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Ein Gebäude im Stil des Neuen Bauens in der "Weißen Stadt" Tel Aviv.

Architektur

Ein Haus ist nichts Statisches

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100 Jahre Bauhaus: Auf Spurensuche nach Architekten des modernen Bauens und einer gesellschaftlichen Vision in Tel Aviv und israelischen Kibbuzim.

Bauhaus-Fans geraten schnell ins Schwärmen, wenn von Tel Aviv die Rede ist. Der „Weißen Stadt“ am Mittelmeer, 2003 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. In Fülle und Vielfalt entwarfen und bauten  hier in den Dreißigerjahren vor den Nazis geflohene jüdische Architekten eine Stadt, die seinerzeit als modernste der Welt galt. Das Bauhaus, 1919 als Reformschule in Weimar gegründet, war 1933 in Berlin, unmittelbar nach Hitlers Machtübernahme, geschlossen worden. Aber die Ideen der Schule, so das Narrativ, beflügelten Tel Aviv, wo gleich tausendfach Wohnhäuser mit flachen Dächern, ungewöhnlich anmutenden Rundbalkonen oder auch schnörkelloser Geradlinigkeit entstanden. 

Bauhaus-Kenner schauen allerdings meist etwas gequält drein, wenn man ihnen mit dem Klischee von Tel Aviv als weltweit größter „Bauhaus-Stadt“ kommt. Der israelische Architekturtheoretiker Sharon Rotbart nennt es schlichtweg „ein cleveres Branding“, nützlich zugleich für Tourismusmanager, Eigentümer und Makler. Rotbart sitzt daheim am Küchentisch im nicht gerade trendigen Tel Aviver Schapira-Viertel und seufzt. Der Name Internationaler Stil, der für die „Weiße Stadt“ eigentlich charakteristisch ist, ziehe nun mal weniger. Ein Oberbegriff, unter den vieles fällt, nicht nur Bauhaus, auch die russischen Konstruktivisten oder der Schweizer Le Corbusier, der 1917 sein Büro nach Paris verlegte und die Zeitschrift „L’ Esprit Nouveau“ mitgründete. „Bauhaus hatte doch kein Monopol auf den Modernismus“, sagt Rotbart. 

Überdies waren unter den Hunderten Architekten in Tel Aviv gerade mal vier Bauhausschüler tätig, von denen einer herausstach. Arieh Sharon, der noch heute in Israel als „Architekt der Nation“ gefeiert wird. Unter diesem Titel präsentierte unlängst eine Ausstellung in Tel Aviv eine Retrospektive seiner Arbeiten. 

Wenn es denn eine Wechselbeziehung gab, verkörperte sie keiner besser als Sharon, der vom Kibbuz zum Bauhaus kam, angezogen vom „Zentrum neuer Ideen und neuer Techniken“ im Deutschland der Zwanzigerjahre. Und der schließlich, 1931, angewidert von den mit jedem Tag unverfrorener auftretenden Nazis, zurückging ins gelobte Land, das ihm noch offen genug schien, wie er später notierte, für die „Botschaft zeitgenössischer Trends in Architektur und Planung“. 

Seine Formensprache überzeugte durch rationale Schlichtheit, nicht durch neumodische Extravaganzen. Sie orientierte sich an der Funktion, von innen nach außen, so wie er es bei Hannes Meyer in Dessau gelernt hatte. Umgekehrt inspirierte Sharon die Bauhaus-Meister. Sie waren gleich angetan von diesem jungen, aus Palästina angereisten Kibbuznik, der fünf Jahre praktische Aufbauerfahrungen mitbrachte. Und so nahm Meyer, der eigentliche Bauhaus-Architekt, der 1926 dabei war, die Bauabteilung zu gründen, Sharon als einen der ersten Studierenden in seiner Klasse auf. 

Meyer war es auch, der Sharon nach dem Studium in sein privates Büro holte und ihm bei einem der prestigeträchtigsten Bauhaus-Projekte, der Bildungsstätte des deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau, die architektonische Aufsicht anvertraute. Beide verband die Vorliebe für genossenschaftliche Konzepte. In Tel Aviv war dafür eher wenig Platz. Die Arbeitersiedlung, die Sharon dort entwarf, gilt zwar als konsequente Umsetzung von Bauhaus-Gedanken. Aber jene, die einzogen, merkt Rotbart spöttisch an, „gehörten eher zur Bourgeoisie“. 

In den Kibbuzim war das anders. Gleich für vierzig dieser jüdischen Neuansiedlungen im Britischen Mandatsgebiet Palästina entwickelte Sharon nach seiner Rückkehr aus Deutschland Masterpläne, darin integriert Kinderhäuser, Speisesäle und Fabriken, bei deren Anordnung er, der passionierte Bienenzüchter, sich mitunter vom Modell der hexagonalen Bienenwabe inspirieren ließ. 

Kibbuz und Bauhaus schienen ein perfektes Paar, um die sozialen Utopien einer neuen, demokratischen Gesellschaft zu realisieren. Beide waren gewissermaßen Pioniere des Kollektivs. Zumindest weltanschaulich verband sie einiges. Der kooperative Ansatz. Der Bruch mit dem Herkömmlichen. Der Wille zur radikalen Lebensreform. All das prägte die deutschen Avantgardisten, die vor bald hundert Jahren, im April 2019, in Weimar die erste, noch staatliche Bauhaus-Schule unter Leitung von Walter Gropius gründeten. Ähnlichen Idealen folgte die noch ältere Kibbuz-Bewegung, für die sich zwei weitere Bauhaus-Architekten, Shmuel Mestechkin und Munio Weinraub, sowie andere Vertreter der Moderne engagierten. 

Edina Meyer-Maril, eine promovierte Berliner Kunsthistorikerin, erinnert sich gut an ihre Überraschung, als sie beim Besuch in einem Kibbuz-Kinderhaus ein Mobiliar entdeckte wie von Marcel Breuer entworfen. Mit dem Thema Bauhaus hatte sie sich schon im Studium an der TU Berlin beschäftigt, wo sie auch ihren Mann, einen Israeli, kennenlernte. Ihm zuliebe ging sie 1972 nach Israel. Sie kam wie gerufen. An der Tel Aviver Universität, die gerade eine Architekturfakultät gründete, war Meyer-Maril, um es mit ihren Worten auszudrücken, „damals die einzige auf weiter Flur, die Design unterrichtete“. 

Sie schickte ihre Studenten in die Kibbuzim, um nach Bauhaus-Spuren zu suchen. Schärfte ihr Bewusstsein für modernes Baudenken, das mit Beginn des Zweiten Weltkrieges mehr und mehr in Vergessenheit geraten war. 1939 hatten die Briten einen Baustopp verhängt. Es fehlte am nötigen Stahl für die Skelettkonstruktionen. Nach Israels Staatsgründung 1948 kehrten bescheidene Formen, angelehnt an Bauhaus, wieder. Aber das, sagt Meyer-Maril, „war keine Frage der Ideologie, sondern der Materialien, die man hatte“. 

Auch in Tel Aviv drang die Erinnerung an das architektonische Erbe erst im Laufe der Neunzigerjahre ins allgemeine Bewusstsein vor. Eine Konferenz über Architektur im Internationalen Stil, ausgerichtet von Micha Levin, der wie Meyer-Maril den Bauhaus-Ablegern in Israel nachspürte, brachte 1994 den Durchbruch. Stadtarchitektin Nizza Smuelek, zuständig für Denkmalschutz, erstellte Listen erhaltenswerter Bauhaus-Architektur oder das, was man dafür hielt. Führungen zum Rothschild-Boulevard und in die Seitenstraßen rund um den Dizengoff-Platz, wo die Moderne in den Dreißigerjahren Blüten trieb, waren auf einmal „in“. 

Wenn überhaupt ziehen die Kibbuzim erst jetzt nach. Selbst im Kibbuz Gan Shmuel, den Sharon 1921 mit der sozialistisch-zionistischen Jugendgruppe HaTsair übernommen hatte, ist die Wertschätzung für die Relikte moderner Baukunst eher gering. Das von Sharon konzipierte Kinderhaus dient heute als Gerätelager.

Der nach seinem Entwurf gebaute Speisesaal musste schon vor Jahren einem wuchtigen Neubau weichen. Und die paar noch erhaltenen zweigeschossigen Wohnhäuser, die Sharon in den frühen Dreißigerjahren für seine Kibbuz-Genossen schuf, sehen – von einer Ausnahme abgesehen – so graumäusig aus, dass sich erst auf den zweiten Blick ihr Bauhaus-Design offenbart. Darin zu leben sei auch nicht gerade begehrt, berichtet der Kibbuz-Sekretär. Weil ein Kibbuznik nun mal lieber einen Garten direkt vor der Tür habe, was eine Wohnung im zweiten Stock leider nicht ermögliche. 

Nur dank seiner kürzlich weiß aufgefrischten Fassade springt eines dieser Gebäude ins Auge. Sein heller Außenanstrich hebt die strengen horizontalen Linien der Balkon-Reling hervor, die klare Geometrie der offen gelassenen Rechtecke an der Frontseite, die viel Licht und Luft reinlassen, aber wenig pralle Mittagssonne. Ja, das ist unverkennbar Bauhaus, auch wenn das hinzugefügte Vordach aus Wellblech samt dem Fertigschuppen darunter überhaupt nicht ins formschöne Bild passen.  

Stünde dieses zweigeschossige Wohngebäude nicht im Kibbuz Gan Shmuel, sondern in Tel Aviv, dem Mekka des Neuen Bauens, wäre es garantiert ein Objekt der Begierde. Vermutlich hätten dort allerdings Investoren auch das Hausinnere entkernt und aus je zwei Wohnungen eine großzügige schicke Bleibe gemacht. Aufstocken ist bei ihnen ebenfalls beliebt. In Sachen Denkmalschutz geht die Tel Aviver Stadtverwaltung so einige Kompromisse ein. Von den 4000 Häusern, die zur Moderne gerechnet werden, steht zwar jedes zweite unter Denkmalschutz, aber die Auflagen beschränken sich auf Fassaden und Treppenhaus. An die strengen Vorschriften der Denkmalpflege ist der Unterhalt von nur 140 Häusern gebunden. Zu denen zählt das Max Liebling-Haus in der Idelsonstraße 29, das derzeit mit deutscher Unterstützung zum „White City Center“ umgestaltet wird. Programmdirektorin ist Sharon Golan-Yaron, die als gelernte Architektin darauf achtet, dass bei der Restauration dieses Vorzeigeprojekts jedes Detail, jede Kachel, jede Türklinke möglichst originaltreu wiederhergestellt wird. 

Der Kosmetikproduzent Ron Lauder war da weniger penibel, als er ein besonders stattliches Bauhaus in der Bialikstraße, gleich um die Ecke des „White City Center“, aufwendig restaurieren ließ. Jetzt strahlt der Komplex wieder in schlichtem Weiß. Nur die in den Eingang gesetzte Tür aus dunkelbraunem Edelholz ist ein arger Stilbruch. Es gibt schlimmere Bausünden im Herzen Tel Avivs. Problematisch wird es vor allem, meint Golan-Sharon, wenn auf horizontal angelegte Häuser mehrere Stockwerke draufgesetzt werden, so dass sie eine vertikale Gestalt annehmen. 

Andererseits ist eine Stadt kein Museum. Sie pulsiert, muss sich entwickeln, um sich den Bedürfnissen ihrer Bewohner anzupassen. Dass ein Denkmal in Tel Aviv nicht als etwas Statisches begriffen wird, „ist wahrscheinlich auch im Sinne der Bauhaus-Schule“, findet Golan-Sharon. 

Schon damals, in den Dreißigerjahren, als große Immigrationswellen aus Europa ins Land kamen, war der rasant steigende Wohnungsbedarf das treibende Element. Ganz viel musste ganz schnell gebaut werden. Das als Gartenstadt geplante Tel Aviv, der „Frühlingshügel“, ließ genügend Freiraum für lockere Bebauung und kühne Ideen. Die Skelettbauweise machte alles möglich: gerundete Ecken, haushohe Fensterschlitze, Häuser auf Stelzen, um die Meeresbrise zur urbanen Durchlüftung zu nutzen. Man kupferte voneinander ab, variierte Entwürfe, passte sie klimatischen Verhältnissen und eigenwilligen Bauherren-Wünschen an. Mit Bauhaus-Ideen, die sich an konstruktiver Einfachheit orientierten, hatte das oft nichts zu tun. Mit Experimentierlust in moderner Formensprache aber sehr wohl. 

„Dass all die jüdischen Emigranten sich darin versuchten, macht Tel Aviv so interessant“, meint Zvi Efrat, ehemals Leiter der Kunstakademie Bezalel in Jerusalem. „In dieser Ecke der Levante wurde das Neue Bauen auf einmal von links bis rechts populär, während die Bauhaus-Philosophie in Deutschland etwas für Intellektuelle blieb.“ Was die Nazis als „jüdischen Baubolschewismus“ diffamiert hatten, beeinflusste in Israel/Palästina eine „Architektur der Hoffnung“. Nicht unbedingt in Reinform, aber dafür ganz real. 

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