Golo Mann an der Tür seines Elternhauses in der Schweiz im Jahr 1984.
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Golo Mann an der Tür seines Elternhauses in der Schweiz im Jahr 1984.

Interview zu Golo Mann

"Hau ihn, hau ihn, ruhig ein bisschen mehr"

Golo Mann in den Augen seines Weggefährten Rudi Bliggenstorfer: Er spiricht über Manns unterdrückte Homosexualität, sexuelle Gewaltphantasien und die Übermacht seiner Mutter, Katia.

Sie standen Golo Mann während rund zwanzig Jahren nahe. Können Sie uns etwas über Ihre Freundschaft erzählen?

Ich lernte Golo 1968 bei Manuel Gasser, einst Mitgründer der Weltwoche und damals Chefredaktor der Zeitschrift Du, kennen. Er suchte jemanden, der ihn herumchauffierte, und wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Bis zu meinem Wegzug aus Europa 1983 hatten wir einen permanenten und engen Kontakt. Wir wohnten nur ein paar Kilometer auseinander, in Kilchberg bei Zürich, und unternahmen unzählige Wanderungen und Reisen, nach England, Frankreich, CSSR, Spanien, immer wieder in sein Haus nach Berzona, wo auch Max Frisch und Alfred Andersch wohnten, und zu seinen vielen Vorlesungen und Besuchen in Deutschland, zum Beispiel bei Willy Brand. Seiner Mutter Katja habe ich oft das Abendessen gekocht. Später machten wir zusammen das Fotobuch zu seinem Hauptwerk "Wallenstein".

Wussten Sie, wer Golo Mann war, als Sie ihn kennenlernten?

Ich war ein literarischer Banause und wusste nicht einmal, wer Thomas Mann war, geschweige denn sein Sohn Golo Mann. Er war einfach Deutscher in der Schweiz, der hin und wieder in Deutschland zu tun hatte. So lernte ich Golo wirklich absolut unvoreingenommen kennen, was vielleicht, so stelle ich mir vor, kein anderer Mensch je tat. Das ermöglichte, primär den Menschen und nicht etwa den Professor, Historiker, Schriftsteller oder was auch immer kennen zu lernen. Alles andere nahm ich später einfach zur Kenntnis, und erkannte noch für lange Zeit die eigentliche Gewichtigkeit seiner Person nicht.

Eben erschien die neue Golo-Mann-Biografie von Tilmann Lahme, zu der Sie viele Informationen beigetragen haben, insbesondere auch zu Manns Homosexualität, die bisher stiefmütterlich behandelt wurde.

Es gibt zum Beispiel die große Biografie von Urs Bitterli. Auf den 700 Seiten ringt sich der Autor gerade einmal zu folgender verschmockter Passage zum Thema Homosexualität durch: Golo Mann "akzeptierte sie, sublimierte sie aber ins Platonische. Nach dem Tod der Mutter holte er Studierende zu sich ins Kilchberger Heim, meist junge Spanier, die ihm in Haus und Garten zur Hand gingen und mit denen er sich in ihrer Sprache unterhielt. Die sexuelle Annäherung versagte er sich, aber die Liebe unterdrückte er nicht, und sie verschaffte ihm in fortgeschrittenen Jahren die Freuden und Leiden, die sich mit ihr zu verbinden pflegen". Mann war schwul, basta. Aber er konnte seine Wünsche nur mit Hemmungen und Schuldgefühlen verwirklichen. Erst wenige Tage vor seinem Tod bekannte er sich in einem Interview offen zu seiner Homosexualität, bemerkte jedoch, dass er sie aus Angst vor Repressalien nie wirklich ausgelebt habe: "Ich hab\' mich nicht oft verliebt. Ich hab\' es sehr oft für mich behalten, das war vielleicht ein Fehler. Es war ja auch verboten, selbst in Amerika, und man musste schon ein bisschen achtgeben."

Hatte Mann auch Beziehungen zu Frauen?

Golo hat nie mit einer Frau geschlafen, abgesehen von einem missglückten Versuch in einem Bordell irgendwo in Deutschland, wo die Prostituierte ihm zum Schluss noch mitleidig sagte: Versuchen wir\'s halt morgen noch einmal. "Weißt Du Bliggi, ich war ja so blöd und naiv in diesen Sachen", kommentierte er die Affäre später. Einmal sagte er: "Ich schwöre es Dir, ob Du\'s mir glaubst oder nicht, eine Frau hat mich noch nie mehr als bis zum Kinn interessiert, alles was darunter kommt, geht mich überhaupt nichts an, damit kann ich nichts anfangen", und machte dabei eine scharfe Handbewegung, die des symbolischen Halsabschneidens, um die definitive Grenze des Interessengebietes klar zu markieren. Unter Zudringlichkeiten, die zu jener Grenze tendierten, litt er.

Können Sie ein Beispiel geben?

Anneliese Popinger, Adenauers Sekretärin, ging ihm eine Zeit lang, auch in den Siebzigern, arg auf die Nerven. Popinger war für Golo natürlich nicht irgendwer, sie war Adenauers Vertraute, und da gehört es sich für einen pflichtbewusst Erzogenen, doch etwas freundlicher eine Grenze zu setzen als sonst. Aber auch freundlich gab Golo die Zeichen klar und deutlich. Ich erinnere mich, nach einen Besuch der Popinger im Hotel Biederstein in München war Golo über ihre Aufdringlichkeit völlig aufgebracht, beim Nachtessen und viel Wein erzählte er die Geschichte, in der, außer Briefwechsel, gar nichts vorgekommen ist. In Erinnerung ist mir noch der Schluss aus einem Brief an sie, wo er ihr mitteilt, dass ihr Interesse völlig zwecklos und unmöglich sei, eben, bisher und nicht weiter. Natürlich war sie danach über die deutliche Abweisung gekränkt.

Wie sah er selber seine Homosexualität?

Sie wurde im Internat in Salem entdeckt; man versuchte mit allen Mitteln, ihn davon abzubringen und redete ihm ein, es handle sich um eine Perversion. 1933 notierte er in sein Tagebuch: "Nach allem muss ich meine homosexuelle Veranlagung als ein großes und entscheidendes Unglück betrachten ... Welches Bund an Leben und Tätigkeit ist nicht eine Frau! Wenn ich nur auf die junge Gräfin einen freundlichen Blick geworfen hätte, anstatt auf den Grafen; da wäre Hoffnung, Beschäftigung der Gedanken, Sinn; aber so? Der Tod." Seine Homosexualität blieb für ihn bis ans Lebensende etwas höchst Problematisches

Es war Manuel Gasser, der Golo Mann zu einem "Coming out" animierte, nicht wahr?

Manuel Gasser lernte er 1937 kennen. Der war für ihn der große erotische Held und Feldherr. Immer wieder schwärmte Golo von seinen Taten, wie er im katholischen Internat schon als Pubertierender alle Schulkameraden seiner Klasse, jeden einzeln verführt habe, und wie dann alles aufgeflogen sei. Oder als Manuel hinter dem Zürcher Hauptbahnhof eine kleine Wohnung hatte, wo man ihn immer mit allerhand Proleten, die er in der Bahnhofgegend aufgerissen hatte, am Boden sitzend Jasskarten spielend angetroffen habe. Oder wie Manuel zu den feinsten Einladungen der Hautevolee in Paris mir nichts dir nichts mit tätowierten Matrosen ankam. Auch dass der Gasser die Jungs mit dem Rohrstock züchtigte, wenn es nötig war, löste im unbeholfenen Golo die allergrößte Faszination aus, und dass einer nach einer Session Haue aus London auf einer Postkarte schrieb, "I\'m beginning to like it", hat er mir immer wieder erzählt. Manuel war sein Idol.

Und dann - legte auch Golo los?

Sicherlich war Gasser ein später Segen für Golo, der ihm große Erleichterung brachte. Manuel war ein passionierter Verführer zum Verführen und weihte Golo gern in die homoerotische Welt ein. Jetzt war er doch mindestens nicht mehr allein mit seinen homosexuellen Fantasien und Wünschen. Und: wenn\'s der große Bruder Manuel tut, dann wird\'s schon recht sein. Eine Relativierung der schweren Schuldgefühle ist wohl gelungen, ein wirkliches Coming out nicht.

Hatte er denn Liebhaber, Partner, boy-friends?

Er hatte, vor allem in London, sicher hier und da - bezahlte - Kontakte, etwa zu Matrosen. In der Armee hatte er dann einen Freund, Jim Ferris. Nach 1945 wohnte er im amerikanischen Claremont, wo er am College unterrichtete, mit Ted Klotz zusammen; aber das war wohl eher platonisch. Später gab es Francisco, den ich nie mochte. Ein Großmaul, das sich für höchst gebildet hielt, mit einem furchtbar wichtigtuerischen Auftreten. "Wer mich haben will, muss für mich bezahlen", ein Ausspruch, der mich schockierte. Dem Golo vorgestellt oder eingebrockt hat dieses aufgeblasene Bürschlein ein Graf Coloredo, der nichts anderes tat, als mit seinem alten Sportwagen die einschlägigen Plätze in ganz Europa abzufahren. Ganz anders war Gutierrez, genannt Guti; sehr sympathisch, aber leider heterosexuell. "Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich diesen Jungen über alles liebe", sagte mir Golo einmal, "die reinste und keuscheste Liebe, die es geben kann, und sicher meine letzte auch." Guti war sehr groß, mit einem bleichen, hageren, aber trotzdem anmutigen Gesicht. Er passte zu Golos Vorstellung vom strebenden, hart arbeitenden, belesenen, leicht kränklichen, aus ärmlichen Verhältnissen kommenden Studenten.

Wie erlebten Sie Golo Manns Verhältnis zu seinen Eltern?

Wenn von den Manns die Rede ist, spricht man immer vom berühmten Vater, in dessen Schatten die Kinder standen. Was oft ausgeblendet wird: Thomas Mann war völlig abhängig von seiner Frau Katia. Er hatte nicht einmal Zugriff auf sein Bankkonto; als Katia allein im Urlaub war, musste er bei den Nachbarn solange Geld borgen. Es geht unter, dass im Hause Mann absolutes Matriarchat herrschte. Erinnert sei an Golos Versuch, im hohen Alter seiner Mutter zu entfliehen, als er Hals über Kopf nach Iking im Isartal zog. Ich half ihm damals noch das Haus einrichten. Endlich frei! Nicht vom Vater, von der Mutter! Die Zeitung Blick titelte damals: Siebzigjähriger verlässt seine Mutter! Wie ihn das geärgert hat. Er wollte es seinem großen Vorbild Manuel nachtun. Wie Gasser, wollte auch er jetzt einen Koch und Diener aus Marokko haben. Manual organisierte einen Mohamed, und der Bayrische Monarch, Strauss, sorgte für die Aufenthaltspapiere.

Und, klappte die Abnabelung?

Es war ein Desaster! Erste Dummheit: Golo sandte Geld statt des Tickets für den Flug nach Marokko. So mussten Manuel und ich ihn erst mal energisch belehren. Im Gegensatz zu Manuel, der die Jungs unter strenger Fittiche hatte, war Golo höchst naiv. Ich warnte Golo mehrmals, was er jeweils mit einem " sei nicht immer so negativ" abtat. Bis dann Mohamed unter anderem seinen schönen Citroën zu Schrott fuhr und er ihn wieder nach Marokko schickte. Bald danach war das Projekt "eigener Haushalt" gescheitert, und es ging wieder zurück zur "Hexe" - so nannte er die Haushälterin Mathilde - und zur Frau Mutter.

Mischten sich bei Golo Mann auch Gewaltfantasien ins Sexuelle?

Viel wurde erzählt von einem Bekannten oder gar Onkel auf einem Schloss in Frankreich, bei dem sich reiche Amerikanerinnen kreuzigen ließen. Kreuzigungen, Hängegeschichten und Prügelstrafen gehörten zu seinen Fantasien. "Mohamed wusste, wieso man Prügelstrafen auf die Fußsohlen geben soll", erzählte er. "Es sei der einzige Ort wo man keine Lust verspüre." Einmal, als ich mit meiner ersten Frau, einer Kolumbianerin, in Berzona stritt, riet er ihr: Komm, wir verhauen ihm den Arsch. Kaum gesagt, packten mich die beiden, drückten mich runter, und Golo schrie: "Hau, hau ihn, ruhig ein bisschen mehr, mehr noch, gib ihm, ja gut so, er hat es schon lange verdient!" Natürlich habe ich mich etwas gewehrt und geschrieen, aber damit auch gerne eine Fantasie erfüllt, die für mich mehr Gaudi als Schmerz war und keinen in Verlegenheit brachte.

Litt Golo Mann unter seiner nicht ausgelebten Sexualität?

Er nannte die Sexualität schuldbewusst "das Tier in mir" und kämpfte das Leben lang mit Depressionen. Sein Rezept dagegen waren Wanderungen und Gedichte. In Kalifornien, als ihn der Zustand wieder einmal übermannte, suchte er Hilfe bei einem Psychiater, der ihm riet Ziehharmonika zu spielen, was er auch versuchte. Unvorstellbar - Golo mit einer Ziehharmonika hantierend! In Berzona hatte er oft Besuch von Freunden, die meisten mit Frau oder Freundin. Wenn die sich dann spät am Abend zurückzogen, während Golo allein zu Bett ging, ermahnte er sie oft: "Verlustiert Euch nur, ich bin es ja gewohnt, allein im Heu zu liegen; aber bitte nicht zu laut und passt auf die Bettwäsche auf, nicht dass Martha, die Wäschefrau, auf falsche Gedanken kommt." Sogar mit sechzig, im eigenen Haus, immer noch die Angst vor der Bettwäschebeschmutzung und vor dem Entdecktwerden! Was für eine einsame Tragik: Mit Schlafmitteln und dem Aufsagen von Heinrich Heine versuchte er sein Verlangen zu vertreiben, während Gäste in seinem Haus herumbumsten. Einmal war er mit seinem angehimmelten Hans Beck und Neffe Frido in Paris und spendierte den beiden einen Puffbesuch, während er selber wie immer allein nach Hause ging. Das war typisch.

Wäre er eigentlich schockiert darüber, dass sein Intimleben jetzt so öffentlich ausgebreitet wird?

Nein, er hielt es immer mit Platen: "Es kenne mich die Welt, auf dass sie mir verzeihe." Allerdings erst nach seinem Tod; dann sollten seine Tagebücher veröffentlicht werden, damit alle wüssten, wie schwer es es hatte.

Interview: David Signer

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