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Was zählt, ist das, was am Ende auf den T-Shirts steht.
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Was zählt, ist das, was am Ende auf den T-Shirts steht.

Update

Hemd und Haltung

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Plattformen, die T-Shirts bedrucken, schließen in ihren Richtlinien oft hetzerische Inhalte aus. Wie sieht die Praxis aus?

Neun Jahre lang hatte ich einen T-Shirt-Shop bei der Firma Spreadshirt. Spreadshirt ist eine Plattform, die einem fast die ganze Arbeit abnimmt: Shirts einkaufen, bedrucken, versenden, Geld kassieren. Ich brauchte nur die digitalen Motive zuzuliefern und hatte mit den Mühen der Materie nichts zu tun. Da ich meine T-Shirt-Motive mit Hilfe eines Zufallsgenerators herstellte, war es ein bequemes Dasein.

Leider wurde im Frühjahr 2020 unübersehbar, dass Spreadshirt ein Problem hat. Auslöser waren dort angebotene Kleidungsstücke mit Judenstern und der Aufschrift „nicht geimpft“. Im Zuge der Berichterstattung fiel schnell auf, dass die Shops auf der Plattform allgemein voll mit rassistischen Motiven, Nazi-Symbolen, Verschwörungsmythen und Coronaleugnerei waren. Diverse Shops, darunter auch meiner, beendeten daraufhin die Zusammenarbeit mit Spreadshirt.

Einen Monat später veröffentlichte das Unternehmen ein Statement des CEO Philip Rooke. Darin standen schöne Dinge wie „Rassismus, Sexismus oder Diskriminierung haben nie und werden nie ein Zuhause auf unserer offenen Plattform finden. Wir widersetzen uns ihnen von ganzem Herzen, weshalb sie in unseren Community-Richtlinien eine zentrale Rolle spielen.“ Der erste Satz hat nichts mit der Realität zu tun. Der zweite stimmte teilweise: In den Community-Richtlinien stand, wogegen man in der Theorie war. Es spielte nur in der Praxis keine Rolle. Richtlinien sind kein Zauberspruch, man muss schon Ressourcen in deren Umsetzung investieren. Wenn die Regeln nur gelegentlich und erst nach öffentlichen Protesten durchgesetzt werden, kann man als Unternehmen auch gleich „wascht uns, aber macht uns nicht nass“ in die Pressemitteilung schreiben.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

In Rookes Statement heißt es: „Wir sind stolz darauf, dass wir viele inakzeptable Inhalte aus den über 100 000 Designs, die wöchentlich in unsere Systeme hochgeladen werden, erfassen und entfernen.“ Anlass zum Stolz sehe ich hier keinen. Über 100 000 Designs pro Woche sind eine handhabbare Menge. Wenn man das Eingereichte auch nur nach den naheliegendsten Stichworten („Merkel“, „Corona“, „Deutschland“) gefiltert und die Ergebnisse noch einmal einem Menschen vorgelegt hätte, wäre keins der Motive, die Spreadshirt im Laufe des Jahres so schlechte PR beschert haben, in den Verkauf gelangt.

Spreadshirt wäre dabei theoretisch sogar in einer vorteilhafteren Lage als viele soziale Netzwerke: Anderswo ist es eine Sache von wenigen Minuten, sich nach einer Sperrung unter anderem Namen neu anzumelden. An den Spreadshirt-Shops hängen Menschen mit Konten und Steuernummern, deren Shops man bei wiederholten Verstößen schließen könnte. Dass sich die Problemfälle trotzdem so häufen, spricht für die Vermutung des Cartoonisten Ralph Ruthe, der Spreadshirt ebenfalls verlassen hat: „Man kann den Eindruck bekommen, dem Unternehmen wäre es im Prinzip egal, dass es mit derartigem Content Geld verdient.“

Spreadshirt ist wahrscheinlich nur ein durchschnittlich haltungsloses Unternehmen, aber eines in einer besonders unpraktischen Marktposition. Am einen Ende des Druckanbieter-Spektrums gibt es Firmen, die im Hintergrund alles mit (vermutlich) allem bedrucken. Den Shop muss man sich unter einer eigenen Adresse selbst bauen. Die Druckfirma druckt und liefert aus, bleibt aber nach außen ungenannt und steht nicht als Adresse für Beschwerden zur Verfügung.

Am anderen Ende des Spektrums stehen Druckfirmen, die sich von vornherein aussuchen, wer auf ihrer Plattform einen Shop betreiben darf. Dort finden sich meistens Grafikprofis, die sich bereits anderswo einen Namen gemacht haben. Mit Microsoft Word gestaltete „Corona Lüge“-Shirts wird man bei solchen Unternehmen nicht finden. Bei Spreadshirt treffen die ungünstigsten Aspekte beider Geschäftsmodelle zusammen. Einerseits sind die individuellen Shops auf der Spread-shirt-Plattform angesiedelt und das Unternehmen muss zu den Inhalten Stellung beziehen. Andererseits können in diesen Shops alle machen, was sie wollen. Mit den daraus resultierenden Konflikten ist Spreadshirt nicht allein, die US-Firma Teespring steht wegen ganz ähnlicher Probleme in der Kritik. Eine einfache, automatische oder unparteiische Lösung gibt es nicht. „Wir drucken alles“ ist bereits eine Position, und sie ist keineswegs neutral.

Im Oktober teilte Spreadshirt in einem Blogbeitrag mit, man habe jetzt die Communitystandards überarbeitet: „Wir haben den Abschnitt zu ‚Hetzerischen Inhalten (Hate Speech)‘ erweitert und außerdem einen neuen Abschnitt zum Thema ‚Schädigende, irreführende Inhalte‘ hinzugefügt.“ Community-Richtlinien sind leicht und billig zu ändern. Über die tatsächliche Praxis sagen sie wenig aus. Es dauert immer noch nur ein paar Sekunden, bei Spreadshirt Nazisprüche und Coronaleugnerei zu finden. Was zählt, sind nicht die blumigen Statements. Was zählt, ist das, was am Ende auf den T-Shirts steht.

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