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Sep Ruf und Theo Pabst mit ihrem Treppenhaus im Justizgebäude Neue Maxburg, München 1953-1957.
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Sep Ruf und Theo Pabst mit ihrem Treppenhaus im Justizgebäude Neue Maxburg, München 1953-1957.

Heiter Wohnen auf Ruinen

Eine Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne präsentiert die janusköpfige "Architektur der Wunderkinder" zwischen 1945 und 1960

Von ALEXANDER KLUY

Aus den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts stammen die Fuggerei zu Augsburg, die Nürnberger Kaiserburg, fast halb Rothenburg ob der Tauber, in München außer dem Herkulessaal, einem Konzertsaal in der Residenz, und dem Preysing-Palais an der Feldherrenhalle auch die Alte Pinakothek, das Siegestor und fast die gesamte Ludwigstraße, in Aschaffenburg das Schloss Johannisburg und im mainfränkischen Würzburg schließlich die Residenz.

Alles Lüge, alles Fantasie? Keineswegs. Alle diese Bauten wurden, weil mehr oder minder kriegszerstört, nach 1945, neu entworfen und wieder aufgebaut. Der schöne, weil schön ambivalente, damals hierfür geprägte Euphemismus für diese sich oft über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hin ziehende Anstrengung lautete "schöpferische Rekonstruktion".

Ambivalenz ist ein Schlüsselwort, will man sich der unterschätzten Architektur der Fünfziger Jahre nähern. Das Architekturmuseum der Technischen Universität München hat sich nun mit der ehrgeizigen, mit 800 Exponaten etwas überladenen Schau über die "Architektur der Wunderkinder" vorgenommen, den Zwiespalt von Aufbruch und Verdrängung sichtbar zu machen. Zwischen diesen Polen, einem ungeheuer dynamischen, teils naiv optimistischen Modernisierungswillen und einem auf Bewährtes setzenden Konservativismus, zwischen Glaspavillon am einen Ende der Skala und Walmdach am anderen, vollzog sich das Bauen im Nachkriegsdeutschland.

Wie hart Vergangenheit an Gegenwart prallte, zeigt symptomatisch bereits die Auftaktcollage, mit der man in die umständlich aufgebaute Ausstellung eintaucht. Zweimal Mai, ist man versucht zu mutmaßen. Oben Mai 1945 und die ersten Amerikaner in München, denen beim Einfahren in die Stadt von den Deutschen freudig entgegen gewunken wird. Unten Mai 1960 und schicke Damen und elegante Herren, sorglos in der Sonne sitzend unterm Neonschriftzug ?Espressobar'. "Alles im Leben meiner Tochter soll Schwung, Grazie, Leichtigkeit und Klarheit, Frische und Abenteuer sein", hieß es 1951 in Alberto Moravias Der Konformist. "Nichts soll in diesem Leben an jene blutrünstige Pedanterie erinnern, die bis gestern mein Geschick gewesen ist."

1955 widmete die Zeitschrift Magnum ein ganzes Heft dem Thema "Wir freuen uns die Nachricht bringen zu können, die Welt wird heiter." Im Heftinneren war zu lesen, man werde nun "einer Zeit entgegengehen, die entspannter ist, in der die Gegensätze sich ausgleichen, in der der Fanatismus von den Menschen abfällt, in der wir neue Lebensmöglichkeiten und neue Lebensfreuden gewinnen, in der wir heiterer leben, heiterer beten, heiterer arbeiten, heiterer wohnen."

Heiter immer weiter - das zeigt diese Schau deutlich. Da stehen dann Seit'an Seit' Egon Eiermann und ein "Milchpilz", Ernst Neufert und das Kinderbuch Mecki bei den Negerlein, Raymond Loewys Hässlichkeit verkauft sich schlecht und elegante Einfamilienhäuser, transparente Pavillons und schwebende Aussichtscafés, großformatige Planungen für luftige, in viel Grün eingebettete Schulbauten und sich entfesselt sich selber inszenierende Schautreppenanlagen, die sich über mehrere Podeste kreuz und quer durch Atrien ranken. Aber nicht nur das. Winfried Nerdinger und sein Team versuchen zugleich, die Bestrebungen des Bewahrens sowie die Traditionslinien und formalen Kontinuitäten der 1930er, die sich fast nahtlos in die fünfziger Jahre prolongierten, aufzuzeigen. Mit schwankendem Erfolg und nicht immer gleich sicherem Zugriff. An bestimmten Karrieren, an Bildvergleichen, an einigen realisierten Projekten lässt sich dies festmachen, wird aber erst so recht im Begleitbuch begreifbar. Das Architekturmuseum hat sich, den Schwerpunkten der eigenen Sammlungsbestände folgend, auf Bayern konzentriert. So sieht man Pläne für Entwurfsgestaltungen des Marienplatzes in der bayerischen Landeshauptstadt und weit in die Landschaft ausgreifende Zeilenbebauungen der amerikanischen Truppen wie auch noch heute bezwingende Wohnhäuser, Verwaltungsgebäude und Bürobauten eines Sep Ruf oder der Gebrüder Luckhardt, von Wilhelm Schlegtendal, Hans und Traudl Maurer oder Alexander von Branca. Aber auch Provisorien wie Notkirchen und erstaunlich Experimentelles wie Fertighäuser aus Stahl.

Disziplinierter Wille

Eindeutig zu kurz kommen dagegen die ersten Ansätze für eine auto(bahn)gerechte Stadt und die einhergehende Transformation traditioneller Stadtwege und Viertel. Auch der neckische Versuch, so etwas Mentalitätsgeschichte mit Stuhl, Lampe, Kleidern und einer Isetta zu treiben, versandet schnell. Dieser Aufstieg aus Ruinen binnen eines Dezenniums, der disziplinierte Wille der Deutschen, "die den unheimlichen deutschen Grund, das völkische Moor, dem sie, o Wunder, entkamen, nun ruhen lassen möchten, unter dem einschläfernden harten, glatten Belag der Autobahn, über die ihr frisch lackiertes Selbstbewusstsein, blechgepanzert, motorpotent, neuen faszinierenden Abgründen entgegenrast", wie Wolfgang Koeppen 1966 schrieb, wird an kaum einer Stelle deutlich. Das Beschweigen der jüngsten Vergangenheit dann schon eher.

Architektur und Städtebau der fünfziger Jahre prägen die Städte, in denen wir heute leben, weitaus stärker als allgemein beachtet. Aber gerade der Umgang mit den zwischen 1950 und 1960 errichteten Bauten bereitet heute Schwierigkeiten, Nutzern wie Denkmalschützern. Nicht umsonst macht der Direktor des Architekturmuseums darauf aufmerksam, dass die DIN 4108 Wärmeschutz-Vorschrift anno 1952 18 Seiten umfasste, die aktuelle Version vom März 2004 dagegen 364 Seiten. Renovierung ist dann oft genug ein anderes Wort für Entsorgung unkenntlich gewordener Baugeschichte.

Pinakothek der Moderne, München, bis 30. April. Der Katalog kostet im Museum 39 Euro.

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