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Ernst Deutsch: Werbeplakat für Schuhe, 1912.

NS-Raubkunst

Ein herber Verlust

Das Deutsche Historische Museum in Berlin muss eine der bedeutendsten Plakatsammlungen der Welt an die Nachfahren des ursprünglichen Besitzers, dem von den Nazis verfolgten jüdischen Sammler Hans Sachs, zurückgeben.

Von Ursula Knapp und Sebastian Preuss

Das Deutsche Historische Museum in Berlin muss eine der bedeutendsten Plakatsammlungen der Welt an die Nachfahren des ursprünglichen Besitzers, dem von den Nazis verfolgten jüdischen Sammler Hans Sachs, zurückgeben.

Das muss ein Museum erst einmal verkraften: auf einen Schlag mehr als 4300 Kunstwerke zu verlieren. Mit diesem Verlust muss sich seit Freitagvormittag das Deutschen Historische Museum (DHM) in Berlin auseinandersetzen. Es wurde vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe dazu verurteilt, an Peter Sachs aus Nevada die historische Plakatsammlung von dessen Vater Hans Sachs zurückzugeben. Damit geht ein mehrjähriger Rechtsstreit zu Ende, und im DHM muss man sich jetzt ernsthaft fragen, ob man denn in diesem Restitutionsfall tatsächlich die richtige Strategie eingeschlagen hat.

Das Museum war völlig überrascht, als der Amerikaner Peter Sachs im Februar 2006 über seinen Berliner Anwalt Matthias Druba die Herausgabe der Werke verlangte. Die Sammlung ist in der Fachwelt ein Mythos, lange galt sie als bedeutendste Kollektion von künstlerischen Plakate aus der Zeit der frühen Moderne. Hans Sachs, 1881 in Breslau geboren, zog 1900 mit seiner Familie nach Berlin, dort wurde er Zahnarzt und lebte in gutbürgerlichem Wohlstand. Es war die große Zeit der künstlerisch gestalteten Reklameplakate, und Sachs entwickelte sich zum begeisterten Kenner und Förderer dieser Alltagspapiere, an denen sich zugleich eine Kunstgeschichte der Moderne ablesen lässt.

Streit durch alle Instanzen

1905 gründete Sachs den Verein der Plakatfreunde mit und baute zielstrebig seine Sammlung auf. Alle bedeutenden Grafiker von Edmund Edel bis Thomas Theodor Heine waren bei ihm vertreten, aber auch Henry van de Velde, Max Klinger, Käthe Kollwitz oder Max Slevogt. Zumindest aus Deutschland fehlte kein Künstler, der in dem Medium eine Rolle spielte. 12.000 Werke besaß Sachs 1926, als er im Anbau seines Hauses in Nikolassee ein privates „Museum der Gebrauchsgraphik“ einrichtete.

In der Pogromnacht von 1938 wurde Sachs als Jude verhaftet, musste 20 Tage im KZ Sachsenhausen verbringen und emigrierte kurz danach mit seiner zweiten Frau Felicia und Sohn Peter, damals ein Jahr alt, nach New York. Die geliebten Plakate musste er in Berlin zurücklassen. Unter Mühen baute er sich eine neue Existenz als Zahnarzt auf. 1974 starb er in Amerika.

Nachdem die „Limbach-Kommission“ 2007 den (nicht bindenden) Schiedsspruch gegeben hatte, die Plakate gehörten rechtmäßig dem DHM, ging der Streit um die Sammlung Sachs ab 2008 durch alle Instanzen. Während das Landgericht Berlin dem Erben recht gab, urteilte das Kammergericht im Januar 2011 zu Gunsten des Museums. Peter Sachs legte daraufhin Revision beim BGH ein, und der sprach gestern das Urteil in letzter Instanz: Der Hans-Sachs-Erbe erhält die Plakate zurück. Einigkeit bestand unter den Juristen darin, dass Reichspropagandaminister Joseph Goebbels den Kunstschatz beschlagnahmen ließ.

Selbst nach NS-Recht kam es nicht zu zu einer förmlichen Enteignung. Folglich blieb Hans Sachs immer der rechtmäßige Eigentümer seiner Sammlung . Auch wenn er sie nicht mehr besaß – Eigentum und Besitz, das ist der feine, aber entscheidende Unterschied. Umstritten war jedoch, ob Sachs und seiner Familie nur eine finanzielle Entschädigung oder aber die Rückgabe der Plakate zustehe. 1961 waren 225.000 Mark Wiedergutmachung gezahlt worden.

Wolfgang Krüger, Vorsitzender Richter, begründete am Freitag ausführlich die BGH-Entscheidung. Die Sammlung war 1938 in der Sachs-Villa in Berlin – und zwar im späteren Westteil – geraubt worden. Folglich wären die Rückerstattungsregeln für das Land Berlin von 1949 anzuwenden. Danach mussten alle NS-Opfer ihr Vermögen bis zum 30. Juni 1950 zurückfordern. War der Antrag bis dahin nicht gestellt, gab es nur noch eine Geld-Entschädigung. „Für diese Fallkonstellation gilt jedoch eine Ausnahme“, begründete der Bundesrichter gestern den zentralen Punkt des Urteils. Denn die Plakate galten nach dem Krieg als verschollen, sodass eine Rückerstattung gar nicht beantragt werden konnte.

Deshalb die Entschädigung. Hans Sachs empfand sie, wie er in einem Brief vermerkte, als „äußerst ansehnlich“ und betonte, dass die Abfindung „alle meine Ansprüche gedeckt hat.“ Da wusste er schon, dass ein Teil der Plakate, im Depot des Ost-Berliner Zeughauses (dem heutigen DHM), geüberlebt hatte. Jahrelang unterhielt er von den USA aus rege Korrespondenz mit dem zuständigen Kurator.

Verwiese man jetzt die rechtmäßigen Eigentümer wegen des Ablaufs aller Fristen auf die Entschädigung von 1961, „würde das nationalsozialistische Unrecht perpetuiert“, so Richter Krüger. Auch dass die Witwe von Hans Sachs nach der Wiedervereinigung keine Ansprüche erhob, ändert laut BGH nichts an dem Herausgabeanspruch. Die Tatsache, dass die Sachs-Witwe und der Sohn bis 2006 nicht aktiv wurden, genüge nicht, um die Ansprüche als verwirkt anzusehen. Den Streitwert bezifferte der BGH auf vier Millionen Euro. Die frühere Geldentschädigung muss Peter Sachs mit der Restitution der Plakatsammlung zurückzahlen.

Vermeidbarer Schaden

Endgültig blamiert ist jetzt die Limbach-Kommission, die ein verfehltes Urteil zugunsten des DHM gesprochen hat. Wer will dieses ehrenamtliche Gremium unter Leitung der ehemaligen Verfassungsrichterin jetzt noch in strittigen Restitutionsfällen anrufen? Und das DHM hätte die Plakate frühzeitig als Raubkunst behandeln und versuchen müssen, mit Peter Sachs eine gütliche Einigung zu erzielen.

Nach dem sogenannten Washingtoner Abkommen von 1998, in dem die Frage von NS-Raubgut neu aufgerollt wurde, hat Deutschland – im Gegensatz etwa zu Österreich – mit Bedacht auf ein abermaliges Restitutionsgesetz verzichtet. Die Fälle werden bei uns als eine politisch-moralische Angelegenheit betrachtet, als eine Sache der Versöhnung. Die besten Lösungen sind die im beiderseitigen Einvernehmen erlangten, etwa ein Rückkauf zu einem Preis unter dem Marktniveau. Das wurde im Fall Sachs vom DHM nie versucht; jetzt ist der Schaden da. Peter Sachs möchte die Sammlung gerne zusammenhalten, sie öffentlich sichtbar machen – was sie im DHM kaum je war – und an seinen Vater erinnern. Wo und wie, wisse er noch nicht, sagte sein Anwalt.

Seit dem Washingtoner Abkommen war es der erste Restitutionsfall, der in Deutschland vor Gericht entschieden wurde. Kommt nun eine Klagewelle auf die Museen zu? „Eher nicht“, so der Berliner Anwalt Gunnar Schnabel. Meist habe es bei jüdischem Kunstbesitz einen (wenn auch erzwungenen) Eigentümerwechsel gegeben. Das ist dann eine andere Rechtslage, dort helfen keine Paragrafen, sondern nur die selbstauferlegte Richtlinien, die Deutschland in den letzten fünfzehn Jahren mit meist gutem Ausgang befolgt hat. Hätte sich das DHM nur daran gehalten.

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