schrieb wissenschaftliche Bücher in der Volkssprache. In Katalonien ist er ein Nationalheld. Die Goethe-Institute Kataloniens tragen seinen Namen. Schon früh rankten sich Legenden um ihn. Zum Beispiel, dass er in Algerien von aufgebrachten Muslimen, die er missionieren wollte, gesteinigt worden sei. Aber er starb nicht als Märtyrer, so recht ihm das vielleicht auch gewesen wäre. Das Heiligsprechungsverfahren, das seit ein paar Jahrhunderten läuft, hätte den Kreuzzugsprediger dann wohl schon längst nach ganz oben in den katholischen Himmel befördert.

Das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe interessiert sich in erster Linie für den bastelnden Philosophen Llull. Sein „Papiercomputer“ besteht aus drei übereinander installierten kreisförmigen Blättern. Das unterste Blatt ist fest. Die beiden anderen lassen sich drehen. Alle drei gliedern sich in neun Felder, auf denen die Buchstaben B bis K eingetragen sind. Einer Tabelle kann man entnehmen, was die Buchstaben bedeuten. Jeder hat sechs verschiedene Bedeutungen. Es sind einerseits Fragen, zum andern aber Begriffe, die in Christentum, Judentum und Islam, in deren Philosophie, Theologie und Mystik eine zentrale Bedeutung haben. Also zum Beispiel: Gott, Engel, Himmel, Unterschied, Größersein, Lüge usw. 

Im erklärenden Heft zur Ausstellung heißt es: „Neun Elemente erlauben 84 Kombinationen (z.B. BCD, BCE, CDE usw.). Für jede dieser Kombinationen können drei, den jeweiligen Buchstaben zugehörige Fragewörter eingesetzt werden, sodass sich insgesamt 252 Fragen ableiten lassen.“ 

Wer die Llull’sche Kombinatorik ausprobieren will, dem hilft die Ausstellung an mehreren Stellen. Natürlich ist es demütigend, wenn man feststellt, dass man mit diesem Werkzeug nicht so recht vorankommt. Aber hier hilft Umberto Eco. In seinem Aufsatz „Über Llull, Pico und den Llullismus“ ist er wie viele Autoren und Künstler fasziniert von Llulls Versuch einer Kombinationskunst, die universal und grenzenlos ist, die einen also über das schon Gewusste hinaustreibt. Ecos Verdacht ist aber, dass Llulls maschinell erzeugte „Argumente“ nicht dazu dienten, neue zu entdecken, sondern dazu da waren, immer wieder neue Formulierungen für dem Frager längst bekannte Sätze zu generieren. Also kein Instrument der Erkenntnis, sondern eines der Rhetorik. Llulls Technik sollte der Bekehrung der Muslime zum Christentum dienen. Er überließ sich gerade nicht der freien Assoziation der Mechanik, sondern fiel ihr ins Wort, wenn sie zu falschen Ergebnissen kam.

In der Ausstellung sind auch zwei Produkte des begeisterten Bastlers Arnold Schönberg zu sehen. Da sind ein Zwölftonreihenschieber und ein handtellergroßes, aus drei über einander liegenden Scheiben zusammengesetztes Metallgerät zu sehen, das die Komposition wohl ähnlich mechanisieren sollte, wie Llull mehr als sechshundert Jahre zuvor das mit dem Denken vorgehabt hatte. 

Es sind diese Zusammenstellungen, die die Karlsruher Ausstellung so reizvoll machen. Sie erhellen einander. Schönbergs Versuch, eine neue musikalische Logik zu entwickeln, ihr Matrizen und Werkzeuge zu bauen, sind nicht Endprodukte einer Epoche der Mechanisierung von Herz und Weltbild, sondern gehören in die Jahrtausende alte Geschichte von den Bemühungen des Menschen, was er kann, von selbstgebauten Apparaten erledigen zu lassen. Llulls Werk ist eine der vielen Schnittstellen, an denen Mensch und Maschine aufeinanderstoßen oder aufeinandergestoßen werden. 

Die Moderne ist, das zeigt die Ausstellung, viel älter, als wir uns einbilden. Probleme und Fragestellungen, die herablassend lächelnd beiseite geschoben worden waren, tauchen wieder auf, bekommen erneut eine uns unmittelbar erschütternde Kraft.

Llull, der ja so etwas wie ein mystischer Systematiker war, beschäftigte sich immer wieder mit dem Bild des Lebensbaumes, dieser Idee, dass alles nicht nur von dem einen Gott geschaffen wurde, sondern dass es auch miteinander zusammenhängt, dass es auseinander hervorgeht. Die Ausstellung zeigt eine 2017 von Anselm Kiefer gefertigte Vitrine. In ihr steht eine große, altmodische Waage. Auf sie fällt Laub und oben an einer der Längsseiten der Vitrine steht in Kiefers Schrift „Im Herbst dreht sich die Erde ein wenig schneller“ Mikrokosmos-Makrokosmos. Man gerät ins Schwindeln. Von einem Kollegen befragte Wissenschaftler der Universität München vielleicht auch: „Wenn die Blätter im Herbst zu Boden fallen, verändert das die Drehgeschwindigkeit der Erde. Sie rotiert im Winter schneller. Denn wenn bei einem rotierenden Körper Masse zur Drehachse hin verlagert wird, muss sich die Rotationsgeschwindigkeit erhöhen, um den Drehimpuls konstant zu halten.“ Die Erde ist so gesehen auch nur eine Pirouetten drehende Eiskunstläuferin.

Wer sich viel Zeit nimmt, der wird sehen, wie Ramon Llull im Laufe seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit der Kombinationskunst seine Matrizen ändert. Am Anfang geht er aus von den antiken vier Elementen. Damit eckt er in Paris an. Seit 1290 arbeitet Llull dann an seiner „Ars generalis ultima“, die zwischen 1305 und 1308 ihre endgültige Form erhält und der noch eine „Ars brevis“ folgt. Diese späten Formulierungen verabschieden sich von der quaternären Struktur der Antike. Er entwickelt eine „Theorie von allem“, die der ternären Struktur des christlichen dreieinigen Gottes folgt. Den Schritt ins uns inzwischen so vertraute Binäre ging dann Ende des 17. Jahrhunderts der Llull-Leser Leibniz, für den übrigens sein Dualsystem ein überzeugendes Sinnbild des christlichen Glaubens war.

In der Ausstellung kann man, wenn man weiß, wonach man suchen muss, den Weg Llulls – Leibniz fehlt natürlich ebenso wenig wie Kircher oder Cusanus – von den vier Elementen zur Dreieinigkeit verfolgen. Hilfreich ist dabei zum Beispiel der Aufsatz über Llull in der „Stanford Enyclopedia of Philosophy“, den man im Internet findet. So bewaffnet steht man völlig verblüfft vor dem Mann, der versuchte, zwei völlig unterschiedliche Theorien zusammenzubringen. Nicht anders – aber doch natürlich auch wieder ganz anders – als die Wissenschaftler, die heute nach einer Weltformel suchen, die die vier (!) Grundkräfte – Gravitation, Elektromagnetismus, schwache und starke Kernkraft – in einer Formel oder doch wenigstens in einem System von Formeln beschreibt.

Die Karlsruher Ausstellung führt einem am Beispiel Llull und Llull-Rezeption den Weg von den vier Elementen über die Trinität zum binären Code vor. Wenn wir dann „Black Rain“ von Ruth Jarman und Joe Gerhardt betrachten, dann fühlen wir uns hineingenommen in die Raumzeit selbst. Das Video verwendet Bilddaten einer Kamera, die den interplanetaren Raum nach Plasmaeruptionen der Sonne absucht.

Auch hier weiß der Betrachter nicht, ob er geblendet wird oder wirklich etwas erkannt hat – es gibt keine Maschine und auch keine „Theorie von allem“, die ihm das sagen könnte. Aber natürlich fasziniert ihn der Mann, der Arabisch lernte, um den Muslimen nicht nur bewaffnet, sondern auch in ihrer Sprache entgegentreten zu können. Mitten in einer Zeit wirklicher Kreuzzüge. Mitten in einer Welt elementarer Unsicherheit suchte Ramon Llull – man glaubt seine Verzweiflung zu spüren – nach einer universalen Begriffsschrift, die Wahrheit und Sicherheit produzieren sollte – nahezu unabhängig von menschlichen Tugenden und Lastern. Die Maschine als der wirkliche Ausweg. Kleists Marionette ist das letzte Kapitel der Welt. In ihm erscheint die Grazie wieder, die anmutige Gnade Gottes.

1299 schrieb Ramon Llull sein autobiografisches Gedicht „Cant de Ramon“. Darin heißt es: „Bin nun ein Mann: alt, arm, verlacht/hab keine Hilf’, von keiner Macht,/hab nur zu große Tat erdacht,/hab in der Welt groß Ding entfacht,/gab manch gut Beispiel, – doch sei’s geklagt –/kaum Ehr noch Lieb hat’s mir gebracht. Sterben will ich im Liebesmeer... .“

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